Bundestagskandidat im Profil Tobias B. Bacherle sieht Grünen-Schelte gelassen. Wenn es gegen Ehrenamtliche geht, ist für ihn jedoch eine Grenze überschritten.
Diese letzte Januarwoche hat Kraft gekostet, das kann man Tobias B. Bacherle ansehen. Hitzige Sitzungen bis spät in die Nacht, kaum Schlaf und dann die stressige Heimreise am Wochenende von Berlin nach Hause in sein Herrenberger Wahlkreisbüro, wo ein randvoller Terminkalender auf den Grünen-Kandidaten wartet.
Es ist Montagmittag, der Februar ist gerade drei Tage alt. Das alles bestimmende Thema zu diesem Zeitpunkt sind die beiden Abstimmungen zur Migrationspolitik im Bundestag am 29. und 31. Januar, bei denen CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz auf gemeinsame Mehrheiten mit der AfD gesetzt hatte.
„Die CDU versteht nicht, was sie da gesellschaftlicht ausgelöst hat.“
„Das Krasse ist, wie sehr diese Abstimmung uns erschüttert hat“, sagt Bacherle und erzählt von Bundestagsmitgliedern, insbesondere mit migrantischen Wurzeln, die nun Angst um ihre persönliche Sicherheit haben müssten. Die CDU verstehe gar nicht, was sie da gesellschaftlich ausgelöst habe.
Zumal Merz doch nur „Placebo-Lösungen“ vorgeschlagen habe, die die Sicherheitslage womöglich nur verschärft hätten. „Wenn wir die Bundespolizei zur Grenzsicherung abziehen, fehlen sie uns an Flughäfen und Bahnhöfen“, erklärt Bacherle, warum seine Partei und die SPD stattdessen auf einen europäischen Weg gepocht hatten.
Noch schwerer wiege aber der Wortbruch, den Friedrich Merz begangen habe. „Was gilt denn dann noch bei anderen Versprechen?“, sieht Bacherle das Vertrauen erschüttert.
Als Bundestagsabgeordneter ist der 30-Jährige in Berlin zum sachkundigen Digitalpolitiker gereift. Rein äußerlich sieht er dabei noch immer aus, wie der der junge Mann, der im Jahr 2014 als jüngstes Mitglied in den Sindelfinger Stadtrat eingezogen war und in seiner Heimatstadt das alternative „dit is schade“-Musikfestival mitbegründet hat.
Dass er mit Vollbart, zum Dutt hochgebundener Haarmähne und Schal viele Klischees des dauerstudierenden Grünen erfüllt und deshalb immer wieder Häme abbekommt, sieht er gelassen. „Fair enough“, sagt er auf Englisch, wobei ihm wichtig ist, zu betonen, dass er sein Studium mittlerweile abgeschlossen habe und die Pausen mit seinem politischen Engagement auf Kommunal- und Bundesebene zu tun hatten.
Ob Coronamaßnahmen, Heizungsgesetz, Flüchtlingspolitik, Bürokratie oder Bauernproteste – dass die Grünen vielfach für alles verantwortlich gemacht und dabei zum Feindbild stilisiert werden, findet Bacherle zwar nicht angemessen, „aber als Berufspolitiker muss ich damit umgehen können“. Im Netz und im persönlichen Kontakt bekommt er, seit er im Herbst 2021 in den Bundestag eingezogen ist, immer wieder den geballten Unmut der Bevölkerung ab.
„Was mir Sorgen macht, ist, wenn es Ehrenamtliche trifft“, berichtet er von Anfeindungen und rassistischen Übergriffen bei Wahlkampfterminen in jüngster Zeit. Bei Drohungen, Gewaltaufrufen und Einschüchterung sei eine Grenze überschritten, betont er – und bezieht sich damit auch ausdrücklich auf die CDU-Mitglieder, die sich jetzt dem Volkszorn ausgesetzt sehen.
