Seit Februar 2003 leitet Wolfgang Trede das Jugendamt des Kreises Böblingen. Er hat mit seinem Team viele innovative Ideen und Konzepte umgesetzt, wie etwa die Einbindung der gesamten Verwandtschaft in Hilfepläne. Er gilt bundesweit als Experte in der Jugendhilfe. Jetzt geht er in Rente.
Wolfgang Trede war fast 20 Jahre lang der Chef des Böblinger Kreisjugendamts. Sein Ruf aber reicht weit über die Region hinaus. Er ist einer der führenden Köpfe der Jugendhilfe in Deutschland. Nun geht er als Jugendamtsleiter in Rente, will aber sein gesammeltes Wissen weiterhin als Dozent und Publizist weitergeben. Er hat schlimmste Albträume, aber auch echte Glücksmomente im Jugendamt erlebt.
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Herr Trede, nach 20 Jahren als Jugendamtschef gehen Sie nun in Rente. Welche Erlebnisse aus dieser Zeit behalten Sie besonders in Erinnerung?
Die vielen positiven Rückmeldungen von Familien, die uns erreichen und die zeigen, dass unsere Arbeit erfolgreich ist. Ich bekomme auch ganz persönlich E-Mails mit Danksagungen. Was mich immer besonders freut: Wenn wir durch unser Netzwerk auch in fast aussichtslos erscheinenden Situationen helfen können.
Nennen Sie uns ein Beispiel?
Das jüngste liegt gar nicht lange zurück. Das war im März. Wir hatten eine junge Mutter mit drei kleinen Kindern zwischen drei und sieben Jahren. Die alleinerziehende Mutter hatte Corona, die ganze Familie war in Quarantäne. Es gab kein Netzwerk, die Frau war erst seit Kurzem hier in Deutschland, hat hier keine Familie. Ihr Zustand wurde schlimmer, die Hausärztin informierte uns, dass die Frau ins Krankenhaus müsse. Doch wohin mit den drei infizierten Kindern? Die Böblinger Kinderklinik war voll. Wir haben alle Pflegefamilien abtelefoniert, alle Unterbringungsmöglichkeiten abgefragt und nichts gefunden. Schließlich haben wir über unsere Whatsapp-Mitarbeitergruppen um Hilfe gerufen und es meldete sich eine Kollegin aus Leonberg, die von einer gerade genesenen Familie wusste, also für die Corona kein Problem war. Diese Familie – obwohl eigentlich keine Pflegefamilie, hat die drei Kinder aufgenommen. Das hat mir gezeigt: Wir haben gute Netzwerke und finden immer eine Lösung.
Es gibt doch aber nicht nur positive Rückmeldungen. Das Jugendamt steht oft in der Kritik, immer im Spagat zwischen „Die nehmen uns die Kinder weg“ und „die Mitarbeiter reagieren erst, wenn das Kind tot ist“.
Ja, in diesem Spannungsverhältnis bewegen wir uns. Das stimmt. Wobei das Jugendamt ja bis 1989 vor allem den Ruf hatte, sehr restriktiv zu sein. Bis dahin galt das Jugendwohlfahrtsgesetz, das in den Grundzügen aus dem Jahr 1922 stammt und einen stark ordnungsrechtlichen Charakter hatte. Noch in den 1950er-Jahren reichte es manchmal, wenn ein Kind unehelich war und öfters Jazzmusik aus der Wohnung drang, um das Kind der Mutter wegzunehmen. Dieses Gesetz wurde erst 1989 abgelöst durch das neue Kinder- und Jugendhilfegesetz. Seither ist das Jugendamt Dienstleister für die Familien. Wir bieten ihnen verschiedene Hilfsmöglichkeiten an. Und das Spektrum an Instrumenten hat sich sehr erweitert. Neben Wohngruppen gibt es viele ambulante Angebote, Tagesgruppen und Beratungen. Wichtig ist uns, dass die Eltern mitziehen, uns beauftragen, gemeinsam mit ihnen tätig zu werden.
Und was ist mit dem Kinderschutz, wenn Kinder in der Familie gefährdet sind?
Auch diese Fälle haben wir. Aber es geht nicht immer darum, die Kinder aus der Familie zu holen. Das schafft oft neue Probleme in den Wohngruppen. Auch dort kann es zu Gewalt unter den Jugendlichen kommen. Deshalb kann es sinnvoll sein, die Familien so zu unterstützen, dass sie mit unserer Hilfe die Probleme in den Griff bekommen.
Wie machen Sie das? Unterstützung kann ja sehr unterschiedlich aussehen.
Aktuell führen wir eine ganz neue Methode ein, die aus Australien kommt. Zum Beispiel. „Signs of Safety“ heißt sie. Dabei erarbeiten wir gemeinsam mit den Eltern, was die Probleme sind und fragen sie nach Lösungen. Außerdem binden wir das Umfeld viel enger ein, fragen nach weiteren Bezugspersonen wie Nachbarn, Lehrern, Verwandten, Freunden, Kollegen, die die Familie unterstützen können. In manchen Familien gibt es sogenannte „Sicherheits-Bücher“, in die sich alle eintragen, die die Familie besuchen und unterstützen.
Sind Sie mit diesem Modell Vorreiter in Deutschland?
Ich habe davon von einer Kollegin aus Biberach gehört. Wir sind der zweite Landkreis in Deutschland, der das nun einführt und der erste, der das gemeinsam mit den Freien Trägern der Jugendhilfe macht. Die Mitarbeiter sind begeistert.
Sie haben auch schon früher innovative Ideen umgesetzt, gelten als einer der bundesweiten Vordenker im Bereich Jugendhilfe.
