Das Leben auf der Straße hinterlässt Spuren, auch bei streunenden Katzen in Baden-Württemberg. Foto: imago images/Itar-Tass

Im Landkreis Böblingen gibt es immer mehr streunende Katzen. Jetzt schlägt das Kreistierheim Alarm. Wann kommt die Kastrationspflicht in den einzelnen Kommunen?

Sie haben oft struppiges Fell, verklebte Augen, sind dünn, und ihr Körper weist Verletzungen auf – wild lebende Katzen sind vom Leben auf der Straße gezeichnet. Wer denkt, in Deutschland gibt es keine herrenlose Katzen, der irrt sich. Herumstreunende Katzen werden auch hierzulande immer mehr zum Problem.

 

In Deutschland leben schätzungsweise zwei Millionen Streunerkatzen. Sie leben versteckt, zurückgezogen und müssen um ihr Überleben kämpfen. Viele von ihnen landen kurzzeitig im Tierheim, bis sie sich von ihren Verletzungen oder Krankheiten wieder erholt haben. Oft bringen sie dort Kitten zur Welt.

15 000 Euro für Streunerkatzen reichen nicht mehr

„Wir haben große Probleme mit streunenden Katzen,“ sagt Wolf Eisenmann, stellvertretender Vorstand der Kommunalanstalt Kreistierheim Böblingen und ehemaliger Böblinger Vizelandrat. Und das, obwohl der Kreis eigentlich gut vorgesorgt hat. Seit 2012 sind im Kreishaushalt jährlich 15 000 Euro für Streunerkatzen reserviert. Bis 2019 reichte dieser Betrag jeweils aus, um die herrenlosen Tiere zu behandeln.

Doch seit 2024 ist ein rasanter Anstiegt der wilden Katzen zu verzeichnen. „Wir benötigen deutlich mehr Geld. Die Kosten liegen mittlerweile pro Jahr bei rund 40 000 Euro“, sagt Eisenmann. „Zum einen liegt es daran, dass wir immer mehr Straßenkatzen haben, und zum anderen sind die Tierarztkosten stark angestiegen“, weiß Eisenmann.

Für das Jahr 2024 hat das Kreistierheim vom Land Baden-Württemberg erstmals für seine entsprechenden Aktivitäten einen Zuschuss von 10 000 Euro nach der „Verordnung zur Förderung von Tierschutzmaßnahmen“ erhalten. Doch auch das reicht nicht aus.

Richtig frei lebende Katzen müssen frei bleiben

Die herrenlosen Katzen seien in aller Regel krank und bräuchten jeweils eine ärztliche Versorgung. „Die Tiere sind oft in einem fürchterlichen Zustand. Sie fressen alles, was sie finden können, um am Leben zu bleiben“, weiß der Tierfreund. Von diversen Infektionskrankheiten wie Katzenschnupfen oder Leukose, über Parasiten bis hin zu Verletzungen – die Bandbreite der zu versorgenden Probleme der frei lebenden Katzen ist groß.

Wurden sie im Tierheim gesund gepflegt, so werden sie wieder dorthin ausgesetzt, wo sie einst gefunden wurde. „Denn eine richtig frei lebende Katze kann man nicht mehr domestizieren“, weiß Eisenmann. „Die werden verrückt bei uns im Tierheim.“

Babykatzen kommen nicht zurück auf die Straße

Im Kreis Böblingen gebe es eine Gruppe Ehrenamtlicher, die sich mit viel Herzblut um wild lebende Katzen kümmere, erzählt der Vorstand des Kreistierheims. 2024 wurden mehr als 200 wilde Katzen eingefangen, aufgepäppelt, kastriert und wieder in die Freiheit entlassen. Hinzu kamen 156 Jungkatzen. 87 Kitten wurden von Straßenkatzen im Tierheim geboren. Ehrenamtliche versorgten manche der Kleinen rund um die Uhr. Die Babykatzen kommen nicht mehr auf die Straße zurück, sie bleiben im Tierheim und werden wenn sie älter sind in ein schönes Zuhauses vermittelt.

