Jägern ein Dorn im Auge: Mountainbiker abseits befestigter Wege, die das Wild aufscheuchen Foto: /Stefanie Schlecht/Archiv

Wie viel Freizeit verträgt der Wald? Bei den Kreisjägern diskutieren Politiker und Funktionäre mit der Mountainbikerin Elisabeth Brandau. Dabei wird deutlich: Mehr Verbote werden die Nutzungskonflikte nicht lösen. Stattdessen soll es mehr legale Strecken geben – und mehr Austausch.

Wenn Elisabeth Brandau mit dem Mountainbike im Wald trainiert, verstoße sie streng genommen „häufig gegen das Gesetz“. Bei diesem Bekenntnis ging ein Raunen durch die Festhalle in Magstadt. Die 16-fache Deutsche Meisterin im Radsport und Olympionikin war am Samstag zu Gast bei den Böblinger Kreisjägern. Thema des Abends: Wie viel Freizeitdruck verträgt der Wald? Mit dabei war auch Sabine Kurtz (CDU), die sogleich Applaus einsammelte. „Also das finde ich nicht in Ordnung, Frau Brandau, dass Sie im Wald Dinge tun, die verboten sind“, sagte die Staatssekretärin im Ministerium für ländlichen Raum.

 

Viele Nutzungen auf engem Raum

Da war die Debatte mitten in dem seit Jahren schwelenden Konflikt angekommen. Auf der einen Seite zieht es immer mehr Menschen in den Wald: Hundehalter, Mountainbiker, E-Biker, Jogger, Pilzsammler. Dem gegenüber stehen die Jäger, die sich als „Anwälte des Waldes“ verstehen, wie es der Kreisjägermeister Claus Kissel formulierte. Der Moderator Bertram Graf von Quadt machte das Dilemma anhand von Zahlen deutlich: 87 Prozent der Deutschen gingen gerne in den Wald, es gebe 10,3 Millionen Hunde, 7,1 Millionen E-Bikes und 1,3 Millionen Pferde in Deutschland. „In einer Umfrage unter 230 Hegeringen, was diese am meisten störe, landeten die Hundehalter auf Platz eins, die Mountainbiker auf Platz zwei“, sagte er. Im Wald knatscht es also ganz gewaltig.

Sportlerin Elisabeth Brandau prophezeit, dass sich das Problem auswächst: Durch den E-Bike-Boom kämen nun viele an Ecken, die sie mit purer Muskelkraft nie erreicht hätten. „Vor allem die Jüngeren wollen sich im Wald austoben, eigene Strecken bauen“, sagte sie. Das sei ja nicht per se etwas Schlechtes: „Schließlich wollen wir doch alle, dass die Kinder nicht nur vor dem Bildschirm hängen.“ Gesetze zu übertreten gehe aber freilich nicht, räumte sie ein. Doch das Publikum schien nicht recht überzeugt zu sein.

Ginge es nach der Mehrheit der Jäger, müssten die geltenden Regeln schärfer durchgesetzt werden. Dies geschehe teilweise zwar bereits, etwa wenn die Polizei am Fuße einer illegalen Mountainbike-Strecke Knöllchen an die Ankömmlinge verteile. Oder, wenn sich wilde Mountainbiker in Handschellen am Boden liegend wiederfinden, wie dies auf dem Gelände der US Army im Böblinger Wald schon geschehen sei. Die Army baut jetzt einen hohen Zaun um ihren Truppenübungsplatz. Liegt die Lösung in einer Verbotskultur?

Mehr legale Angebote schaffen

Allen auf dem Podium fehlte dazu der Glaube. „Wir werden das Problem nur in den Griff bekommen, wenn wir ein legales Angebot schaffen“, sagte der Vize-Landrat Martin Wuttke. Baue man einen illegalen Trail ab, entstehe an anderer Stelle ein neuer. Die Mountainbiker seien vernetzt, tauschen sich digital aus. So entstehe ein Katz-und-Maus-Spiel. Tobias Brenner, SPD-Kreisrat und Amtsgerichtsdirektor, sieht Handlungsbedarf auf drei Ebenen: „Neben Bußgeldern gilt es, zusätzliche Angebote zu schaffen und noch mehr aufzuklären“, sagte er.

Der Landkreis tue hier vieles, sagte Martin Wuttke. So seien im Schönbuch bereits 22 Kilometer legale Mountainbike-Trails eingerichtet. Als nächstes sollen im Nordkreis bestehende Strecken miteinander vernetzt werden und weitere hinzukommen. Diese Angebote müssten gut beschildert und bekannt gemacht werden. Das allein werde aber nicht reichen: In Schulen und Kindergärten, ebenso in der Jugendarbeit fehle es am Bewusstsein für den Wald, bemängelten die Jäger. Der Landesjagdverband sei hier bereits aktiv, sagte dessen Vertreter Klaus Lachenmaier. So habe man die Kampagne „bewusst Wild“ ins Leben gerufen, schule Naturpädagogen und werbe für den Lernort Natur. Materialien und Angebote gebe es genug, nur müssten sie auch genutzt werden.

Gibt es einen Runden Tisch?

Fazit des Abends: Die Akteure wollen weitaus intensiver kommunizieren. „Wenn von heute die Initiative für einen Runden Tisch ausgeht, dann wäre das doch ein tolles Ergebnis“, sagte Moderator von Quadt. Die Vermittlung, was Natur bedeutet, gleiche „dem Bohren einer dicken, fetten Eichenbohle“. Nur werde die leider seit Jahren immer dicker, sagte er.

Zahlen und Namen

Wahlen
 Der Böblinger Reußenstein-Wirt Timo Böckle wurde als stellvertretender Kreisjägermeister gewählt, Walter Grandjot als Jugendobmann.

Zahlen
 Seit 2015 ist die Mitgliederzahl bei den Kreisjägern um 50 Prozent auf derzeit 1027 Mitglieder angestiegen, die Jagdschule freut sich über regen Zulauf. 

Ehrungen
 Für 65 Jahre Mitgliedschaft wurde Siegfried Wolf geehrt, Walter Heller für 60 Jahre, und Alfred Ruckwied wurde zum Ehrenmitglied ernannt.