Erst Tokio, dann Peking: Alexandra Burghardt ist die schnellste Frau Deutschlands – und schiebt Mariama Jamankas Bob an.
Yanqing - Natürlich ist Alexandra Burghardt nicht die Erste. Es gab schon einige Athletinnen, die im Sommer und im Winter bei Olympischen Spielen gestartet sind. Christa Luding-Rothenburger war sogar doppelt erfolgreich, für die DDR holte sie Gold im Eisschnelllauf (1984/Sarajevo und 1988/Calgary) sowie Silber im Bahnradsprint (1988/Seoul). Und trotzdem ist auch die Geschichte von Burghardt eine besondere. Weil sie sich auf dünnem Eis bewegt.
Alexandra Burghardt (27) ist die schnellste Frau Deutschlands. Im Sommer lief sie 11,01 Sekunden über 100 Meter, stand in Tokio im olympischen Halbfinale und wurde mit der Staffel starke Fünfte. Hätte die Leichtathletin damals jemand gefragt, wie sie ihren Winter verbringen würde, die Antwort wäre wohl so ausgefallen: viel Training, in aller Ruhe, gerne auch in der Wärme, dann die Hallen-Saison und schließlich voller Fokus auf die drei Höhepunkte DM-Titelverteidigung, WM in Eugene/USA, EM in München. An diesem Plan hat sich, was die Meisterschaften angeht, nichts geändert. Das meiste andere ist neu, das Stichwort „Ruhe“ sogar ganz gestrichen, längst schon. Denn es kam ein verlockendes Angebot dazwischen.
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Im Bobsport zählen die Steuerkünste der Pilotin, die Aerodynamik, die Kufen. Enorm wichtig ist allerdings auch die Anschieberin. Wer am Start nicht schnell genug in Fahrt kommt, kann gleich wieder einpacken. Entsprechend gefragt sind flotte, starke, dynamische Frauen. Athletinnen wie Alexandra Burghardt. Ihre Dienste sicherte sich für diesen Winter Mariama Jamanka, die 2018 in Pyeongchang Gold holte und nun ihren zweiten Olympiasieg anpeilt. Mit einer Anschieberin, die vieles mitbringt. Nur keine Erfahrung.
Lediglich ein paar Weltcup-Rennen hat das neue Duo zusammen bestritten, vor Weihnachten in Winterberg und Altenberg allerdings zwei zweite Plätze geholt. „Angst hatte ich nie, es hat mich gleich in den Bann gezogen“, sagt Alexandra Burghardt, „Mariama vermittelt mir stets ein sicheres Gefühl.“ Und sie hat auch etwas zurückzugeben. „Ich habe das Gefühl für den Schlitten, die Kommandos sind immer abgestimmter. Sie kann sich zu 100 Prozent auf mich verlassen“, erklärt Burghardt, über die Bundestrainer Rene Spies sagt: „Sie hat gleich mal Entwicklungsschritte übersprungen, ist eine Waffe.“ Eine gut geladene.
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Vor dem Abflug nach Peking war die Sprinterin auf Teneriffa in einem Trainingslager der Leichtathleten. Dort lief es rund. „Ich habe viel im Highspeed- und Beschleunigungsbereich gearbeitet“, sagt Alexandra Burghardt, „meine Form ist so gut wie noch nie im Winter. Ich habe viel Power.“ Die sie nun auch in Yanqing in die Spur bringen möchte: „Es gibt ja kaum einen Unterschied – nur, dass ich jetzt eben noch ein Gerät schiebe. Ich musste lediglich lernen, die Kraft auf den Bob zu übertragen.“
196 Tage nach ihrem Auftritt bei den Sommerspielen in Tokio startet Burghardt an diesem Freitag (erster Lauf 13 Uhr, zweiter Lauf 14.30 Uhr/MEZ) in ihr nächstes Abenteuer im Zeichen der Ringe. Damals herrschten fast 40 Grad, diesmal werden es minus 15 Grad sein. Die Füße befinden sich nun statt in Spikes in Bürstenschuhen. Den Zweiteiler hat sie gegen einen Ganzkörperanzug eingetauscht. Doch der olympische Geist, den sie in sich trägt, ist derselbe. „Es ist einfach etwas Außergewöhnliches, wenn Sportler aus allen Kontinenten zusammenkommen“, sagt sie, „allerdings habe ich mich in Tokio sportlich etwas wohler gefühlt. Damals war alles Routine, jetzt ist alles neu. Bobfahren ist einfach nicht meine Hauptsportart.“ Und wird es auch nie werden.
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Unabhängig vom Ergebnis in Yanqing, das hat Alexandra Burghardt bereits angekündigt, wird sie danach wieder aussteigen: Nach den Spielen geht es von der Eis- zurück auf die Tartanbahn. „Das Projekt Bob“, sagt sie, „ist ein temporäres.“ Und könnte ihrer Popularität, falls es zur Medaille reicht, trotzdem einen ziemlichen Schub geben.