Ab 1966 galt Böblingen für einige Jahre als die wichtigste Einkaufsstadt in der Region. Am 22. April öffneten Hertie und Krauß – der Beginn goldener (und längst vergangener) Zeiten.
Dieser Andrang war etwas völlig Neues: „Zehntausende stürmten am Freitag und Samstag buchstäblich die neueröffneten Kaufhäuser im Böblinger Kaufzentrum.“ So begann damals die Berichterstattung in der Zeitung, als Hertie und das Modecenter Krauß am 22. April 1966 den Verkauf starteten. Böblingen erlebte plötzlich einen „hektischen, ganz und gar großstädtischen Betrieb“, wie es im Eröffnungsartikel hieß. Für den Einzelhandel in der Stadt begannen goldene Jahre, auf die viele Böblinger heute gerne wehmütig zurückblicken.
In der Nachkriegszeit war die Bevölkerung geradezu explodiert. Zählte Böblingen 1946 noch knapp 11 000 Einwohner, waren es 20 Jahre später etwa dreimal so viele. In den 1960er Jahren mussten schnell Wohnungen, Schulen und Infrastruktur gebaut und erweitert werden. Zudem brauchte es neue Einkaufsmöglichkeiten.
Kaufzentrum in Böblingen: Vorbild sind US-amerikanische Shopping-Center
Dafür veränderte sich die Unterstadt. In der Ebene Richtung Sindelfingen wuchsen riesige Betonbauten gen Himmel. Das neue Kaufzentrum mit Hertie und Krauß entstand nach dem Vorbild US-amerikanischer Shopping-Center. Die Firmen traten dabei selbst als Bauherren auf und investierten große Summen in das neue Angebot. Wegen des sumpfigen Untergrunds waren aufwendige und teure Gründungsarbeiten notwendig.
Die Zeitung titelte am Eröffnungstag: „Böblingen wird zur Einkaufsstadt“. Oberbürgermeister Wolfgang Brumme sprach von einem „epochalen Ereignis, durch das Böblingens Gesicht neu geprägt und seine Zukunft wesentlich mitbestimmt werde“. In der Tat, viele Jahre prägte das Angebot von Hertie und Co. die Region. Das Warenhaus mit 8900 Quadratmetern Verkaufsfläche zog Publikum aus den umliegenden Landkreisen an, selbst vom Bodensee kamen die Kunden nach Böblingen, um dort einzukaufen.
Kaufzentrum in Böblingen in den 60ern: Zeitgemäß und attraktiv
Neben Hertie und Krauß entstanden in den 1960er Jahren die weiteren Teile des Kaufzentrums Richtung Süden. Im Oktober 1967 eröffnete dort das Modehaus Zinser eine große Filiale. Benachbarte Geschäfte wie der Plattenladen von Elsässer oder Spielwaren Fischer zogen ebenfalls viele Kunden an. Die Gestaltung des Centers mit seinem Innenhof und diversen Springbrunnen galt als zeitgemäß und attraktiv. Doch so erfolgreich die ersten 25 Jahre verliefen, so bald sank der Stern des Kaufzentrums wieder – und mit ihm auch die Frequenz im benachbarten City-Center, das 1980 eröffnet hatte.
Denn ab den 1980er Jahren machte das Breuningerland den Böblinger Shopping-Angeboten gewaltig Konkurrenz. Der Neubau im Sindelfinger Osten kam schicker und mondäner daher, setzte auf hohe Qualität und lief den Centern in der Nachbarstadt den Rang ab. Plötzlich galten Hertie und Co. als veraltete Betonklötze, deren schleichender Niedergang im Lauf der 1990er Jahre sichtbar wurde.
1994 wurde Hertie von der Karstadt AG gekauft, doch zu retten war das Warenhaus alter Schule nicht mehr. Noch dazu zerstörte ein Brand im Jahr 2000 Teile des Gebäudes. Spätestens ab 2001 hatte es als Fox-Markt mit „großstädtischem Warenangebot“ nichts mehr gemein. Nach und nach verließen zahlreiche Geschäfte das Kaufzentrum: Zinser, Biene, Elsässer, Hermanutz, Fischer oder Leder Asal verschwanden – 2015 auch noch MC Krauß (wie es dort weitergeht, ist bis heute unklar).
Böblingen: Einige Händler halten die Fahnen des Kaufzentrums immer noch hoch
Nach Mömax zog der Möbel-Discounter Poco ins ehemalige Hertie-Kaufhaus. Seit Sommer 2017 prangt der gelb-rote Schriftzug auf dem riesigen Würfel an der Wolfgang-Brumme-Allee. Da stand bereits das neue Einkaufscenter Mercaden auf dem ehemaligen Busbahnhof. Die markanten Fußgängerbrücken über die Brumme-Allee wurden 2019 abgerissen, vom Andrang früherer Tage ist nicht mehr viel übrig.
Das ehemalige Modehaus Krauß steht seit zehn Jahren leer. In der Nachbarschaft halten einige Unentwegte die Fahnen des Kaufzentrums tapfer hoch, darunter die Tanzschule Bode, das Reformhaus Klett, die Motorrad-Ecke und das Fitnessstudio Bananas. Doch der Komplex südlich von Krauß soll irgendwann abgerissen und neu bebaut werden. So sehen es jedenfalls die Pläne der Böblinger Baugesellschaft (BBG) vor – bis es so weit ist, können die Bürger noch auf die 60er Jahre-Bauten blicken und sich an ruhmreiche Zeiten als Handelsmetropole erinnern.
Wie geht es weiter?
MC Krauß
Die Firma Krauß ist im Jahr 2014 insolvent gegangen, seitdem hat sich am Gebäude im Kaufzentrum nichts getan. Anfang 2025 trat zwar eine Projektgesellschaft auf, die das Krauß-Areal weiterentwickeln soll, konkrete Pläne liegen aber nicht vor. Der ehemalige Firmenchef Thomas Krauß, der heute einen Biolandhof bei Calw betreibt, will sich dazu seit Jahren nicht äußern.
Kaufzentrum
Die Böblinger Baugesellschaft (BBG) hat das Kaufzentrum ab 2018 nach und nach erworben und plant eine umfangreiche Bebauung mit Wohn- und Geschäftshäusern. Doch das Projekt hat eine lange Vorlaufzeit. Im März 2026 hat der Gemeinderat den neuen Bebauungsplan genehmigt. Noch liegt die überarbeitete Fassung aber nicht vor.