Vor drei Jahren, als Wirtschaftsminister Robert Habeck inmitten von Ukrainekrieg und Sorgen um Gasknappheit sein Heizungsgesetz durchsetzen wollte, konzentrierte sich die Wut auf die Grünen. „Wir kamen gerade aus einer der größten Energiekrisen, die unsere Republik erlebt hat“, verweist er auf monatelange Diskussionen über Energieimportabhängigkeit im Vorfeld.
„Ich glaube, unser Fehler war, davon auszugehen, dass obwohl der Winter dank Habecks pragmatischen Gaseinkaufen ohne Blackouts verlief, die Menschen diese Dringlichkeit noch im Kopf haben würden“, räumt er ein. Viele seien hier aber schon direkt von der Energiekrise und der hohen Inflation betroffen gewesen. „Der Zusammenhang, dass eine effiziente Heizung mittelfristig auch das Heizen und damit Wohnen günstiger macht, haben wir nicht genug kommuniziert“, sagt Bacherle selbstkritisch.
Dem Image der Grünen als Verbotspartei widerspricht er: „Ich sehe das eher so, dass man uns das gerne anhängen möchte“ meint er. „Dabei sind andere da deutlich sinnloser mit Verbotsforderungen unterwegs“, nennt er beispielhaft die CDU, die darauf dränge, Cannabis wieder zu verbieten und so unnötig die Strafverfolgungsbehörden beschäftige.
Schwerpunkte im Kreis: Förderprogramme und erneuerbare Energien
Berlin ist weit weg von Böblingen. Was tut Bacherle für die Menschen in seinem Heimatwahlkreis, vor allem seit er 2022 sein Gemeinderatsmandat niedergelegt hat? „Ich habe immer wieder Förderprogramme in den Landkreis geholt“, nennt er beispielhaft Maßnahmen wie etwa die Sanierung des Klösterle-Nordflügels in Weil der Stadt oder ein Altdorfer Unternehmen, das Klimaschutz in der Landwirtschaft unterstützt. Neben der Gäubahn liege ihm auch der Ausbau der erneuerbaren Energien sowie der Stromtrassen am Herzen – schließlich solle Mercedes auch weiterhin Autos in Sindelfingen produzieren können.
Zudem setzt der auf Social Media sehr aktive Abgeordnete einen Schwerpunkt auf Freiheit im digitalen Raum und sichere Kommunikation. „Wir wollen ein Recht auf Verschlüsselung, damit nicht der Staat, andere Staaten oder Firmen unsere Nachrichten mitlesen“, sagt der Digitalpolitiker.
Überraschendes Vorbild: Bewunderung für Angela Merkel „klaren Kurs“.
Weiter liege ihm an einer „extrem engen Zusammenarbeit“ in Europa – gerade in einer Welt, in der Trump, Putin und Xi Jinping knallhart ihre Interessen durchsetzen.
Überraschend ist übrigens, wen der Grüne als politisches Vorbild nennt: Neben Cem Özdemirs Bodenständigkeit und Klarheit sowie Robert Habecks nimmermüden Bemühungen, Politik zu erklären, hege er nämlich – bei allem Dissens – auch Bewunderung für Angela Merkel und „ihren klaren Kurs in vielerlei Sachen“.
Zur Person Tobias B. Bacherle
Biografische Daten
Tobias Björn Bacherle, geboren am 18. Oktober 1994 in Herrenberg, macht sein Abitur am Gymnasium in den Pfarrwiesen Sindelfingen. Er studiert Politikwissenschaft, zunächst mit dem Nebenfach Sprachen, Geschichte und Kulturen des Nahen Ostens, später Medienwissenschaft an der Universität Tübingen (Abschluss: Bachelor). Er ist Mitbegründer des „dit is schade“-Vereins und war bis zur letzten Auflage 2023 mit für die Leitung des gleichnamigen Sindelfinger Festivals und der vom Verein organisierten Ufersession zuständig.
Politischer Werdegang
Von 2014 bis 2022 war Bacherle Stadtrat in Sindelfingen und dort von 2019 bis 2021 Vorsitzender der Grünen-Fraktion. Seit 2021 ist er als Bundestagsabgeordneter in Berlin und dort unter anderem als Obmann im Ausschuss für Digitales, Mitglied im Auswärtigen Ausschuss und stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union tätig.