Blitzüberweisungen verändern das Banking: Sparkassen-Chef Michael Fritz erklärt, wie die neuen Regeln die Geldströme beschleunigen, Betrug erschweren und welche Rolle Paypal spielt.
Seit dem 9. Oktober gelten neue Regeln für SEPA-Überweisungen: Beträge werden sofort gebucht, der Empfänger vorher überprüft. Das macht es Betrügern zwar schwerer – eine irrtümliche Überweisung lässt sich aber auch nicht mehr so leicht rückgängig machen. Was das für das größte Geldinstitut im Kreis Böblingen bedeutet und wie die Zukunft des Bezahlens aussehen könnte, erläutert Kreissparkassen-Chef Michael Fritz im Interview.
Herr Fritz, seit dem 9. Oktober müssen Geldinstitute die Blitzüberweisung anbieten. Wie hat Ihr Haus die Einführung wahrgenommen?
Michael Fritz: Wir bieten die Echtzeit-Überweisung als kostenlosen Service für den gleichen Preis einer normalen Überweisung bereits seit rund zwei Jahren an. Insofern war dieses Angebot kein Neuland für uns. In der Branche war das aber bisher nicht einheitlich, jedes Haus hatte da eine individuelle Vorgehensweise. Vor allem der neu hinzugekommene Abgleich des Empfängernamens innerhalb von Sekunden stellte die größte Herausforderung für uns dar.
Jetzt ist das Geld binnen Sekunden überwiesen. Bisher konnte man ja – wenn ein Betrug auffiel – das Geld im Zweifel noch zurückholen?
Hier hilft uns und dem Kunden der oben erwähnte Empfängerabgleich sehr. Zudem setzten wir bereits seit Jahren Betrugspräventionssystem in der Sparkasse ein, die vor Buchung einer Zahlung verschiedene Betrugsszenarien erkennen können. Soll eine fehlerhafte oder betrügerische Echtzeit-Überweisung zurückgerufen werden, so ist dies zeitlich sehr kritisch. Wurde die Überweisung im Clearing schon weitergeleitet, so kann man diese Überweisung nur noch selten stoppen. Ist die Gutschrift beim Empfänger erfolgt, so wird in der Regel die Zustimmung des Zahlungsempfängers benötigt, damit eine Rückbuchung vorgenommen werden kann. Wurde eine Überweisung nachmittags ausgeführt, so sind die Chancen für eine erfolgreichen taggleichen Rückruf höher, als bei einer Überweisung am Vormittag.
Bisher hat es bei Überweisungsbelegen bis zu zwei Bankarbeitstage gedauert, bis das Geld ankam, im Online-Banking einen Tag. Naive Frage: Was ist da mit dem Geld eigentlich bisher in der Zwischenzeit passiert?
Im Zahlungsverkehr arbeiten wir mit Transaktionskonten, abgewickelt werden die Zahlungen häufig über die Landesbank, bis sie an die Empfängerinstitute überwiesen wurden. Tatsächlich war es durch das bisherige System möglich, sogenannte positive Valuta-Differenzen zu erzielen. Das bedeutet, das Geld wurde dem Empfänger schon als offener Umsatz auf dem Girokonto angezeigt, war aber noch nicht gutgeschrieben.
Wie darf man sich das technisch vorstellen: Wo legt die Kreissparkasse diese kurzfristigen Gelder an?
Grundsätzlich können wir unsere überschüssige Liquidität in der sogenannten Einlagefazilität bis zum nächsten Bankarbeitstag zum aktuellen Zinssatz von 2,00 Prozent bei der Bundesbank anlegen. Diesen Zinssatz legt im Übrigen die Europäische Zentralbank fest. Dies spielte aber für die angesprochenen Valuta-Gewinne keine große Rolle. Eher geht es um die Liquidität am Ende des Bankarbeitstages, wenn unser Saldo positiv ist.
Über welche Summen reden wir da?
