Die Wandelhalle ist ein Wahrzeichen der Stadt, 1955 stand sie allerdings noch nicht. Foto: Stadtmessungsamt Stuttgart, Montage: Klöpfer/Weber

Luftaufnahmen von 1955 und 2015 zeigen den enormen Wandel am Rand der Böblinger Altstadt. Ein wichtiges Datum ist das Jahr 1969, als die Kongresshalle ihre Pforten öffnete.

Böblingen - Vor mehr als 60 Jahren lag ein Teil der Seeufer sozusagen noch im Dornröschenschlaf. Wo heutzutage das Kaufmännische Berufschulzenrum steht, befand sich einst die Rübenzuckerfabrik Böblingen. Sie war im Jahr 1906 niedergebrannt und wurde nicht wieder in Betrieb genommen, auch weil die Zuckerpreise nach dem zunehmenden Import von Rohrzucker aus Südamerika in den Keller gegangen waren. In der Folge gab es dort auf dem 131 Hektar großen Gelände noch einen Gutshof und Verwaltungsgebäude der Süddeutschen Zucker AG, die zum unteren See hin lagen. „Leerer Wasen“ wurde das Gebiet genannt – der Stadt gelang es aber im Jahr 1956, das Areal zu erwerben und so den Weg frei machen für eine neue städtebauliche Entwicklung Richtung Westen.

Unter anderem konnte sich die Kaufmännische Berufs- und Höhere Handelsschule, deren erstes Schulgebäude im selben Jahr gegenüber dem heutigen Landratsamt eröffnet wurde, in der Folgezeit mit einem Erweiterungsbau und einem Sportplatz dorthin ausdehnen. In guten Jahren hatten in der Zuckerfabrik mehrere hundert Beschäftigte 400 000 Zentner bis 600 000 Zentner Rüben pro Jahr verarbeitet, die von den Bauern  aus der näheren Umgebung geliefert wurden. Sie konnten sich damit ihre Existenz sichern.

„Wir brachen zum Spaß auch Löcher in das Eis“

Diese stand auch für die Arbeiter des Zimmergeschäfts Mehl nicht infrage, die das Grundstück an der andern Straßenseite des Käufmännischen Schulzentrums räumten, um in den Röhrer Weg umzuziehen. Auf dem Areal wurde zunächst die Friedrich-Schiller-Mittelschule eröffnet (1959), bevor im Jahr 1960 das Landratsamt eingeweiht wurde. Überhaupt ging es in den Folgejahren in der Nähe der Seen immer lebhafter zu. Ein Höhepunkt war der Bau der Kongresshalle, die 1969 ihre Pforten öffnete.

Dort war auch schon in früheren Jahren einiges los. Wo sich heute die Parkanlage vor der Kongresshalle befindet, stand einst die im Jahr 1927 fertiggestellte Turnhalle samt Festplatz. An diese Zeit kann sich Hans-Jürgen Sostmann noch gut erinnern, der 15 Jahre lang im Stadtarchiv arbeitete und heute einer Historikergruppe abgehört, welche die Böblinger Flughafengeschichte erforscht. Mit seinen Freunden ist er auf beiden Seen in den 1950er Jahren in kalten Wintern Schlittschuh gelaufen. „Wir brachen zum Spaß auch Löcher in das Eis und sind drübergesprungen“, berichtet er über die Mutproben von einst. Später waren derlei Aktivitäten auf dem Oberen See nicht mehr möglich, weil sich von dort die Brauerei Dinkelaker für ihr Brauhaus am Postplatz das Eis holte.

Seit dem Jahr 1904 hatte es am Oberen See eine Badeanstalt gegeben

Mitunter wurde das Wasser des Oberen Sees abgelassen, an der heutigen Albabrücke, ein Steinwurf von der jetzigen Kongresshalle entfernt, wurden Karpfen und Hechte gefangen und verkauft. Überhaupt erfuhr der Bereich zwischen den beiden Seen in den 1960er Jahren einen radikalen Wandel. Denn neben der Turnhalle wurde dort auch das im Jahr 1864 errichtete Volksbankgebäude abgerissen.

Mit dem Badevergnügen war es dann ebenfalls vorbei. Seit dem Jahr 1904 hatte es am Oberen See eine Badeanstalt gegeben. Diese wurde später geschlossen, weil bereits im Jahr 1953 das neue Freibad am Hexenbuckel in Betrieb gegangen und die Wasserqualität dort besser war. Doch an die 1950er Jahre erinnert sich Sostmann noch gerne und schwärmt: „Es gab damals Boots- und Floßfahrten, an den Ufern Konzerte und abends sogar bengalische Feuer.

Bereits bei der Stadtgründung erwähnt

Mit der Idylle der alten Seegärten war es vorbei, als die Ufer für die Landesgartenschau im Jahr 1996 neu gestaltet und ein gepflegter Park mit der Wandelhalle angelegt wurde. Dieses wegen seiner ins Auge stechenden Architektur ausgezeichnete Bauwerk – es ist 152 Meter lang, acht Meter breit und acht Meter hoch und steht auf 228 Stahlstützen – stieß bei den Bürgern auf Kritik. „Wenn es regnet, bleibt man nicht trocken, außerdem ist man dort im Sommer der heißen Sonne ausgesetzt“, sagt Sostmann. Die Seen und die Uferzonen ringsherum sind aber auf jeden Fall ein geschätzter Aufenthaltsort für die Bürger und Vereine, die zahlreiche Feste im Jahr dort im Grünen feiern. Lebensqualität boten die Gewässer den Böblinger schon seit Menschengedenken.

Der Obere See wurde bereits bei der Stadtgründung im Jahr 1272 urkundlich erwähnt, und der Unteres See wohl im 13. Jahrhundert angelegt. „Er ging bis zur Stadtmauer und diente zum Schutz vor unliebsamen Eindringlingen“, sagt Hans-Jürgen Sostmann.

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