Beim Tag des offenen Denkmals kann auch die Scheune des Gebäude in der Unteren Gasse 9 in Böblingen besichtigt werden. Viele Bürger nutzen die Gelegenheit und wollen wissen, wie das Haus in ein Stadtmuseum umgewandelt werden kann.
Mit einem solchen Andrang hatte Andreas Wolfer vom Böblinger Kulturamt nicht gerechnet. Dutzende Menschen strömten am Sonntagnachmittag, am Tag des offenen Denkmals, in die Untere Gasse, um ein von außen unscheinbares Gemäuer zu besichtigen. Das Gebäude mit der Nummer 7 gilt als eines der ältesten Wohnhäuser in der Stadt, die Scheune daneben trägt die Nummer 9. Das ganz Besondere an den Immobilien aber ist eine Mauer. „Sie war im Mittelalter ein Teil der Stadtmauer“, erklärte Wolfer den interessierten Besuchern. Datiert wird deren Bau auf das Jahr 1290. „Plus/minus 25 Jahre“, sagt der stellvertretende Kulturamtschef.
Viele der Besucher am Sonntagnachmittag waren bereits vor Jahrzehnten einmal im Haus gewesen. Verläuft doch im ersten Stock ein historischer Wehrgang. Zwei Schießscharten sowie eine weitere größere Öffnung markieren ihn. So konnte man im Mittelalter die Stadt gegen Angreifer verteidigen. „Viele Böblinger sind als Schulkinder hier durchgelaufen“, weiß Heidrun Behm, die auch zur Besichtigung gekommen war. Die Grünen-Kreisrätin und Lehrerin im Ruhestand berichtet von Schulklassen, die bis in die 1990er Jahre vom damaligen Besitzer durch den Wehrgang geführt worden seien. „Der Gang beginnt gleich neben der Toilette“, sagt sie.
Haus darf nicht betreten werden
Enttäuscht waren die meisten Besucher, dass sie nicht, wie erwartet, das Wohnhaus selbst betreten durften. „Aus baurechtlichen Gründen. Das wäre zu gefährlich, wenn da viele Leute durchgehen“, bedauerte Andreas Wolfer. Geöffnet war jedoch die Scheune, die dreigeteilt ist. Rechts und links eines breiten Gangs gibt es Lagerräume, die früher wohl für das Aufbewahren von Korn, Stroh und Heu genutzt wurde. „Auch Tiere, Kühe oder Schweine, wurden hier wohl einst gehalten“, sagte Wolfer. Denn vor hundert Jahren war das Gebäude ein Bauernhaus. Ein Gang verbindet die Tenne mit dem Wohnhaus. Bewohnt war das Haus laut Andreas Wolfer wohl noch bis in die 1980er Jahre. „Damals gab es zwei Wohnungen.“ Landwirtschaftlich genutzt worden sei das Gebäude aber damals nicht mehr.
Seit einigen Jahren befinden sich Haus und Scheune nun im Besitz der Stadt. Zuvor hatte ein Bauträger dort versucht, Pläne für den Bau eines Mehrfamilienhauses umzusetzen, scheiterte dann jedoch offenbar an Vorgaben des Denkmalamts. Erbaut und erstmalig bewohnt wurde das vierstöckige Haus vermutlich im 16. Jahrhundert. Andreas Wolfer hat in seinen Unterlagen erstmals im Jahr 1562 einen Eigentümer eingetragen: Johann Gerlach, ein Hofgerichtsassessor aus Tübingen, der am Gericht in Speyer tätig gewesen sein soll. Wie das alles mit Böblingen und seiner Stadtgeschichte zusammenhängt, konnte Wolfer nicht erklären. Aber das kann ja noch erforscht werden. Denn geplant ist, das historische Gebäude zum Stadtmuseum zu machen.
Stadtmuseum geplant
Dies interessierte die Besucher am Tag des offenen Denkmals ganz besonders. „Wie wollt ihr das umbauen?“ und „Steht es unter Denkmalschutz?“ lauteten die Fragen. Nur die Stadtmauer sei denkmalgeschützt, erklärte Andreas Wolfer. Da diese jedoch ziemlich schief ist, müssten erst die Statiker klären, was geht. „Eventuell muss die Mauer abgestützt werden“, sagte Wolfer.
Platz genug für ein Stadtmuseum gibt es auf jeden Fall: nicht nur im vierstöckigen Wohngebäude plus Dachboden und in der Scheune, sondern auch daneben. „Das Haus nebenan gehört auch der Stadt, steht nicht unter Denkmalschutz und kann abgerissen werden“, sagte Wolfer. Noch gibt es keine konkreten Pläne, aber verschiedene Ideen. Angedacht ist die Schaffung eines Museums für die Stadtgeschichte, in die auch das bestehende Bauernkriegsmuseum integriert werden könnte. Der Fokus des neuen Museums würde dabei aber nicht nur auf der Zeit des Bauernkriegs liegen, sondern die Geschichte Böblingens von der Gründung bis heute erzählen. „So etwas fehlt bei uns“, meinte eine Besucherin. „Hier wäre ein guter Platz dafür.“