Die Therapeutin Maria Nothacker beglückt eine Bewohnerin mit dem selbst fabrizierten Lebkuchenhaus. Foto: factum/Granville

In der Therapiegruppe im Haus am Maienplatz haben sich die Bewohner auf Weihnachten vorbereitet, Ausstecherle gebacken und ein Lebkuchenhaus gebaut. Mit von der Partie waren vor allem Menschen, die unter Demenz leiden.

Böblingen - Jingle bells, Jingle bells “ tönt es aus einem CD-Spieler im weihnachtlich geschmückten Therapieraum. Im Böblinger Haus am Maienplatz. rollt eine ältere Dame mit einem Wellholz Mürbteig aus. Zum Christfest werden Ausstecherle gebacken – und auf der anderen Seite des Tisches entsteht ein Lebkuchenhaus. 13 Heimbewohnerinnen bereiten sich auf die Feiertage vor – und Albert W. (Namen geändert). Er leidet unter Demenz, wie die meisten in der Therapiegruppe, die sich vormittags um 9.30 Uhr trifft, um zu basteln, zu singen und um zu backen.

Motivation und emotionale Stabilität

Der 83-Jährige ist der Hahn im Korb – das ist ihm bewusst. Spitzbübisch beobachtet der pensionierte Handwerker das rege Treiben. Um nur darauf zu warten, dass alle einmal wegschauen und er Geldtaler aus Schokolade stibitzen kann, die eigentlich an das Lebkuchenhaus geklebt werden sollen. Maria Nothacker, eine Betreuerin in der Beschäftigungstherapie, hat sein Sinnen und Trachten durchschaut. Sie lässt ihn gewähren.

„Durch das Verständnis für die Situation versuchen wir, zur emotionalen Stabilität der kranken Menschen beizutragen“, erklärt die Heimdirektorin Cosmina Halmageanu, „als Pflegende müssen wir sie in ihrem Zustand akzeptieren – ohne jegliche Vorurteile.“ Was ihm an Weihnachten liegt, kann Albert W. nicht genau sagen. Überhaupt ist er an diesem Morgen nicht sehr gesprächig. Aber wenn er da ist, ist die Gruppe komplett, den anderen würde er fehlen. „Die Menschen sind es gewohnt, alleine zu sein. Wir müssen sie ansprechen, dass wir etwas Spannendes machen“, sagt Maria Nothacker. Dann sind sie für einen gemeinsamen Vormittag bereit. Klar, ein Lebkuchenhaus, das ist etwas Besonderes.

Unverständliches kommt über ihre Lippen

Das Naschwerk hat bereits Formen angenommen. Maria Nothacker klebt das Häuschen und das Dach mit einer Masse aus Eiweiß und Puderzucker zusammen und sagt: „Das muss jetzt ein bisschen trocknen.“ Die Bewohnerin neben der Dame, die den Teig ausgerollt hat, soll sich unter der Anleitung der Ergotherapeutin Sylvia Steinmetz inzwischen daran machen, kleine Tannenbäume auszustechen. Sie möchte gerne etwas sagen, jedoch kommt ihr nur Unverständliches über die Lippen. Sie findet die Worte nicht mehr. Die betagte Frau ist trotzdem in ihrem Element: Sie darf vom Teig naschen.

„Drei Bleche mit Plätzchen sollten wir voll bekommen“, spornt Sylvia Steinmetz ihre Helferinnen an, „schließlich sollen sie eine Weile reichen.“ Fleißige Hände am Tisch sorgen tatsächlich dafür, dass das Ziel erreicht wird. Mit schnellen Handbewegungen bestreicht Helga L. die Ausstecherle mit Eigelb. „Ich wusste gar nicht, dass ich das kann“, sagt die 93-Jährige verwundert. Bei einem Sturz hat sie sich das Handgelenk und auch die Schulter gebrochen. Und dann ist in diesem Jahr ist ihr Mann gestorben, den sie lange Zeit mitgepflegt hat. „Danach ist sie in ein Loch gefallen“, sagt Cosmina Halmageanu. Er war an Alzheimer erkrankt und am Maienplatz stationär aufgenommen worden.

Die Finger sind nach dem Sturz pelzig

Helga L., die zunächst im betreuten Wohnen im Haus am Maienplatz lebte, warf das enorm zurück. Nun braucht sie zunehmend Pflege. Welche Weihnachtsplätzchen sie früher am liebsten gegessen hat, daran kann sie sich nicht mehr erinnern „Bei mir im Kopf ist alles wie rausgefegt“, gesteht die 93-Jährige. Ihre Finger an der rechten Hand seien noch pelzig von dem Sturz. „Die Frau ist für heute glücklich“, sagt die Heimleiterin.

