Für 4,6 Milliarden Euro wollte sich die Bodenseewasserversorgung, die auch Stuttgart mit Trinkwasser beliefert, neu aufstellen. Der Wasserpreis hätte sich dadurch verdreifacht.
Es wäre ein Mammutprojekt gewesen, doch im Moment spricht wenig dafür, dass der Zweckverband Bodenseewasserversorgung (BWV) seine Neubaupläne verwirklichen wird – mit 4,6 Milliarden Euro sind sie schlicht zu teuer. Auf der jüngsten Verbandsversammlung in Tuttlingen vor wenigen Tagen haben die Vertreter den Weg, zwei Alternativen prüfen zu lassen, bestätigt.
Dabei war die Zielsetzung eigentlich richtig gewesen. Immerhin versorgt die BWV rund vier Millionen Menschen in Baden-Württemberg, vom Bodensee über Stuttgart bis nach Bad Mergentheim ganz im Norden des Landes mit Wasser, diesem wichtigsten Lebensmittel. In Zeiten des Klimawandels wollte sich der Versorger auf höhere Wasserentnahmen vorbereiten. In Zeiten von Krisen und Kriegen wollte man eine redundante Infrastruktur schaffen. Und in Zeiten der invasiven Quaggamuschel wollte man die Reinheit des Wassers bewahren. Im Übrigen sind viele Anlagen 71 Jahre nach ihrer Inbetriebnahme schlicht in die Jahre gekommen.
Zweites Werk, Ultrafiltration und höhere Fördermenge
So sollte ein zweites Werk mit einer Entnahmestelle direkt am Bodenseeufer im Pfaffental gebaut werden. Damit hätte die Versorgung aufrechterhalten werden können, wenn die bestehende Anlage an der Süßenmühle, die drei Kilometer entfernt liegt, einmal ausfallen sollte. Im Kampf gegen die invasive Quaggamuschel hielt man eine neue Ultrafiltration des Wassers für notwendig, da die Larven der Muschel extrem klein sind.
Die Anlagen wären zudem so dimensioniert gewesen, dass 50 Prozent mehr Wasser hätte gefördert und gereinigt werden können. So hätte man weitere Kommunen mit Wasser beliefern können. Denn schon seit Jahren stehen Städte und Gemeinden bei der BWV Schlange, weil ihre eigenen Quellen in heißen Sommern zunehmend versiegen.
Aber bereits seit dem Sommer letzten Jahres macht sich der Versorger nun Gedanken über zwei Alternativen. So sei das Risiko, dass die Quaggamuschel Bestandsanlagen kaputtmache, nicht so groß wie bislang angenommen, sagt die BWV-Sprecherin Teresa Brehme. Statt der ursprünglichen Ultrafiltration reichten womöglich doch Mikrosiebe und eine Behandlung mit Ozon. Die Möglichkeit zu wachsen könne man zurückstellen. Und ein zweites Entnahmewerk sei zwar sinnvoll, aber nicht zwingend, so Brehme.
Das Umweltministerium will die Pläne am Bodensee nicht direkt kommentieren. Aber die Sprecherin Claudia Hailfinger sagt doch relativ deutlich, dass der Masterplan des Landes zur Wasserversorgung zeige, dass bereits heute viele Kommunen kein ausreichendes zweites Standbein besäßen: „Bei einem Ausfall des größten Wasservorkommens wäre die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser stark eingeschränkt oder gar nicht mehr gewährleistet.“ Ein redundantes System würde das UM deshalb vor dem Hintergrund der Versorgungssicherheit begrüßen. Aber das steht nun auf der Kippe. Es dürfte bei 183 Mitgliedern bleiben.
Denn die Gesamtkosten für das Projekt, das bis 2046 hätte verwirklicht werden sollen, belaufen sich auf errechnete 2,5 Milliarden Euro – weitere 1,3 Milliarden Euro hätte die Wachstumsoption verschlungen, der Rest von 1,2 Milliarden Euro war für Zinsen und Inflation veranschlagt.
Im Januar sollen nun die Pläne für die zwei Alternativen vorliegen, spätestens im Sommer 2026 soll beschlossen werden, ob das ursprüngliche Projekt oder, was wahrscheinlich ist, eine der beiden Alternativen in Angriff genommen wird.
Für die Haushalte, die Wasser vom Bodensee beziehen, ist das eine gute und eine schlechte Nachricht. Eine schlechte, weil die Versorgungssicherheit durch eine zweite Entnahmestelle womöglich nicht verbessert wird. Aber eine gute, weil der Preis nicht so stark steigen dürfte.
Ein Liter Trinkwasser kostet den Kunden im Schnitt 0,344 Cent
Denn das Projekt „Zukunftsquelle“ hätte den Umlagepreis verdreifacht, wenn auch im Laufe von 20 Jahren, so räumt die BWV selbst ein. In der Stadt Stuttgart gibt es einen Mischpreis: Der Süden, der Westen und ein Teil des Nordens trinken Wasser aus dem Bodensee; die restlichen Stadtgebiete werden über die Landeswasserversorgung bedient, die ihr Wasser aus Quellen in Ostwürttemberg und aus der Donau schöpft.
Derzeit verlangt die BWV im Schnitt knapp 90 Cent für einen Kubikmeter Wasser, also 0,09 Cent pro Liter. Ganz nebenbei: die Landeswasserversorgung ist rund zehn Cent günstiger. Allerdings legen die Stadtwerke, die das Wasser abnehmen, ihre eigenen Kosten ebenfalls um – in Baden-Württemberg liegt der Preis für den Endverbraucher für einen Kubikmeter deshalb laut einer Übersicht des Umweltministeriums im Schnitt bei 3,44 Euro (in Stuttgart verlangen die Netze BW 3,95 Euro; überall kommen noch die Abwassergebühren hinzu). Der Preis variiert stark: Der günstigste Versorger (2,28 Euro, Regionalnetze Linzgau am Bodensee) ist halb so teuer wie der kostspieligste (4,48 Euro, Stadtwerke Mühlacker).
Energiekosten haben den Preis schon 2023 nach oben getrieben
Eine Preisexplosion hatte es bei der Bodenseewasserversorgung schon in der jüngsten Vergangenheit gegeben: Vor drei Jahren betrug die Umlage noch 64,5 Cent, das entspricht einer Teuerung um 37 Prozent in zwei Jahren. Der Grund dafür seien aber noch nicht die Planungen für die „Zukunftsquelle“ gewesen, sondern vor allem die um 67 Prozent gestiegenen Energiekosten, betont Teresa Brehme. Für das nächste Jahr plant die BWV mit einem leichten Rückgang der Umlage.
Für den Endverbraucher stieg der durchschnittliche Wasserpreis im Südwesten laut dem Umweltministerium seit März 2021 um 23,7 Prozent.