Zum Start des Böblinger Pianistenfestivals bekommt das Publikum eine ungewöhnliche Klangkonstellation zu hören: zwei Konzertflügel neben einem Potpourri an Schlaginstrumenten.
Kulturamtsleiter Sven Reisch und Festivalchef Ulrich Köppen begrüßten das Publikum am Freitag ausnahmsweise vom Parkett aus und nicht von der Bühne – denn dort war schlichtweg kein Platz. Neben zwei Konzertflügeln besetzten Pauken, Trommeln, Gongs, Becken, Xylophon und Marimbaphon den Raum. Beim Böblinger Pianistenfestival gab es in den vergangenen Jahren zwar immer wieder Abende, an denen nicht nur ein Klavier zu hören war, doch dieser Aufbau zum Auftakt der diesjährigen Konzertreihe war dann doch außergewöhnlich.
Neben den Pianisten Florian Kunz und Oliver Prechtl standen mit Daniel Kartmann und Albrecht Volz zwei Schlagwerker auf der Bühne – beide lokal wohlbekannt. Kartmann hat am Böblinger Albert-Einstein-Gymnasium Abitur gemacht, der Musiker lebt in Stuttgart. Volz gehört zu den Schlagzeuger-Größen im Kreis Böblingen und lehrt seit vielen Jahren an der Renninger Musikschule.
Komponistin muss Teil des Programms sein
Als Ensemble Percorda begannen sie den Abend mit „La foire aux Croûtes“ der Französin Yvonne Desportes (1907-1993) und erfüllten damit die diesjährige Vorgabe des Festivals, mindestens ein Werk einer Komponistin aufzuführen. Bei den zehn Stücken – in ihrer grundsätzlichen Art ähnlich den „Bildern einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky – wechselten sich die Musiker in Zweierkonstellationen ab.
Die lautmalerischen Motive der verschiedenen Schlaginstrumente wickelten sich eng um die Klavierfiguren – da trappelte die Holzblocktrommel („Die Postkutsche“) , tanzten die Xylophon-Klänge („Die Marionetten“), krachte der Gong („Der alte Glockenturm“) oder klingelte das süßliche Glockenspiel („Der Stern“). Pianisten und Percussionisten waren im rhythmischen Miteinander extrem gefordert, kleinste Unsauberkeiten gleich zu hören – ein Vorgeschmack auf die technischen Schwierigkeiten, die noch folgen sollten.
Eine Verschnaufpause bekamen die Schlagwerker, als Florian Kunz und Oliver Prechtl „En blanc et noir“ von Claude Debussy aufführten. Die Suite für zwei Klaviere bietet typische impressionistische Klangmalereien. In dem Werk verarbeitet der Komponist die Stimmung des ersten Weltkriegs, im dritten Satz zitiert Debussy die französische Nationalhymne „Marseillaise“ ebenso wie den Luther-Choral „Eine feste Burg ist unser Gott“, freilich eingebettet in verträumt-drängende Klangfolgen.
„Das Programm an diesem Abend war speziell – dass dennoch so viele Leute gekommen sind, freut mich sehr“
Ulrich Köppen, Festivalleiter
Als Höhepunkt des Abends stand nach der Pause die Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug von Béla Bartók auf dem Programm. Nicht gerade publikumsfreundlich mutete der Bühnenaufbau an, denn die Pianisten saßen mit dem Rücken zum Publikum (und mit Blick zu den Schlagwerkern). Doch ist dies von Bartók wohl so vorgeschrieben. Gut sichtbar blieb für die Zuhörer, welch Schwerstarbeit bei dieser Sonate zu leisten ist – sowohl an den einzelnen Instrumenten wie im Zusammenspiel.
Bartók lässt anfangs statisch-ruhige Passagen von perkussiven Schockmomenten unterbrechen, die Klaviere entwickeln einen wilden Ritt, von forschen Pauken und kleiner Trommel begleitet. Florian Kunz und Oliver Prechtl waren an den Tasten (und beim Notenumblättern) schwer beschäftigt und überzeugten insbesondere im dichten Miteinander. Mitunter kamen aber die klanglich-dynamischen Möglichkeiten der Flügel nicht so zur Entfaltung.
Im langsamen zweiten Satz lässt Kunz den Bösendorfer-Flügel dann phasenweise donnern, Bartóks disharmonische Klangkaskaden stellen für Musiker wie das Publikum eine gewisse Herausforderung dar. Dagegen beginnt der flotte dritte Satz recht eingängig – Klaviere, Pauke und Xylophon werfen sich wirbelnde Figuren zu. Bis zum Ende sind alle vier Musiker aufs Äußerste gefordert.
Ensemble spielt Bartók-Sonate bereits seit 15 Jahren
Bereits seit seinen Anfängen vor 15 Jahren spielt das Ensemble Percorda die Sonate von Béla Bartók. Daniel Kartmann und die beiden Pianisten sind von Beginn an dabei, nur Albrecht Volz gehört erst seit Kurzem zum Quartett. „Das ist wie eine lange Reise“, beschreibt Daniel Kartmann die vieljährige Auseinandersetzung mit dem Stück. Nach der herausfordernden Aufführung in Böblingen war er „erleichtert, dass alles gut geklappt hat“.
Auch Festivalleiter Ulrich Köppen ist mit dem Auftakt der diesjährigen Konzertreihe sehr zufrieden. „Das Programm an diesem Abend war speziell – dass dennoch so viele Leute gekommen sind, freut mich sehr“, sagt er. Rund 260 Zuhörerinnen und Zuhörer hatten den Weg in den Württembergsaal der Böblinger Kongresshalle gefunden – in der Tat eine stolze Zahl. Doch das Pianistenfestival hat sich längst einen hervorragenden Ruf und eine treue Stammhörerschaft erspielt.
Weitere Termine
Konzerte
Am Freitag, 16. Januar, spielt Ilya Shmuker Werke von Ravel, Hensel und Schumann. Es folgen Robert Neumann (23. Januar), Jacob Leuschner (30. Januar) und Lilya Zilberstein (6. Februar), für Ulrich Köppen noch immer „eine der besten Pianistinnen der Welt“. Alle Konzerte beginnen um 20 Uhr in der Böblinger Kongresshalle.
Vorverkauf
Eintrittskarten sind erhältlich beim Kulturamt im Alten Rathaus, Telefon 0 70 31/66 91 612, E-Mail reservierung@boeblingen.de oder unter boeblingen.reservix.de im Netz. Mehr Informationen unter https://pianistenfestival.boeblingen.de im Internet.