Monika Michalkos „Painter’s Trash“ ist Teil der Ausstellung „Of Other Places“ in der Galerie Stadt Sindelfingen. Foto: Anne Abelein

An 19 Orten in Böblingen und Sindelfingen tummelten sich am Samstag die Besucher der Langen Nacht der Museen. Geboten waren Kurzführungen, Lesungen und Musik.

Wessen Herz für Kunst und Kultur aller Arten schlägt, der war am Samstag in Böblingen und Sindelfingen bestens aufgehoben. Bei der Langen Nacht der Museen war allerhand geboten – für Kinder, Geschichtsfans und sogar Freunde des gepflegten Lärmens. Ein Rundgang.

 

Krieg und Knetskulpturen In der Ausstellung „500 Jahre Bauernkrieg – Ein Ereignis und seine Gesichter“ im Bauernkriegsmuseum dreht sich alles um die historische Rezeption. Die Nazis etwa sahen den Krieg als nationalen „Freiheitskampf“, die DDR als „frühbürgerliche Revolution“. Derweil nähern sich Kinder dem Thema Bauernkrieg kreativ. Sie lassen sich von der Schau im Städtischen Museum zu den Bauernkriegsskulpturen von Lutz Ackermann und Peter Lenk zu Trockenton-Skulpturen inspirieren.

Pilze und Schließfächer Im Fleischermuseum herrscht großes Gedränge: Teils strömen die Leute zur Foodsave-Night, bei der gerettete Lebensmittel verteilt werden. Teils steuern sie die Schau „Dein Fleischermuseum“ oder die zeitgenössischen Präsentationen an. Neben von Pilzen überwucherten Objekten von Barbara Ehnes ist Gabi Blums Gesamtwerk in Form eines Performance-Kinos und einer begehbaren Rauminstallationen zu sehen. Eine Vernissage gibt es auch: Kai Fischers Schau des „Museum of Museum of Lockers“, der temporäre Kunst mittels Schließfächern schafft.

Zoff und Schlamassel In der Unteren Gasse 9 lädt eine Tafelausstellung dazu ein, in Böblingen Spuren jüdischen Lebens zu entdecken. Dort befand sich im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit eine Judengasse, auf der Hulb gab es einen „Judenacker“. Außerdem macht die Plakatausstellung „Schlamassel Tov“ und eine Ansammlung von Stelen vor der Zehntscheuer auf den jiddischen Ursprung von Wörtern wie „Kaff“, „Zoff“ oder „Schmus“ aufmerksam.

Ein krachendes Aus

Jan Démoulin musiziert und lärmt mit ungewöhnlichen Gegenständen. Foto: Abelein

Strand und Metropolen In der SMTT schildern französische Jugendlichen aus Sindelfingens Partnerstadt Corbeil-Essonnes in der Schau „Le Monde est à (V) Nous“ Eindrücke von weltweiten Reisen mit dazu passenden Bildern. Sie erzählen von Selbstvertrauen und dem Verständnis für andere Kulturen, das sie dadurch erlangt haben. Außerdem präsentiert das Duo Anastasia Lick & Igor Petrov-Schell (Akkordeon) im Odeon melancholisch-heitere Chansons.

Alternative Räume In der Galerie der Stadt Sindelfingen bietet die Gruppenschau „Of Other Places“ Einblick in alternative Gegenorte im Sinne von Michel Foucaults Heterotopien. Man tritt in einen komplett in schwarz und weiß gehaltenen Raum, der mit farbenfrohen Exponaten kontrastiert, und trifft auf Särge mit digitalen Avataren als Gesichtern. Ein Ehepaar findet diese grenzwertig. Im Schaufenster Junge Kunst ist Magdalena Frauenbergs Schau „Double“ zu sehen, darunter Videoarbeiten. Sie lässt sich von Volkskunst, Psychoanalyse, Kunstgeschichte und Popkultur anregen.

Pest und Pastoren „Unterhaltsames aus alten Pfarrberichten“ erfährt man von Sylvia Weller-Pahl in der Martinskirche, die alte Pfarrbücher transkribiert hat. Sie erzählt von Pest-Opfern und vom verjagten Weil der Städter Pfarrer Johann Jakob Kleß, der an die Martinskirche wechselte. Man kann eine alte Pastorentafel mit Sütterlinschrift und Wälzer mit Holzdeckeln und Lederbezug bewundern und hört von der Hadernkrankheit, welche die Herstellung von Papier mit sich bringen konnte.

Damals und heute In der Schau im Stadtmuseum „Vor 80 Jahren – Sindelfingen im Krieg“ berichtet der ehemalige Kulturamts-Leiter Horst Zecha von NS-Propaganda mittels Spielen, Kinofilmen und Sammelobjekten. Sabine Duffner vom TheaterEnsemble präsentiert die Lesung „Literatur in bedrohlichen Zeiten“ mit Kästner, Kaléko und Tucholsky und zieht Parallelen zur heutigen Zeit.

Das Fazit zur langen Nacht ist positiv: Kulturamtsleiter Markus Nau (Sindelfingen) berichtet von „gut besetzten Bussen“, OB-Besuch und Jugendlichen und Sven Raisch (Kulturamtsleiter in Böblingen) von „guter Stimmung“ und „vollen Häusern“ bei mildem Wetter.