Bob Dylan zu Beginn seiner Karriere in den frühen 1960er Jahren. In unserer Bildergalerie stellen wir sieben prägende Lieder des Singer-Songwriters vor. Foto: Sony Music

Bob Dylan ist der wichtigste und einflussreichste Songschreiber des 20. Jahrhunderts. Als der große Unberechenbare der Rockmusik, als Trickser und Täuscher hält er auch im 21. Jahrhundert die Welt noch in Atem. Am Pfingstmontag wird er 80 Jahre alt.

Stuttgart - Er war schon Protestsänger und Rocker, Poet und Künstler, Erlöser und Verräter, hat sich als Weihnachtsmann und Westernheld verkleidet, mal den Nihilisten, mal den Gläubigen gespielt. Er ist Romantiker, Zyniker, Skeptiker, Metaphysiker, oft alles auf einmal, und immer ist er da, wo man selbst gerade nicht ist.

 

Wenn es etwas gibt, das das Werk von Robert Allen Zimmerman zusammenhält, den man besser als Bob Dylan kennt, dann, dass er am liebsten den Trickser und Täuscher spielt, der nicht zu fassen ist. Immer wenn man glaubt, man ist ihm auf der Spur, schlägt er wieder einen tollkühnen Haken.

Bob Dylan ist zuverlässig unzuverlässig

Das gilt nicht nur für seinen legendären Auftritt beim Newport Folk Festival im Jahr 1965, bei dem er die Folkwelt zum Explodieren bringt, weil er mit E-Gitarre auf die Bühne kommt. Stets macht er das, was man am wenigsten von ihm erwartet: Zum Beispiel als er sich 1999 zu einem bizarren Gastauftritt in der TV-Sitcom „Dharma und Greg“ überreden und dort bei einer Jamsession die Hauptdarstellerin Jenna Elfman trommeln ließ. Zwar fand er es eine witzige Idee, 2014 für eine schwedische Doku vor einem einzigen Zuschauer in einer Konzerthalle in Philadelphia aufzutreten, die Verleihung des Literatur-Nobelpreises im Jahr 2016 schwänzte er dagegen lieber und schickte stattdessen seine Kollegin Patti Smith nach Stockholm.

Beim Auftritt bei den Jazz Open im Juli 2019 in Stuttgart überraschte der Mann, der das Image des grimmigen Enigmas pflegt, damit, dass er die meiste Zeit grinste. Die Corona-Krise nutzte er im Jahr 2020 frech, um ausgerechnet mit dem sperrigen 17-Minuten-Epos „Murder Most Foul“ seinen ersten Nummer-eins-Single-Hit überhaupt zu landen. Und wenige Monate später verblüffte er mit der Ankündigung, dass er die Rechte an seinen Songs an den Musikkonzern Universal verkaufen will. Bob Dylan ist zuverlässig unzuverlässig.

Rock-Meilenstein „Highway 61 Revisited“

Es ist jedenfalls ein hohes Maß an Ignoranz nötig, um Dylan, der am 24. Mai 1941 in Duluth, Minnesota, geboren wurde, noch für den friedensbewegten Folklore-Knilch zu halten, der 1962 in „Blowin’ in the Wind“ gegen die herumfliegenden Kanonenkugeln ansang. Dazu hat er inzwischen viel zu oft Rollen und Stile gewechselt. Etwa im Jahr 1965, als er das Album „Highway 61 Revisited“ veröffentlicht, das nicht nur ihm selbst eine neue Richtung gibt, sondern auch die Rockmusik für alle Zeiten verändert – vor allem mit dem sechsminütigen Lied „Like a Rolling Stone“, das gegen alle musikalischen Konventionen von damals verstößt und bis heute gerne in Rankings als der beste Song aller Zeiten auftaucht.

