Steiler Treppenaufgang: eines der Markenzeichen des Künstlerviertels. Foto: Stefanie Schlecht

Die geplante Neubebauung des Böblinger Künstlerviertels stößt im Gemeinderat auf Ablehnung: Zu massiv sei der Eingriff ins Straßenbild, den die Eigentümer sich vorstellen. Die Zukunft des Viertels bleibt damit weiter ungewiss.

Böblingen - Der Bär steppt hier schon lange nicht mehr. In den verwinkelten Gässchen des Böblinger Künstlerviertels zwischen Enger und Breiter Gasse herrscht seit Jahren Tristesse: Leerstehende Kneipen und verrammelte Fenster bestimmen das Bild. Im vergangenen Dezember wurden die Pläne der Eigentümerin Arlete Geiger bekannt, die bestehenden Gebäude abzureißen und die Grundstücke in der Engen Gasse 7, 9 und 11 sowie der Breiten Gasse 10 komplett neu zu überbauen. Am Mittwoch beriet darüber der Umwelt- und Technikausschuss des Gemeinderats. Und die Gemeinderäte erteilten den Neubauplänen eine Absage.

 

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Konkret geht es um den Bau eines Mehrfamilienhauses mit betreuten Seniorenwohnungen. Im Erdgeschoss soll eine ebenerdige Garage entstehen. Das städtische Bauamt steht dem Vorhaben allein deshalb ablehnend gegenüber, da es sich nicht nach Art und Maß in die umgebende Bebauung einfügt, wie es der viel zitierte Paragraf 34 im Baugesetz fordert. Er greift immer dann, wenn kein klar definierter Bebauungsplan vorliegt. „Die Bauherrschaft und deren Planer beabsichtigen einen maximal gewinnbringenden Bau, bei dem städtebaulich verträgliche Aspekte nicht berücksichtigt werden“, schreibt die Stadt. Der geplante Neubau mit seinen vier Vollgeschossen und einem Staffelgeschoss sei deutlich höher als die bestehenden Häuser der Zeile, so das Bauamt.

Garage im Erdgeschoss unerwünscht

Der Masterplan Schlossbergring sehe dort „maximal zwei Vollgeschosse mit Satteldach“ vor, mit Firstrichtung parallel zur Breiten Gasse. Ins Erdgeschoss planen die Bauherren, ebenerdig eine Garage unterzubringen.

Auch das stößt nicht auf Gegenliebe, da es „den Erlebniswert des Fußgängerbereichs in der Engen Gasse beeinträchtige“. Zwar begrüßt die Stadt grundsätzlich die Einrichtung von Seniorenwohnungen im Zentrum, sieht dies aber in den Plänen nicht gut gelöst: Zugänge, Treppenhäuser, Flure seien „nicht sinnvoll geplant“. Außerdem fehlten Außenanlagen und ein geschützter Ausgang aus dem Gebäude. Bei den engen Straßenverhältnissen komme es da leicht zu gefährlichen Situationen, zumal für Fußgänger, deren Mobilität eingeschränkt ist.

Alte Gebäude sollten erhalten werden

Für den Neubau schlagen die Bauherren der Stadt einen Grundstückstausch im Umfang von 46 Quadratmetern vor, da sie den jetzt bestehenden Durchgang zwischen Breiter und Enger Gasse überbauen wollen. Die Fläche befindet sich im Besitz der Stadt. Sie soll im Gegenzug die Fläche eines Fußwegs zwischen dem Restaurant „Da Alfredo“ und dem Neubau erhalten, der neu entstehen soll.

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Die Ausschussmitglieder bestätigten die Stadt in ihrer ablehnenden Haltung. Darüber gab es keine größere Diskussion, die Räte stimmten einstimmig zu mit einer Enthaltung. Markus Helms (Grüne) sagte: „Wir haben in Böblingen viele alte Gebäude durch die Bombennacht verloren. Es ist wichtig, die wenigen, die wir noch haben, zu erhalten.“ Stadtkirchen-Pfarrerin Gerlinde Feine (SPD) sieht den besonderen Charakter des Viertels „vor allem durch seine Kleinteiligkeit“. Sie regte an, ein Konzept für dieses Quartier zu entwickeln, in dem sie mit einem betreuten Wohnen „Schwierigkeiten“ hat.

Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger hält das Künstlerviertel vor allem auch „relevant für den Schlossbergring“, da auch die benachbarten Quartiere unbedingt in dessen Weiterentwicklung miteinbezogen werden müssen.

Die Bauherrin Arlete Geiger dürfte all das nicht gerne hören. Sie hat das Viertel von ihrem Ehemann Josef Geiger geerbt, der 2014 im Alter von 68 Jahren gestorben ist. Er hat den Straßenzug in den 1980er Jahren zu einem überregional beliebten Szeneviertel aufgebaut. Doch nach der Jahrtausendwende begann dort ein schleichender Niedergang mit häufigen Pächterwechseln und immer mehr Leerständen. Nach seinem Tod unternahm sie zwar den Versuch, das Viertel wiederzubeleben – ohne nennenswerten Erfolg.

Große Brauerei sprang ab

„Wir hätten es gerne gesehen, wenn das Areal weiterhin gastronomisch genutzt worden wäre aufgrund seiner Geschichte. Viele Böblinger verbinden viel damit, da hängen Emotionen dran“, sagte Geiger im Dezember, als ihre Pläne bekanntwurden. Ihre Idee, gemeinsam mit einer großen Brauerei aus dem Künstlerviertel ein neues gastronomisches Angebot zu machen, ließ sich nicht verwirklichen. Nicht zuletzt aufgrund der Corona-Pandemie, die der Gastrobranche hart zusetzte, sprang der letzte Interessent ab. Geiger schwenkte um auf Abriss und Neubau.

Zukunft des Viertels unklar

Sie sieht eine Nachfrage für diese Art von Wohnungen, gerade in der zentralen Lage, in der viele Angebote fußläufig erreichbar sind. Ob sie ihre Pläne an die Vorstellungen der Stadt anpassen wird? Bis auf Weiteres dämmert das Künstlerviertel weiter vor sich hin.