Die Bauprojekte in Böblingen nehmen kein Ende. Gut so, fragt Jan-Philipp Schlecht.
Der Zeitpunkt lässt sich gar nicht genau benennen, doch seit über einem Jahrzehnt – mindestens – gleicht Böblingen einer Baustellenstadt. Wer alle großen Bauprojekte seit 2010 zusammenzählt, dem reichen zwei Hände kaum aus. Mit dem Umzug des Busbahnhofs in die Talstraße kamen nacheinander eine Menge Steine ins Rollen. Der wohl größte war die Ansiedlung der Mercaden auf dem Areal des ehemaligen Busbahnhofs. Ein nach innen gerichteter Konsumtempel, der sich zur neuen Fußgängerzone Bahnhofstraße – auch die ist in dieser Zeit entstanden – allerdings eher abschottet.
Klar war auch, dass der Beginn der Mercaden zugleich der Anfang vom Ende des benachbarten City Centers sein würde. Dort gingen nach und nach die Lichter aus, bis es der Böblinger Baugesellschaft (BBG) gelang, den Betonklotz von einer mittellosen holländischen Fonds-Gesellschaft zu erwerben. An einen Fortbestand war nicht zu denken, also machte die BBG das Center dem Erdboden gleich. Kürzlich feierte man Einweihung im dort entstandenen Quartier Pulse, das sich im Gegensatz zu den Mercaden den Fußgängern öffnet.
Der Radikal-Umbau in dem Viertel ging weiter: Anstelle des ehemaligen Gebäudes des Möbelhauses Persinger steht ein Mikroapartment-Gebäude vor seiner Eröffnung im kommenden Frühjahr. Gegenüber, auf dem Grundstück des Stammhauses von Mode Krauß, liegt man beim „Inside BB“ in den letzten Zügen. Ach ja, und das Klett-Areal wurde nach einer jahrelangen Investoren-Hängepartie schließlich auch in diesem Jahr fertig, nennt sich bekanntermaßen City Carré. Neu bebaut wurde ebenfalls das Seecarré an der Herrenberger Straße.
Stockbrünnele als teuerstes Hochbauprojekt
Die Großbaustelle schlechthin ist da noch gar nicht erwähnt: Ein neues Großklinikum wächst seit April 2021 auf dem Flugfeld. Ein Stadtteil, der ebenfalls noch keine 20 Jahre alt ist. Und das jetzt entstehende Schulzentrum im Stockbrünnele ist das teuerste je gebaute Hochbauprojekt der Stadt – aber letztlich doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn bei vielen städtischen Gebäuden, insbesondere den Schulen, herrscht ein erheblicher Sanierungsstau.
Es wird deutlich: In der Böblinger Innenstadt flossen und fließen innerhalb nur eines Jahrzehnts Abermillionen Euro in neue Gebäude. Ganze Straßenzüge, Quartiere, ja Stadtteile wurden aus dem Boden gestampft. Und es soll ja weitergehen. Fertig geplant ist bereits die Neubebauung des Postareals mit einem Hochhaus, das alles überragt. Ebenfalls am Horizont steht die Untere Poststraße: Dort gehört der Stadt jetzt fast eine ganze Zeile, neue Ideen gibt es bereits.
Rasantes Wachstum in den 1960er und 1970er-Jahren
Der Grund für den Total-Umbau der Stadt liegt einerseits in den Bausünden einer sehr schnell gewachsenen Stadt. In den 1960er- und 1970er Jahren boomte Böblingen, die Einwohnerzahl verdoppelte sich nahezu innerhalb weniger Jahrzehnte. Schnell wurde Wohnraum geschaffen, Schulen gebaut, Kaufzentren eröffnet. Insbesondere bei den öffentlichen Gebäuden galt es nach der Jahrtausendwende, die Sünden zu heilen. In den 2010er-Jahren befeuerten die ultraniedrigen Zinsen diesen Bauboom.
Es stellt sich die Frage: Was ist in den kommenden Jahren überhaupt noch leistbar – und zumutbar? Denn nicht nur wollen all die Projekte vernünftig geplant und finanziert sein. Sie belasten neben den Haushalten auch die Bevölkerung. Verkehrsteilnehmer können ein Lied davon singen: Es vergeht kein Tag, an dem nicht irgendwo eine Straße gesperrt ist. Das Nebeneinander der vielen Baustellen trübt das Lebensgefühl in der Stadt doch merklich. Wer dieses wieder verbessern will, versucht nach Kräften, die großen Projekte – wenn irgend möglich – gesund zu staffeln.