Eingang des ehemaligen Flughafens bei Böblingen Foto: /Stadtarchiv Böblingen

Von der Eisenbahn über den Flughafen zur Autobahn: Böblingen hat seinen Wohlstand der günstigen Verkehrsanbindung zu verdanken, analysiert unser Redakteur.

Wie lange Entscheidungen doch nachwirken können. Vor hundert Jahren setzte erstmals ein Verkehrsflugzeug auf dem Rollfeld in Böblingen auf. Eigentlich hatten die Oberen bei der Luftverkehr Württemberg AG (LUWAG) ja den Cannstatter Wasen als Standort für den Landesflughafen auserkoren. Doch der war damals noch Übungsgelände des Militärs – und man konnte keinen geeigneten Ausweichplatz finden. Also startete man den Flugbetrieb am 20. April 1925 vor den Toren der Landeshauptstadt im Südwesten.

 

Ein Entscheidungskriterium dürfte auch die günstige Lage an der Eisenbahnlinie gewesen sein, die Stuttgart mit der Provinz verband. Und der Grund für die Gleise liegt wiederum noch ein Jahrhundert weiter zurück: In den 1870er Jahren setzte sich der Reichstagsabgeordnete Otto Elben dafür ein, dass die Gäubahn über Eutingen nach Horb auch an Böblingen vorbeiführte. Die Stadt dankt es ihm noch heute mit dem nach ihm benannten Elbenplatz. Der ist, der Zufall will es so, der vom Verkehr am stärksten umtoste Platz der Stadt.

Die eine verkehrliche Entscheidung führt also zur nächsten, und mit dem Flughafen gewann auch die Straße von Stuttgart nach Böblingen an Bedeutung. Nahmen die ersten vornehmen Passagiere in den 1920ern doch häufig den Zubringerbus, der vom Luftreisebüro in der Fürstenstraße abfuhr. Die Fliegerei in Böblingen ist aber sogar noch etwas älter: Zuvor wurde das Flugfeld von der Luftwaffe genutzt. Und auch das benachbarte Daimler-Werk war zunächst ein reines Flugmotorenwerk mit eigener Flug- und Landebahn.

Fliegerei als Grundlage des Wohlstands

Die Fliegerei war es also, die die Grundlage für den enormen Wohlstand der beiden Städte legte. Aus ihr entstand eine eigener Industriezweig, deren prominentester Vertreter Hanns Klemm wurde. Der allerdings stand als Konstrukteur zunächst auch in den Diensten von Daimler, bevor er seine eigene Firma in Böblingen gründete. Im Zweiten Weltkrieg allerdings wurde den Städten der Fliegerhorst zum Verhängnis.

Empfangsgebäude 1927 Foto: Stadtarchiv Böblingen

Alliierte Bomber nahmen ihn genauso ins Visier wie das auf Rüstungsproduktion umgestellte Daimler-Werk nebenan. Regelrechte Bombenteppiche regneten über dem Gelände herab. Bevor das Flugfeld nach der Jahrtausendwende aufgesiedelt werden konnte, musste der Untergrund erst aufwendig dekontaminiert werden. Aus ihm grub man unzählige Blindgänger aus. Andernorts schüttete man die Krater einfach zu – und errichtete bedenkenlos Bauwerke darauf.

Die Folgen treten heute noch zutage, wie die Vollsperrung der A 81 nach Ostern zeigt: Bei den Bauarbeiten zum Ausbau der A 81 wurde unter der Fahrbahn eine Anomalie entdeckt. Könnte ein Blindgänger sein – muss aber nicht. Die stummen Zeugen im Untergrund erinnern einmal mehr an Krieg und Zerstörung, die der Verkehrsknoten in den letzten Kriegsjahren erleiden musste. Die Erinnerung daran wachzuhalten, ist ebenso wichtig wie die an die Blütezeit der Fliegerei in der Stadt.

Böblinger Kapitel reich an Geschichte

Die Hundertjahrfeier des Stuttgarter Flughafens fand schon 2024 statt, weil 1924 die LUWAG gegründet wurde. Von den eigentlichen Anfängen in Böblingen war da nicht so sehr die Rede. Schade. Denn dieses Kapitel ist reich an Geschichte(n). Umso wichtiger, dass Böblingen ihm eine eigene Jubiläumsfeier widmet: Das Flugfeldfest am 14. September steht im Zeichen der hundert Jahre. Doch was wäre es ohne die Arbeit der Heimatforscher in der AG Böblinger Flughafengeschichten? Die Akribie und Leidenschaft von Hans-Jürgen Sostmann, Reinhard Knoblich und Wilfried Kapp können nicht hoch genug gelobt werden. Die Feier wäre ein schöner Anlass, dieses Engagement noch einmal offiziell zu würdigen.