Am nächsten Wochenende endet das erste Böblinger Stadtforum. In einem Werkstattgespräch haben die Verantwortlichen Rückmeldung eingeholt, wie das neue Format zur Stadtgeschichte angekommen ist.
Seit September läuft das neue Format „Böblinger Stadtforum“ mit einer zentralen dreigeteilten Ausstellung und einem umfangreichen Rahmenprogramm. Hier sollte Stadtgeschichte erstmals auf eine Weise präsentiert und behandelt werden, dass Rückschau, Ist-Analyse und Blick in die Zukunft möglich sind. Wie ist das Format angekommen? Was hat funktioniert? Wo gibt es Verbesserungsbedarf?
Um im direkten Dialog Rückmeldungen zu erhalten, hat das Kulturamt am Freitag zum öffentlichen Werkstattgespräch in die Zehntscheuer geladen. Der Kreis der Interessierten war zwar überschaubar und bestand zum Großteil aus bekannten Gesichtern – ehemaligen Gemeinderäten, Heimatforschern, Kulturpublikum –, doch ließ sich in der 14-köpfigen Runde recht effektiv besprechen, in welche Richtung sich das Böblinger Stadtforum entwickeln könnte oder sollte.
„Wir mussten zwar manche Veranstaltung mangels Beteiligung absagen“, gab Kulturamtsleiter Sven Reisch einleitend zu, „aber insgesamt waren wir sehr zufrieden und hatten eine sehr gute Resonanz.“ Nach der Premiere mit Testcharakter seien nun viele Fragen offen, deshalb gehe man gerne aktiv ins Gespräch. „Wir sagen nicht: Das Stadtforum ist so – und soll immer so sein.“
In der Runde wurde in der Folge mehrfach betont, dass die zahlreichen Veranstaltungsorte grundsätzlich positiv angekommen seien. Die Filmreihe samt Diskussion im Böblinger Bärenkino war gut besucht, Vorträge und Führungen – auch für Kinder – an verschiedenen Einrichtungen der Stadt zogen Publikum an, das es ansonsten eher selten ins Museum schafft.
Gleichzeitig wurde die begleitende Ausstellung, die sich auf Zehntscheuer, Neues Rathaus und Untere Gasse verteilte, als zu textlastig und zu überfrachtet kritisiert. Ohne Frage hatten sich die Macherinnen Lea Wegner (Leiterin des Bauernkriegsmuseums) und Tabea Scheible (Stadtarchivarin) größte Mühe gegeben, zahlreiche Aspekte akkurat darzustellen – doch letztlich war das gestellte Thema zu komplex, wie auch die Runde immer wieder formulierte.
Bereits 2022 hatte der Gemeinderat das Thema Klimawandel auf Vorschlag des damaligen Kulturamtsleiter Peter Conzelmann beschlossen. Sein Nachfolger Sven Reisch, seit Frühjahr 2023 im Amt, übernahm diese Vorgabe und machte sich gemeinsam mit Wegner und Scheible an die Konzeption. „Man hätte kaum ein größeres Thema nehmen können“, sagte die Leiterin des Bauernkriegsmuseums am Freitag und ließ zwischen den Zeilen Kritik an den Entscheidern durchscheinen. Um der Komplexität gerecht zu werden, brauche es eine umfangreiche Darstellung, zumal Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine Rolle spielen sollten.
Und so standen Teilbereiche wie Landwirtschaft, Gastronomie, Lebensmittelhandel, Müll, Verkehr, Wald- und Wasserwirtschaft in der Ausstellung extrem dicht beieinander. „Toll, dass sie dieses Thema in dieser Breite dargestellt haben“, lobte Ingrid Stauss, die bis zum vergangenen Frühjahr 25 Jahre lang für die Freien Wähler im Gemeinderat saß, „aber jeder einzelne Aspekt würde wahrscheinlich eine eigene Ausstellung füllen.“ Sie schlug vor, einige Darstellungen noch einmal zu nutzen. „Auch manchen Film über Böblingen, der jetzt im Kino gezeigt wurde, könnte man noch mal aufführen – zum Beispiel den zur Landesgartenschau, das interessiert viele.“
Seit vielen Jahren wird die Böblinger Museumslandschaft in der Kulturszene heiß diskutiert. Städtische Galerie und Bauernkriegsmuseum teilen sich die Zehntscheuer und sind dadurch eingeschränkt. Das Fleischermuseum am Marktplatz bedient – wenn auch auf sehr kreative Weise – nur eine Nische, die Stadtgeschichte hat aber keinen eigenen Platz. Ein Gutachten brachte 2019 erstmals das Format Stadtforum ins Spiel, das der Stadtgeschichte Raum geben sollte, ohne zwingend an einen festen Museumsort gebunden zu sein. In der Zwischenzeit kaufte die Stadt historische Gebäude in der Unteren Gasse, die als mögliches Stadtmuseum samt Stadtarchiv in Frage kämen. Wie das Raumprogramm dort genau aussehen soll, ist noch unklar, das Kulturamt arbeitet an einer Konzeption – damit verbunden sollte auch die Zukunft des Stadtforums sein. Das Pilotprojekt ist quasi vorbei, die nächste Zeit dient der Aufarbeitung und der Frage: Wie geht es weiter?
Dass es Bedarf an einer lebendigen Auseinandersetzung mit der Böblinger Stadtgeschichte gibt, steht außer Frage – und wurde auch am Freitagabend deutlich. „Böblingen als Computerstadt müsste endlich einmal Thema sein“, sagte Hobbyhistoriker Reinhard Knoblich, der sich insbesondere um die Böblinger Flughafengeschichte verdient gemacht hat. „Egal, an welchem Ort so etwas stattfindet“, sagte die ehemalige Galerievereinsvorsitzende Ursula Kupke, die viele Jahre für die SPD im Gemeinderat saß, „ich würde mir auch einen Raum wünschen für Nachfragen und anschließende Gespräche.“ Zudem sollten mehr externe Redner für Fachvorträge hinzugezogen werden.
Amtsleiter Sven Reisch fragte in einer Schlussrunde gewünschte Themen für zukünftige Stadtforen ab: Unter anderem wurden daraufhin Wirtschaftsgeschichte, Migration, Schule, Drittes Reich, Schlossberg und Jugendkultur benannt. An Möglichkeiten mangelt es nicht.
Die Finissage der Stadtforum-Ausstellung in der Zehntscheuer findet am Sonntag, 19. Januar, von 14 bis 17 Uhr statt, gedacht insbesondere für Familien. In einer Tombola werden einige Ausstellungsstücke verlost.