So wie eine andere Teilnehmerin in der Therapiegruppe, die nicht zum Backen gekommen ist, weil sie das gar nicht gerne macht. Sie leidet unter Depressionen und blättert lieber in einer Frauenzeitschrift. Bis ihr Sylvia Steinmetz eine Zeichnung mit einem Nussknackermann hinlegt, die sie ausmalen darf. Rot und Blau sind ihre Lieblingsfarben – das sieht man auf dem Bild auch. Ob sie an Weihnachten Besuch erhält, weiß sie nicht. Kinder habe sie keine gehabt. Eine Nichte lebe in der Schweiz, sagt sie. Der Weg hierher sei sicher zu weit.

Mehr Personal wäre wichtig

„Wir haben Bewohner, die nicht nur an einer Krankheit leiden“, berichtet Cosmina Halmageanu. Mulitmorbidität nennt man das. Die Demenz gebe es in sämtlichen Stadien. Die Menschen haben zudem noch Herz-, Kreislauf- oder Gefäßerkrankungen. 180 Mitarbeiter im Haus am Maienplatz kümmern sich derzeit um 183 Bewohner mit Dauer-, Kurz- und Tagespflegplätzen. 25 Menschen leben im betreuten Wohnen. „Es ist an der Zeit, dass der Personalschlüssel verbessert wird und das Personal besser bezahlt wird“, sagt Cosmina Halamgeanu.

Aber Pflegekräfte zu finden sei inzwischen extrem schwer. Auch für ihr Heim, das eine Einrichtung der Evangelischen Heimstiftung ist und in dem viel Wert gelegt wird auf tägliche Bewegungsübungen, gemeinsame Spaziergänge – und eben auch auf die Therapiegruppen.

Eine schwarze Katze aus Marzipan

Maria Nothacker hat mit ihren Helferinnen das Lebkuchenhaus noch mit Watte geschmückt: „ Sieht es nicht aus, als ob es geschneit hat?“ Ja, früher, da ist viel mehr Schnee gefallen, auch zu Weihnachten, sind sich die Frauen einig. Was sie zum Fest gekocht haben, fällt den wenigsten wieder ein. Ihr Mann habe am heiligen Abend immer Kartoffelschnitz mit Spätzle gewollt, meint eine. „Bei uns wird mittags entweder Lammgulasch oder gefüllte Gänsebrust serviert“, klärt Maria Nothacker auf.

„Hauptsache, es gibt keinen Fisch“, entgegnet ihr Albert W., der seine Rolle als Hahn im Korb genossen hat. Bevor Sylvia Steinmetz die Plätzchen aus dem Ofen holt, und alle davon naschen, darf er noch eine schwarze Katze aus Marzipan auf das reich verzierte Lebkuchenhäuschen setzen. Und einen Schokoladentaler bekommt er auch.

Krankheit kann schon bei Menschen unter 50 Jahren auftreten

Demenz
: In Deutschland leiden etwa 1,5 Millionen Menschen an Demenz. Sie gehört zu den häufigsten Krankheitssyndromen im Alter. Etwa 80 Prozent der Demenzerkrankungen werden durch Krankheiten des Gehirns hervorgerufen.

Krankheitsformen
: Am häufigsten ist die Alzheimer-Demenz mit dem allmählichen Verlust von Nervenzellen. Es kommt zu einem fortschreitenden Abbau der geistigen Fähigkeiten, die durch Sprachstörungen und oft durch Veränderungen im Sozialverhalten und der Persönlichkeit begleitet werden. Die genaue Ursache ist nicht vollständig erforscht. Die zweithäufigste Form, die vaskuläre Demenz, entsteht infolge von Durchblutungsstörungen im Gehirn. Sie können zum Beispiel durch eine Hirnblutung, einen Hirninfarkt (Blutgerinnsel, das ein Gefäß verstopft), eine Arterienverkalkung oder durch Bluthochdruck ausgelöst werden. Zudem gibt es die frontotemporale Demenzen (Abbau von Nervenzellen zunächst in der Stirn und in den Schläfen). Sie treten oft früher auf als Alzheimer, meistens zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr oder sogar davor.

Diagnose
: Sie gilt als schwierig, weil im Alter die geistige Leistungsfähigkeit nachlässt. Deshalb führen Ärzte meist psychische Tests und Untersuchungen durch (Ultraschall, Kernspintomografie). Streng genommen kann Alzheimer nur durch die Entnahme einer Gewebeprobe aus dem Gehirn sicher festgestellt werden. Das kommt für die Patienten zumeist nicht in Frage.

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