Endlich daheim: Ein Boardinghouse bietet meistens Angestellten großer Unternehmen ein Zuhause auf Zeit. Foto: Mauritius

In Vaihingen entsteht ein neues Boardinghouse. Gleichzeitig ist das auf dem Fasanenhof in die Kritik geraten. Was steckt hinter dieser modernen Wohnform und wie ist sie zu bewerten?

Filder - Bezahlbare Wohnungen sind in Stuttgart Mangelware. Gleichzeitig eröffnen immer mehr Boardinghouses. Sie bieten vor allem Geschäftsreisenden ein Zuhause auf Zeit. Wie sind solche Apartments zu bewerten?

Was ist ein Boardinghouse?

Der Bundesverband des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands definiert ein Boardinghouse auf seiner Internetseite als einen „Beherbergungsbetrieb, der sich meist an Langzeitnutzer in städtischer Umgebung wendet“. Die Zimmer seien von ihrer Ausstattung her an privaten Wohnungen ausgerichtet. Der Service reiche von einem sehr geringen Angebot bis hin zum hotelmäßigen Zimmerservice bei sogenannten Serviced Apartments.

Wo gibt es Boardinghouses?

Wer im Internet bei Google „Boardinghouse“ und „Stuttgart“ eingibt, bekommt zahlreiche Treffer. Das Studierendenwerk hat solche zum Beispiel an der Neckarstraße im Stadtteil Stöckach im Angebot. Die gemeinnützige Caritas-Tochter Markt & Service möchte demnächst in Feuerbach ein Boardinghouse mit Drei-Sterne-Standard eröffnen, das zu einem erheblichen Teil von Menschen mit Behinderung betrieben wird. Der Name„The Neighbours Stuttgart“ soll den nachbarschaftlichen Hilfsgedanken zum Ausdruck bringen. Das an der Wurmlinger Straße in Degerloch beheimatete Unternehmen Boardinghouse Stuttgart bietet laut Internet „hochwertige und komfortable Apartments sowie Wohnungen“. Die Liste ließe sich noch lange fortführen.

Was bedeutet das neue Boardinghouse für die Vaihinger Ortsmitte?

Im Zentrum Vaihingen entsteht derzeit ein neues Boardinghouse, und zwar an der Ecke Hauptstraße 23/Robert-Koch-Straße. Dort, wo einst der Telekom-Laden war, soll im Herbst das H23 eröffnen. Im Internet wirbt die H23 Boardinghouse GmbH aus Waldenbuch mit „stilvollen Apartments mit komfortablem Hotel-Service“. Diese sollen zwischen 20 und 132 Quadratmetern große sein. Die attraktive Lage biete zusätzliche Vorteile für die Gäste. Im Erdgeschoss ist ein Café geplant. So steht es auf dem ausgedruckten Din-A4-Blatt mit dem Roten Punkt für die Baufreigabe. Ingo Vögele, der Sprecher des Verbunds Vaihinger Fachgeschäfte (VVF), freut sich darüber, „dass der Eigentümer des Gebäudes nach dem Auszug der Telekom eine Ersatzbespielung gefunden hat“. Und ein Café im Erdgeschoss sei im Hinblick auf die Belebung der Ortsmitte „sicher nicht schädlich“.

Warum ist das Boardinghouse auf dem Fasanenhof in die Kritik geraten?

Am Europaplatz Fasanenhof gibt es bereits seit Jahren ein Boardinghouse, das jüngst für Wirbel sorgte. Die SPD-Fraktion im Stuttgarter Gemeinderat hatte in einer Anfrage kritisiert, dass das Thema Zweckentfremdung immer wieder den Gemeinderat beschäftige, ohne dass die Verwaltung zufriedenstellende Auskünfte gebe oder Maßnahmen ergreifen würde. „Es verfestigt sich der Eindruck, dass die Stadtverwaltung die mit dem Zweckentfremdungsverbot verbundenen Aufgaben nicht angemessen erfüllen kann“, schrieben die Sozialdemokraten und ergänzten: „Die über Internetportale angebotenen Hotelzimmer scheinen oft in Wirklichkeit Wohnungen zu sein, die für Hotelgäste ,reserviert’ sind.“ Als Beispiel nannten die Genossen eben die Meri Boarding Group, die am Europaplatz Hotelzimmer über ihre Website anbietet.

Doch das 63 Zimmer umfassende Boardinghouse ist rechtens. Denn schon vor Baubeginn war klar, dass in dem von der Gesellschaft für Wohnungs- und Gewerbebau (GWG) und der Hofkammer Projektentwicklung für 60 Millionen Euro errichteten Gebäude ein Boardinghouse sein werde. Die rechtliche Grundlage war der vom Gemeinderat verabschiedete Bebauungsplan. „Wenn sich eine Bauanfrage im Rahmen des Bebauungsplans bewegt, wird sie von der Verwaltung genehmigt. Der Bebauungsplan ist der rechtliche Boden für die Verwaltung und den Antragsteller“, erklärte vor Kurzem ein Sprecher der Stadt gegenüber unserer Redaktion.

Sind Boardinghouses generell ein Problem?

Der Bedarf für Boardinghouses sei da, sagt Rolf Gaßmann. „Es mag auch richtig sein, wenn für diesen Bedarf ein Gebäude in einem Gewerbegebiet erstellt wird“, ergänzt der Vorsitzende des Mietervereins Stuttgart. Problematisch seien die Serviced Apartments allerdings, wenn sie auf Kosten von Wohnraum entstehen. Denn bezahlbare Wohnungen gebe es zu wenig in Stuttgart. Unternehmen würden immer wieder klagen, dass sie keine Grundstücke für den Bau neuer Wohnungen finden würden, sagt Gaßmann. Der schlimmste Fall ist für ihn aber, wenn Häuser Stück für Stück entmietet werden, und die Eigentümer die Wohnungen dann als Serviced Apartments anbieten, nur um mehr Gewinn zu machen. Unter Umständen könne das den Tatbestand der Zweckentfremdung erfüllen und illegal sein.

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