Mit Porträts von Schiller, Goethe und Wilhelm Busch auf Platz 3 Foto: Getty Images Europe

Weil er farbenblind ist, sieht der Bodypainter Micha Joos seine Motive anders als die anderen. Das ist kein Problem für ihn – aber manchmal bekommt er Stress mit der Polizei.

Eislingen - Wir haben nicht damit gerechnet“, erinnert sich Micha Joos. Bei der Weltmeisterschaft im Bodypainting gewann er im Juli in der Team-Kategorie zusammen mit der Malerin Eva-Maria Schulz in Klagenfurt am Wörthersee Bronze bei den Profis. Als Thema sei der „Glanz vergangener Tage“ vorgegeben gewesen. Joos und Schulz haben daraufhin eine Collage mit Porträts von Schiller, Goethe und Wilhelm Busch zum Motiv „Glanz der Sprache“ verwoben, das ihnen bei der Jury viele Punkte eingebrachte.

Die Farben, die er verwendet, sieht er nicht wirklich

Die oft farbenfrohen Motive sprüht der Bodypainter aus Kirchheim (Kreis Esslingen), der in Eislingen einen Laden betreibt, obwohl er selbst kaum Farben unterscheiden kann. „Ich sehe nicht wirklich, was ich mache“, räumt er ein. „Ich muss mich darauf verlassen, was auf dem Farbdöschen steht.“ Dass seine Arbeiten dennoch hochwertig sind, zeigen die zahlreichen Titel, die er bereits bei verschiedenen Wettbewerben im In- und Ausland gewonnen hat.

Seine Farbenblindheit sei für andere Menschen meist ein größeres Thema als für ihn selbst. Wer es nicht wisse, merke es für gewöhnlich auch nicht, dass er farbenblind sei. „Für mich ist es normal. Ich kenne es nicht anders“, sagt Joos. Früher habe er seine Farbenblindheit verborgen, weil er besorgt war, keine Aufträge mehr zu bekommen. Inzwischen, nach zahlreichen erfolgreichen Projekten und internationalen Auszeichnungen, sei es ihm egal: „Kein Kunde muss Angst haben, dass er ein schlechtes Motiv bekommt.“

Vom Modellbau zum Bodypainting

Zum Bodypainting ist der 37-jährige Eislinger über den Modellbau gekommen. Mit einer kleinen Sprühpistole hat er Modelleisenbahnen und Waggons bemalt. Irgendwann kaufte er sich eine neue Spritzpistole, die es aber nur in einem Set mit unterschiedlichen Farben gab. In diesem Set waren auch Bodypainting-Farben, die dermatologisch getestet und leicht abwaschbar sind.

„Der Schwabe schmeißt nichts weg“, erinnert sich Joos. Er habe in seinem Bekanntenkreis so lange gefragt, bis sich eine Dame dazu bereiterklärt hat, sich das Gesicht mit einem Totenkopfmotiv besprühen zu lassen. Ein Foto seiner Arbeit hat er in einem sozialen Netzwerk hochgeladen. „Seitdem habe ich Anfragen ohne Ende.“

Das war vor etwa sieben Jahren. Seitdem hat ihn die Faszination für das Bodypainting nicht mehr losgelassen. Besonders die sogenannten „One-Shot-Projekte“ sind inzwischen zu seiner Spezialität geworden. Dabei handelt es sich um Motive, die trotz der Körperkonturen der Models wie auf einer flachen Leinwand gezeichnet aussehen – beispielsweise ein Adler oder ein Comic.

Für seine Bilder darf er höchstens sechs Stunden Zeit brauchen

Die fertigen Bilder sehen allerdings auch nur aus einem bestimmten Blickwinkel heraus richtig proportioniert aus. Dafür müssen die Rundungen der so gut wie immer weiblichen Models ebenso kalkuliert werden, wie der Lichteinfall. „Alles muss proportional stimmen, das ist die große Herausforderung“, sagt der Bodypainter. Während des Sprühvorgangs dürfen sich die Models nur wenig bewegen. Daher muss ein Bild spätestens in sechs Stunden fertig sein. „Es ist ein gewisser Leistungsdruck“, sagt Joos, der hauptberuflich als Projektleiter im Maschinenbau arbeitet. Immerhin sitzen bei einem Projekt neben ihm und dem Model in der Regel auch noch ein komplett ausgestatteter Fotograf mit im Studio.

Inzwischen ist aus dem einstigen Hobby ein veritables Kleingewerbe geworden. Joos nimmt auch Aufträge für Wandmalereien oder 3D-Bodenmalereien an. Demnächst soll er beispielsweise mit einem Kollegen Da Vincis letztes Abendmahl auf eine fünf Meter mal zwei Meter große Fläche sprühen. Dass ihm dabei die Polizei einen Strich durch die Rechnung machen könnte, ist eher unwahrscheinlich. Bei Fotoshootings im Freien komme es dagegen auch mal vor, dass die Polizei vorfährt, weil die Models statt Kleidung nur ihre bemalte Haut zeigen.

Manchmal bekommt er Stress mit der Polizei

In Italien musste Micha Joos mit seinem Bodypaintingmodel und dem Fotografen mehrere Stunden auf einer Polizeiwache verbringen. Auch in Stuttgart habe er schon Probleme mit der Polizei bekommen, als er am Hafen ein Fotoshooting machen wollte. „Wir sind das gewohnt“, sagt Joos. Ganz nachvollziehen kann er es aber nicht. „Wir machen etwas künstlerisch Wertvolles“, betont er.

Wer sich die Arbeiten von Micha Joos ansehen möchte, kann dies entweder auf der Homepage des Airbrushers auf oder bei Instagram auf seinem Profil tun.

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