Nehmen wir mal exemplarisch den 20. Oktober: An dem Tag haben wir von extern circa 30 000 Gutschrifteingänge für Privat- und Geschäftsgirokonten mit einem Volumen von circa 40 Millionen Euro erhalten. Dies war eher ein schwacher Tag und kein Gehaltstermin. Somit kann man bei Zahlungseingängen täglich im Schnitt von einem Volumen von 40 bis 60 Millionen Euro ausgehen. Dabei gibt es aber deutliche Schwankungen.
Wie kommen die zustande?
Wenn ein großer Arbeitgeber hier in der Region etwa jeweils zum 15. eines Monats seine Gehälter auszahlt, sehen wir das natürlich deutlich. Wenn eine große Krankenkasse am gleichen Tag ihre Versicherungsbeiträge einzieht, ebenso. Bei den Zahlungsausgängen gibt es ebenfalls deutliche Schwankungen. Hier sind beispielhaft im September 890 000 Auszahlungen rausgegangen, mit einem täglichen Volumen zwischen ebenfalls 35 und 60 Millionen. Wenn dann bei der Disposition ein positiver Saldo übrig bleibt, können wir das Geld im sogenannten Inter-Bankenmarkt über Nacht entsprechend anlegen.
Neben den Überweisungen laufen immer mehr Geldbewegungen mittlerweile über andere Wege. Stichwort: Paypal. Wie ernst nehmen Sie diese Konkurrenz?
Kritisch wird es, wenn etwa Paypal anfängt, eigene Zahlungsverkehrskonten zu führen. Bisher ist der Service ja noch immer an ein Girokonto gekoppelt. Wenn Paypal also nur noch einen Saldo abbuchen oder gutschreiben würde, anstatt jede einzelne Zahlung. Dann würden uns Transaktionen weggenommen, vergleichbar mit einem Kreditkartenkonto.
Wohl deshalb haben die Sparkassen und genossenschaftlichen Institute mit Wero eine eigene Zahlungs-App im Aufbau.
Die Zahlungsmöglichkeit spielt vor allem bei Online-Shops eine Rolle. Für unsere Kunden hat es den Vorteil, dass die Daten nicht von einer ausländischen Company verarbeitet werden, sondern hier in unserem streng regulierten Bankensystem verbleiben. Wachstumspotenzial sehen wir vor allem noch durch die sogenannten Peer-to-Peer-Zahlungen, also von Kunde zu Kunde. Diese geschehen in Deutschland noch sehr stark in bar – anders als etwa in skandinavischen Ländern, wo man fast ausschließlich digital bezahlt.
Wie erklären Sie sich das?
Wir Deutsche hängen gemäß aktuellen Umfragen immer noch sehr am Bargeld. Das hat vermutlich etwas mit dem Wunsch zu tun, dass eben nicht jede Bezahlung irgendwo dokumentiert ist. Auf der anderen Seite haben wir in Deutschland dadurch spezielle Herausforderungen bei der Bekämpfung der Geldwäsche, da die gesetzlichen Bestimmungen hier zum Teil lückenhaft sind.
Zur Person: Michael Fritz
Aufstieg bei der Kreissparkasse
Diplom-Betriebswirt Michael Fritz arbeitete nach seinem Studium an der Dualen Hochschule seit 1997 in verantwortungsvollen Positionen bei der Kreissparkasse Böblingen – unter anderem als Zentralbereichsleiter Unternehmenssteuerung.
Im Jahr 2006
wurde er zum Stellvertreter des Vorstands berufen, bevor er ab Mai 2012 als stellvertretendes Vorstandsmitglied die Ressortverantwortung für den Geschäftsbereich Vertrieb Filialen und Betriebswirtschaft übertragen bekam.
Ab Oktober 2017
verantwortete er als Vorstandsmitglied das Ressort Vertrieb Privatkunden und Marktservice.
Seit dem 1. Juli 2022
ist Michael Fritz Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Böblingen. Darüber hinaus engagiert er sich in regionalen Gremien.