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Und während die Folk-Puristen noch toben und ihn wegen seiner Elektrifizierung als Ketzer beschimpfen, beginnt Dylan im Oktober 1965 in New York bereits mit den Aufnahmen zu seinem nächsten Meisterwerk: „Blonde on Blonde“. Es erscheint 1966 und darf als das erste Doppelalbum in der Rockhistorie gelten (Frank Zappas „Freak out!“ wird erst einen Monat später veröffentlicht). Die 14 Songs verweigern sich verrätselt jeder Einengung. Dylan lädt Rock’n’Roll, Country, Folk und Blues surrealistisch, expressionistisch oder symbolistisch auf und gefällt sich in der Rolle des an Arthur Rimbaud und William Blake geschulten Erzählers, dem man niemals trauen darf.

Der Joker, der Dieb und die Apokalypse

Das zumindest wird zur Konstante im sich stets gegen Erwartungshaltungen stemmenden Schaffen Bob Dylans. Die Lieder, die er zunächst mit markant nasaler und später mit krächzender Stimme vorträgt, bleiben diesem Erzählkosmos treu. Das Album „Rough and Rowdy Ways“ aus dem Jahr 2020 ist gar nicht so weit entfernt von „Blonde on Blonde“ und 1966: Durch Bluesrock, Sehnsuchtballaden, Gospelhymnen und Geschichtsdramen huschen Anne Frank, Indiana Jones, die Rolling Stones. Elvis Presley, Martin Luther King, Allen Ginsberg und Jack Kerouac. Harold Lloyd und Buster Keaton schauen vorbei. Hier lauert einem William Blake auf, dort versteckt sich Edgar Allan Poe im Dunkeln.

Bob Dylans Lieder zu hören heißt auch im 21. Jahrhundert, sich durch Menschenmassen zu schlängeln, durch spirituell eingefärbte Traumfabeln und gewaltige Textlabyrinthe zu irren, sich in einem verriegelten poetischen Paradies aussetzen zu lassen, um sich dann auf eine Reise um die Welt zu begeben, bei der man nicht wie bei Kleist nach dem Eingang, sondern dem Ausgang suchen muss.

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„There must be some way out of here“, ließ Dylan einst in „All along the Watchtower“ den Joker zum Dieb sagen, während der Wind aufheulte. Und auch über 50 Jahre später sperrt Dylan einen am liebsten in einen Irrgarten ein, lässt einen mit unlösbaren Rätseln und der Suche nach dem Ausgang allein zurück, während draußen die Apokalypse naht.

Wegweiser durch die Dylan-Labyrinthe

Der Mann, der wie kein anderer die Rockmusik geprägt hat, liebt solche monströsen lyrischen Puzzle. Und er selbst hat noch nie großes Interesse daran gezeigt, seine Rätsel selbst aufzuklären. Andere sind besser geeignet, einen durch diese poetischen Labyrinthe zu führen: D. A. Pennebaker etwa, der in dem Dokumentarfilm „Don’t Look Back“ (auf DVD erhältlich) Dylan auf dessen Großbritannien-Tour im Jahr 1965 begleitet hat. Oder Martin Scorsese, der in der Doku „Rolling Thunder Revue“ (bei Netflix verfügbar) hinter die Kulissen der gleichnamigen Tour im Jahr 1975 schaut. Man kann auf Robert Shelton hören, der im Standardwerk „No Direction Home“, Bob Dylans Leben und Karriere bis 1978 verfolgt. Oder auf Colin Irwin, der in dem Band „Highway 61 Revisited“, die Entstehungsgeschichte von Dylans bahnbrechenden Album nacherzählt.

Beim Versuch, das Phänomen Bob Dylan zu erklären, sind allerdings schon viele gescheitert. Das beste Mittel, um die Welt des Robert Allen Zimmerman zu erkunden, bleibt deshalb, seine Lieder zu hören und sich immer wieder aufs Neue von diesem großartigen Trickser und Täuscher überraschen zu lassen.

► In unsere Bildergalerie würdigen wir Bob Dylan in sieben Songs – und zeigen, wie er sich auch als Fotomotiv immer neu inszeniert hat. Die sieben Lieder können Sie auch hier in unserer Spotify-Playlist nachhören.