In diesem Jahr hat das Tierheim bis jetzt 95 streunende, verletzte, kranke oder schwache Katzen und 21 Jungkatzen aufgepäppelt, 17 Kitten wurden im Tierheim geboren.

So süß sie sind: Babykatzen bedeuten besonders viel Arbeit. Foto: Stefanie Schlecht

Wie im Katzenschutzreport des Deutschen Tierschutzbundes prognostiziert, steigen die Populationen der Straßenkatzen bundesweit immer weiter – auch in Baden-Württemberg: 77 Prozent der Tierschutzvereine verzeichnen steigende Straßenkatzenpopulationen. Lediglich drei Prozent der Tierschutzvereine in Baden-Württemberg hatten in den letzten 12 Monaten ausreichend Platz, um Katzen aufzunehmen. Die Mehrheit war überbelegt oder ausgelastet.

Kastration von Katzen als einziges Mittel?

Doch was kann man tun, um das Leid der Straßenkatzen in Deutschland zu reduzieren? Wolf Eisenmann ist sich sicher: „Eine Katzenschutzverordnung, bei der Katzenbesitzer verpflichtet werden, ihre Freigänger-Katze zu kastrieren und zu registrieren ist die einzige Möglichkeit, die Population der frei lebenden Katzen zu reduzieren und das damit verbundene Tierleid zu minimieren.“

14 Kommunen haben im Kreis Böblingen bereits eine Katzenschutzverordnung erlassen. In Hildrizhausen stand das Thema am Dienstagabend auf der Tagesordnung des Gemeinderats, das Ergebnis stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest. In Böblingen und in Sindelfingen hat man bislang noch keinen dringenden Handlungsbedarf gesehen, eine Katzenschutzverordnung einzuführen. 2022 wurde das Thema einmal im Böblinger Gemeinderat diskutiert, doch es fand sich damals keine Mehrheit.

Böblingen will einer Fehlentwicklung zuvorkommen

„Die Kollegen vom Ordnungsamt kommen im Juli mit dem Thema Katzenschutzverordnung ins Gremium“, teilt ein Sprecher der Stadt Böblingen auf Anfrage mit. Das Thema werde derzeit aufbereitet. „Einen ,Hotspot’, wo sich besonders viele wild lebenden Katzen in Böblingen aufhalten, haben wir aktuell nicht. Wir greifen das Thema allgemein auf, um einer Fehlentwicklung zuvor zu kommen“, sagt ein Sprecher der Stadt.

Wolf Eisenmann hofft sehr, dass sich noch mehr Kommunen für den Erlass der Katzenschutzverordnung entscheiden und man das Katzenproblem schnellstmöglich in den Griff bekomme. „Das Problem ist größer geworden und man kann nicht einfach die Augen davor verschließen.“

14 Kommunen im Kreis haben eine Katzenschutzverordnung

Definition
Eine Katzenschutzverordnung gilt für alle Hauskatzen einer Kommune, die „Freigang“ genießen und beinhaltet in der Regel: Die Kastration, die Kennzeichnungspflicht durch den Halter, mittels Tätowierung oder Mikrochip durch den Tierarzt sowie die Registrierung der Katze in Portalen wie Findefix oder Tasso.

Ziel
Das Ziel einer Katzenschutzverordnung ist eine dauerhafte Reduzierung der Population von frei lebenden Katzen, was das Tierleid reduzieren und letztendlich auch Kommunen und Tierschutzvereine entlasten soll.

Landkreis Böblingen
Weissach, Aidlingen, Nufringen, Deckenpfronn, Waldenbuch, Schönaich, Bondorf, Weil der Stadt, Rutesheim, Renningen, Leonberg, Gäufelden, Jettingen, Mötzingen haben bereits eine Katzenschutzverordnung.