So sah die Ludwigsburger Synagoge vor 1938 aus. Foto: Archiv

In Böblingen, Herrenberg, Leonberg und Sindelfingen haben im November 1938 nur vereinzelt Juden gelebt. Bei der damaligen Aktion haben Nazis Synagogen geschändet. Der Landkreis blieb verschont – das hat historische Gründe.

Böblingen - Auch in Leonberg wird am Sonntag, 10. November an die Pogromnacht 1938 gedacht. Um 18.30 Uhr gibt es in der Stadtkirche einen Nachtgottesdienst mit Dekan Wolfgang Vögele und Pfarrer Stefan Nitschke. Schließlich jähren sich am Wochenende zum 75. Mal die Übergriffe der Nationalsozialisten jähren, die damals Synagogen und Bethäuser anzündeten, Geschäfte und Wohnungen von Mitbürgern jüdischen Glaubens plünderten, die Menschen selbst demütigten oder inhaftierten.

Auslöser des Pogroms war die Ermordung des Legationsrats der Deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath. Auf ihn geschossen hatte am 7. November der 17-jährige polnische Jude Herschel Grynszpan. Von Übergriffen der Nationalsozialisten auf Juden um den 9. November 1938 in Leonberg finden sich allerdings keine Hinweise im Stadtarchiv - das gilt auch für die anderen Großen Kreisstädte im Landkreis. Denn es lebten dort so gut wie keine Bürger jüdischen Glaubens.

Mitte der 19. Jahrhunderts wurden etwa in Böblingen sieben jüdische Bürger registriert, bei der Volkszählung im Jahr 1933 waren es noch zwei. Vermutlich handelte es sich bei ihnen um das Ehepaar Hans und Bertha Kahn. In Leonberg lebte zu jener Zeit eine Frau jüdischen Glaubens: Marie Wieck, die mit einem sogenannten Arier verheiratet war. „Sie hat die Zeit des Nationalsozialismus überlebt“, sagt die Stadtsprecherin Undine Binder-Farr. Wieck sei auf eine Liste zur Deportation in ein Konzentrationslager gesetzt worden, aber der Transport sei nicht mehr erfolgt. Weniger Glück hatte die Viehhändlerfamilie Ullmann aus Sindelfingen. Dorthin war sie Anfang des 20. Jahrhunderts aus Haigerloch gezogen, erklärt der Sindelfinger Kulturamtsleiter Horst Zecha.

Zwar kam es in Sindelfingen zu keinen Ausschreitungen im November 1938, aber bereits Anfang des Jahres 1939 bemühte sich die Familie Ullmann erfolglos, die Grundstücke, die sie in Sindelfingen besaß, zu verkaufen. Ihre beiden Kinder hatten die Ullmanns bereits Mitte der 30er Jahre nach Amerika in Sicherheit gebracht. Sie selbst wurden in ein Vernichtungslager deportiert. Nach dem Krieg sei Helmut Ullmann immer wieder nach Sindelfingen gekommen, um sich um die Grundstücke in der Stadt zu kümmern, berichtet Horst Zecha.

Keine Hinweise auf jüdische Mitbürger in Herrenberg

Auch die Herrenberger Stadtarchivarin Stefanie Albus-Kötz muss passen. Im Archiv fand sie keine Schilderungen von Ausschreitungen zur Zeit des November-Pogroms 1938 in Herrenberg, ebenso keine Hinweise auf jüdische Mitbürger.

Eine rege jüdische Gemeinde wie man sie beispielsweise einst in Freudental im Kreis Ludwigsburg kannte, gab es im Kreis Böblingen offenbar nicht. Dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts 377 Juden in Freudental lebten, hatte mit der Stellung der Gemeinde und deren Herrschaft zu tun. Sowohl der Freiherr Zobel von Gibelstadt als auch Wilhelmine von Würben, geborene Gräfin von Graevenitz, erlaubten im frühen 18. Jahrhundert den Zuzug von Juden. In Württemberg sei das zu jener Zeit nur mit Schutzbriefen erlaubt gewesen, sagt Barbara Schüßler, die Leiterin des Bereichs Pädagogik und Kultur im Pädagogisch-Kulturellen Centrum (PKC) in der ehemaligen Synagoge Freudental. Die Juden hätten dafür Schutzgeld an die Obrigkeit gezahlt, außerdem sei klar definiert gewesen, welche Berufe sie ausüben durften und welche nicht. Die meisten von ihnen seien bettelarm gewesen, sagt Schüßler.

Für einen jüdischen Gottesdienst braucht es zehn Männer

Im Zuge der Emanzipation der Juden zogen viele von ihnen vom Land in Städte wie Ludwigsburg, Esslingen, Stuttgart oder Karlsruhe. Auch die jüdische Gemeinde in Freudental schrumpfte. Im Jahr 1933 lebten dort noch 50 jüdische Bürger. Damit dennoch Gottesdienste in der Freudentaler Synagoge, die im Jahr 1770 gebaut worden war, abgehalten werden konnten, setzten sich männliche Christen eine Kippa auf und legten einen Gebetsmantel um. Denn um einen jüdischen Gottesdienst feiern zu können, bedarf es zehn Männer. In dieser Vorschrift sieht Cornelia Hecht vom Haus der Geschichte in Stuttgart, das auch das Museum in der Synagoge in Haigerloch (Kreis Freudenstadt) betreut, einen Grund dafür, dass sich Juden bevorzugt an solchen Orten angesiedelt haben, wo bereits Glaubensbrüder von ihnen lebten. Die jüdische Religion hält eine Vielzahl an Vorschriften bereit., dafür benötige man Infrastruktur.

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