Ich war vor meiner Tätigkeit in Böblingen viele Jahre lang zunächst als Referent, dann als Geschäftsführer bei der der deutschen Sektion der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen in Frankfurt beschäftigt. Das waren sozusagen die Reformer der Jugendhilfe. Von dort habe ich viele Ideen nach Böblingen mitgebracht.
Zum Beispiel?
Wir haben im Kreis Böblingen in den Nullerjahren das Regionalprinzip eingeführt, den Kreis nach Sozialräumen unterteilt, in denen sich die Jugendlichen bewegen: Böblingen, Sindelfingen, Herrenberg und Gäu, die Schönbuchlichtung, Leonberg und den Raum Weil der Stadt/Rutesheim. Für jeden Raum haben wir einen Freien Träger bestimmt, der Schwerpunktträger ist und alle sozialen Dienstleistungen anbietet: das Waldhaus für Leonberg, Herrenberg und die Schönbuchlichtung, der Verein für Jugendhilfe für Sindelfingen und den Nordwestkreis und die Stiftung Jugendhilfe aktiv für Böblingen/Ehningen. Also nicht wie vorher, dass ein Träger nur Familienhilfe macht, ein anderer kreisweit die Wohngruppen. Wir wollen alles aus einer Hand. Im Idealfall betreut ein Pädagoge eine Familie über lange Zeit.
Und dieses Konzept hat sich bewährt?
Ja, eindeutig. Und es gibt es mittlerweile in vielen anderen Kreisen.
Sie bringen Ihre Erfahrungen aus Böblingen auch in mehrere Landes- und Bundesgremien ein.
Ja, ich war Mitglied in vielen Gremien. Eine der spannendsten und arbeitsreichsten Tätigkeiten war meine Mitgliedschaft Kommission für den 14. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung in den Jahren 2010 bis 2012. In den vergangenen Jahren war ich beteiligt beim Aufbau der Ombudsstelle des Landes, bei der sich Bürger beschweren können, wenn sie unzufrieden sind mit der Arbeit eines Jugendamts. Beteiligt war ich auch vor einigen Jahren an der Aufarbeitung des Falls Alessioim Schwarzwald und 2019/2020 in der Kommission Kinderschutz der Landesregierung in Folge des Staufener Missbrauchsfalls.
Was kam dabei heraus?
Neben knapp 100 landesweiten Empfehlungen für einen verbesserten Kinderschutz vor allem die Erkenntnis: Wenn ein Kinderschutzfall so erfahrenen Jugendamtsmitarbeitern passieren kann, kann das überall passieren. Deshalb haben wir Empfehlungen zu Strukturveränderungen gegeben und vor allem zur Personalaufstockung. Man hat dann dort auch elf neue Stellen geschaffen. Auch wir haben im vergangenen Jahr unsere Situation in Böblingen untersucht und gesehen, dass wir mehr Personal brauchen. Jetzt ist geplant, innerhalb von drei Jahren um 25 Stellen aufzustocken, 13 Stellen wurden durch den Kreistag bereits genehmigt.
Qualifiziertes Personal zu finden, ist eine Herausforderung.
Ja, das ist es. Und es wird immer schwieriger werden. Die Aufgaben nehmen zu, die Rechtsansprüche steigen. Aber es gibt nicht genügend Leute dafür.
Sie waren nie als Sozialpädagoge in der praktischen Arbeit aktiv?
Ich habe während des Studiums vier Jahre lang als sozialpädagogischer Familienhelfer gearbeitet. Und wir haben selbst eine Pflegetochter großgezogen.
Sie haben schon von schönen Erlebnissen berichtet. Was bleibt Ihnen als Schlimmes in Erinnerung?
Wir hatten vor 15 Jahren den Angriff auf einen Sozialarbeiter. Da hat ein Vater auf unseren Mitarbeiter geschossen. Das hat uns damals sehr belastet. Eine Kollegin, die dabei war, ist seither berufsunfähig. Und vor vier Jahren gab es den Fall des 17-Jährgen, den wir betreut haben. Der war drogensüchtig und die Mutter hatte Angst vor ihm. Wir hatten einen Therapieplatz für ihn organisiert, den sollte er am Montag antreten. Er ist aber nicht hin, sondern hat seine Mutter und Großmutter umgebracht. Auch das hat uns damals sehr beschäftigt.
Werden Sie auch im Ruhestand weiter in der Jugendhilfe aktiv sein?
Meine publizistischen Tätigkeiten werde ich weiter betreiben. Ich gebe mit Kollegen zusammen eine Buchreihe zur Jugendhilfe heraus und arbeite an einem Kommentar des Kinder- und Jugendhilfegesetzes mit. Außerdem plane ich, wieder als Dozent an der Uni Tübingen angehende Pädagogen zu unterrichten. Das habe ich bereits früher getan, hatte dann aber keine Zeit mehr dafür. Jetzt habe ich wieder die Möglichkeit dazu.
Theologe und Publizist
Person
Wolfgang Trede wurde 1956 in Stuttgart geboren und ist auf den Fildern aufgewachsen. Er studierte evangelische Theologie und Pädagogik in Tübingen, war Geschäftsführer bei den Erziehungswissenschaften der Uni Tübingen, dann Geschäftsführer der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen in Frankfurt, bevor er ins Jugendamt nach Böblingen wechselte. Er lebt in Tübingen, hat drei Töchter und vier Enkel, ist sportlich sehr aktiv.
Publizist
Trede ist Verfasser vieler Artikel und Mitherausgeber mehrerer Bücher zu Themen der Jugendhilfe. Aktiv war er in vielen Landes- und Bundesgremien.