Zwei junge Männer aus Böblingen wollen mit ihrem „Seelenspiegel“ Friedhöfe zu einem Ort der lebendigen, persönlichen Erinnerung machen. Mit einem QR-Code am Grabstein lassen sich Videos, Texte und Bilder des Verstorbenen aufrufen.
Man kennt QR-Codes vor allem von Bahn-Tickets, Eintrittskarten oder Flyern – mittlerweile sind die quadratischen Symbole mit schwarzem Krickelkrakel auf weißem Grund aber auch auf manchen Friedhöfen zu finden. Wo sonst nur Blumen und Blätter ranken, blitzt mancherorts ein QR-Code am Grabstein auf.
David Kurz und Yusuf Uluc haben eine originelle Geschäftsidee entwickelt: Ihr ganz spezieller QR-Code heißt Seelenspiegel, wird auf einem Grabstein befestigt und mit einem Profil in einer Gedenk-App verbunden. Auf dem Profil können Bilder und Videos aus dem Leben der verstorbenen Person hochgeladen werden – bedeutende Momente, schöne gemeinsame Erinnerungen und Erlebnisse, sowas wie Lebensmeilensteine.
Auf die Idee gekommen ist der Böblinger David Kurz am Grab seines Uropas. „Auf einem Grabstein steht nur der Name des Verstorbenen sowie das Geburts- und Todesdatum. Die wahre Geschichte eines Menschen bleibt oft verborgen“, erklärt der 21-Jährige. „Ich weiß überhaupt nichts über meinen Uropa, obwohl er gleich heißt wie ich“, fügt er hinzu. Er will seinen Opa nicht vergessen, mehr über ihn und dessen Leben wissen, und er beginnt zu recherchieren.
Es gibt auf dem Markt bereits diverse Gedenkportale. Allerdings reicht ihm das nicht aus. „Es geht noch besser. Ich wollte weg von der klassischen Gedenkseite mit Texten und Fotos der Verstorbenen“, so Kurz, der in Koblenz BWL und internationales Management studiert hat und mittlerweile wieder bei seinen Eltern in Böblingen wohnt. Daher legen die Jungunternehmer mit ihrem Seelenspiegel ihren Fokus nun stark auf Videos. Der QR-Code am Grab zeigt den Besuchern nun, dass da noch mehr ist als nur der Name der Verstorbenen und ein paar Ziffern.
Rund ein Jahr hat es gedauert, bis der Seelenspiegel auf den Markt kam
In Yusuf Uluc findet David Kurz den perfekten Partner für seine App-Idee. Denn obwohl der Sindelfinger erst 18 Jahre alt ist und gerade seinen Schulabschluss macht, ist er bereits ein routinierter Programmierer. Ein knappes Jahr tüfteln die beiden an ihrer Idee. „Das Schwierigste war die Software, die hinter der Plattform steckt“, sagt David Kurz, der sich vorrangig um den Marketing-Bereich kümmert, Yusuf Ulucs Job ist die Software. Im vergangenen November stellen sie ihr Produkt schließlich auf Social Media vor. Mit Erfolg: Mittlerweile haben die beiden Jungunternehmer bereits rund 350 Seelenspiegel an Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz verkauft.
Die Handhabung des Seelenspiegels ist für den Benutzer einfach. Die Codes, die aus eloxiertem Alu sind und in Bayern gefertigt werden, werden mit einem Klebestreifen an Grabsteinen oder Urnengräbern befestigt. Wer sein Handy auf den Code hält, kann eine Gedenkseite öffnen – allerdings selbst nichts hochladen. Dazu muss man eine Berechtigung des Besitzers haben. Damit wird auch sichergestellt, dass nicht irgendwer Unsinn hochladen kann. Jeder Seelenspiegel hat Platz für bis zu 500 Bilder und Videos. Eine in die App integrierte KI hilft Angehörigen, den Gedenktext zu verfassen. Zudem überprüft sie, ob die hochgeladenen Videos auch rechtskonform sind.
Aktuell haben die beiden jungen Männer alle Hände voll zu tun. Zu zweit kümmern sie sich um alle Aufgaben, die in einem Unternehmen so anfallen. Von der Produktwerbung, über Kundenanfragen, Softwareprobleme, bis hin zum Versand der Seelenspiegel. Die Gründer, die ihren Sitz im Start-up-Zentrum AI Xpress in Böblingen haben, bekommen viel positives Feedback, sind aber auch für Anregungen offen. „Manche Kunden wünschen sich Hintergrundmusik, andere mehr Informationen im Steckbrief“, erzählt Kurz. Aber er weiß auch: Mit jedem neuen Feature wird die App komplexer. Die Arbeit wird nicht weniger, so manche Nachtschicht muss eingelegt werden.
QR-Codes an Grabsteinen gibt es bereits – aber in anderer Form
Ganz neu ist die Idee mit dem QR-Code auf Grabsteinen nicht. Ähnliche Angebote gibt es bereits in Deutschland und in anderen Ländern. Allerdings ist der Seelenspiegel laut dessen Böblinger Erfinder die erste videobasierte Gedenk-App. „Unser Seelenspiegel QR-Code und die digitale Plattform sind darauf ausgerichtet, die Persönlichkeit und den Charakter eines Menschen lebendig zu halten und in vollem Umfang zu teilen und zu bewahren“, erklärt David Kurz.
Menschen bei ihrer Trauerverarbeitung zu helfen, gibt den beiden jungen Männern ein gutes Gefühl. „Es ist schön, zu sehen, dass das, was wir machen, so gut ankommt“, sagt der 21-Jährige. Es fordere viel, aber es erfülle einen auch. Dennoch tüfteln die beiden bereits wieder an ihrem Produkt und wollen es erweitern. Ihnen schwebt unter anderem eine Version für Haustiere vor.
Mehr Infos auf der Homepage des jungen Unternehmens im Internet unter: https://meinseelenspiegel.de
Die Digitalisierung macht auch vor der letzten Ruhestätte keinen Halt
Seelenspiegel
Der Seelenspiegel ist ein QR-Code, der mit einem Profil in einer Gedenk-App verbunden ist. Auf dem Profil können Angehörige Bilder und Videos des Verstorbenen hochladen, die dann über den QR-Code, der am Grabstein oder an der Urne platziert ist, für die Öffentlichkeit oder nur für die Angehörigen sichtbar werden.
Kosten
Den Seelenspiegel kann man für verschiedene Laufzeiten erwerben. Für eine Laufzeit von zehn Jahren zahlt man aktuell einmalig knapp 80 Euro.
Digitalisierung
Die Idee der digitalen Gräber kommt aus Südostasien. Seit ein paar Jahren ist der Trend auch in Deutschland zu spüren. Manche Steinmetze bieten bereits Grabsteine mit QR-Code an. Dadurch soll ein persönlicher, digitaler Erinnerungsraum entstehen.
Wettbewerb
Beim regionalen Vorentscheid des landesweiten Gründungswettbewerbs Start-up BW Elevator Pitch, haben David Kurz und Yusuf Uluc mit ihrem Start-up Seelenspiegel den dritten Platz belegt. Der erste Platz ging an Inferno, ein Löschflugzeug, das vertikal starten und landen kann. Den zweiten Platz belegte MyMakery. Das Start-up stellt glutenfreie Maroni-Backmischungen und Fertigbrote her.