Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelo beim Kirchentag in Stuttgart Foto: Lichtgut/Zweygarth

Der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow wirbt auf dem Kirchentag für gerechte Verteilung von Reichtum und Arbeit.

Stuttgart - Christen müssen sich nach Ansicht von Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow für eine gerechtere Verteilung von Arbeit und Ertrag einsetzen. „Das Erkennen, dass wir gleichberechtigte Menschen sind“, müsse die Grundlage sein, sagte Ramelow am Freitag beim Kirchentag in Stuttgart. „Das Prinzip des Nutzens für die Gemeinschaft muss im Zentrum unseres gesellschaftlichen Handelns stehen.“

Bei einer Bibelarbeit vor 1500 Zuhörern im Beethoven-Saal der Stuttgarter Liederhalle beschäftigte sich der evangelische Christ mit einem Kapitel aus dem biblischen Buch des Predigers Salomo und dabei vor allem mit dem Kernsatz „Welcher Gewinn bleibt denen, die etwas tun, von ihrer Mühe?“ Auf den Tag genau seit sechs Monaten ist Ramelow Ministerpräsident von Thüringen und damit bundesweit der erste Regierungschef der Linkspartei – „und die Welt ist nicht untergegangen!“, wie er konstatierte. Für die schwäbischen Gastgeber des Kirchentages übersetzte der 59-Jährige den Bibelspruch passgenau: „Schaffa, schaffa, Häusle baue – was heißt das am Ende, wenn alle im Hamsterrad sind und das Miteinander auf der Strecke bleibt?“

Mühe sollten wir alle haben, in unserem Leben, sagte Ramelow, stellte aber klar: „Gott sagt nicht, dass wir die Mühe nur erdulden sollen, sondern lernen, damit umzugehen – das gemeinsame Leben ist das entscheidende“. Stattdessen gehe es um die richtige Balance im persönlichen Leben, aber in gesamtgesellschaftlicher Hinsicht, um das Gleichgewicht zwischen arm und reich. „Die Welt ist nicht nur für die gemacht, denen es gut geht“, betonte Ramelow. „Spätestens, wenn wir über die Flüchtlingsströme nachdenken, müssen wir feststellen, dass die Welt aus den Fugen geraten ist.“

„Gott hat gewollt, dass am siebten Tag Ruhetag ist.“

Klagen über die ungerechte Verteilung von Reichtum und Arbeit fänden sich bereits im Alten Testament und seien bis heute aktuell geblieben, sagte der frühere Gewerkschaftsfunktionär und ehemalige Religionsbeauftragte der Linken-Bundestagsfraktion: „Die einen sind mühselig und beladen durch Arbeitslosigkeit, die anderen durch Überstunden.“ Wieder andere versuchten ihre Ermüdung mit Doping am Arbeitsplatz zu kaschieren. Burnout, Entfremdung von der Arbeitswelt, zunehmende Suchterkrankungen und Medikamentenmissbrauch und die schwere Vereinbarkeit von Familie und Beruf seien Alarmzeichen.

Der Mensch sei „kein Arbeitsochse“. Er brauche Auszeiten: „Gott hat gewollt, dass am siebten Tag Ruhetag ist.“ Eine große Niederlage als Gewerkschafter musste er selbst beim Kampf um das Ladenschlussgesetz einstecken. Die „Unterordnung unter die Glitzerwelt“ sei ein falscher Weg. Die Heilsversprechen von steigendem Umsatz und vielen neuen Arbeitsplätzen hätten sich nicht erfüllt.

Im Kern gehe es um die Frage „Wem muss der Reichtum unserer Welt dienen?“ Ramelow warnte vor der zunehmenden Ökonomisierung des persönlichen wie auch gesamtgesellschaftlichen Lebens. „An der Börse entsteht keine Solidarität, da entsteht nur Zins und Profitsucht“, sagte der 59-Jährige. „Zinswirtschaft allein ist kein gesellschaftlicher Fortschritt“, sagte Ramelow. Die Bürger sollten sich Stadtwerke und privatisierte Gesundheitswirtschaft „zurückerobern“.

In einem Brückenschlag zur aktuellen Politik warb der bundesweit erste Ministerpräsident der Linkspartei, der gemeinsam mit dem früheren brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) den Tarifkonflikt zwischen Deutscher Bahn und der Lokführer-Gewerkschaft GDL schlichten soll, um mehr Verständnis für die jüngsten Bahn-Streiks. Die Lokführer würden drei Millionen Überstunden vor sich herschieben, so Ramelow. „Öffentlich wird das Bild gezeigt von einem einzelnen Gewerkschaftsboss, der der ‚Bahnsinnige’ genannt wird“, kritisierte Ramelow die einseitige Medienberichterstattung über den Konflikt. Er habe seine Zusage für die Rolle des Schlichters aber an eine Bedingung geknüpft, fügte Ramelow schmunzelnd hinzu: „Die Vereinbarung zwischen der GDL und mir war, dass die Züge zum Kirchentag rollen müssen, dann bin ich bereit gewesen zu schlichten.“

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