Über die wechselvolle Böblinger Beziehung zum großen Bruder USA: auf militärischer, politischer und wirtschaftlicher Ebene. Ein Kommentar von Jan-Philipp Schlecht.
Das Beispiel der Familie Protze aus Böblingen passt ins Bild der derzeitigen Weltlage: Die freundschaftlichen Bande zwischen Deutschland und der anderen Seite des Atlantiks sind spürbar strapaziert. Für Protzes sogar so stark, dass sie ihren Zweitwohnsitz in Florida aufgaben. Beziehungen zu einstigen Freunden im Städtchen Brooksville bei Tampa haben sich merklich abgekühlt. So spiegelt sich im Kleinen das, was derzeit im Großen die Welt bewegt: Die Freundschaft zum einstigen großen Bruder ist arg strapaziert. Dabei sind die Verbindungen aus Böblingen in die USA tatsächlich sehr vielschichtig.
Zunächst zur militärischen Ebene. Schon während der ersten Amtszeit von Donald Trump schwadronierte der über die US-Truppen in Europa und ob es diese Präsenz wirklich brauche. Schnell gab es die ersten Unkenrufe, ob denn die Amerikaner womöglich bald die Panzerkaserne räumen würden? Nach seiner Wiederwahl und dem jetzt koordinierteren Vorgehen seiner Gefolgsleute vom Schlage eines J.D. Vance oder Pete Hegseth muss man sich sogar noch größere Sorgen machen.
Während die vom Schießlärm geplagten Anwohner auf dem Rauhen Kapf und in Schönaich darüber wohl gar nicht traurig wären, hätte eine Reduzierung der Truppen oder gar ein Abzug indes massive Auswirkungen auf Böblingen und die Umgebung.
Die über 20 000 Armeeangehörigen der US Army Garrison Stuttgart sind in der Region ein echter Wirtschaftsfaktor. Sie wohnen häufig in der Umgebung (und zahlen stolze Mieten!), kaufen gern auch außerhalb des Kasernenzauns ein und haben sich zu einem festen Teil der Gesellschaft entwickelt. Gut sichtbar etwa in Holzgerlingen, wo in manchen Neubaugebieten überproportional viele Amerikaner zuhause sind. Ebenso in Böblingen selbst. Aus Nachbarn wurden Freunde.
Neben der politischen und militärischen Ebene existiert die nicht minder wichtige wirtschaftliche. Auch da sind die Verflechtungen von Böblingen über den großen Teich traditionell eng. Was wäre die Stadt ohne die hier beheimateten US-Konzerne namens Hewlett-Packard, IBM oder Moog? Sie haben sich in den 1950er Jahren nicht Berlin, München oder Stuttgart für ihre Europa-Zentralen ausgesucht – sondern Böblingen. Das brachte und bringt bis heute Arbeitsplätze und Wohlstand.
Während Trump aber auf der Weltbühne rhetorische Kapriolen schlägt, ist die faktische Wirklichkeit vor Ort eine andere. Zum einen sicht- und vor allem hörbar an den ausufernden Hubschrauber-Flügen mit den Doppelrotor-Helikoptern dieser Tage. Die US-Soldaten trainierten offenbar intensiv die Evakuierung von Truppen mittels der sogenannten Fischadler und ratterten über Böblingen, Schönaich und die Filderebene. Dies rein zu Übungszwecken. Ob und wie die Manöver sich politisch deuten lassen, sei dahingestellt.
Zum anderen ließ eine Mitteilung über den schon seit sieben Jahren auf Eis liegenden Lebensmittelmarkt in der Böblinger Panzerkaserne (englisch: Commissary) aufhorchen. Ausgerechnet jetzt soll das Projekt wieder aufgenommen werden und im Juni der Spatenstich für den Supermarkt im XXL-Format sein. Nach Truppenreduktion oder gar Abzug sieht das zumindest nicht aus. Zeitpunkt und Formulierung der Mitteilung waren jedenfalls betont höflich und respektvoll gehalten – im krassen Widerspruch zu den giftigen Tönen Richtung Europa, die sonst seit Trumps Amtseinsetzung aus dem Weißen Haus kommen. Die Beziehung zum großen Bruder bleibt spannend, bleibt ambivalent. Und damit bleibt sie vor allem eines: intensiv. Das ist eine gute Nachricht.