In dieser Nacht der Erinnerungen spielt das Alter keine Rolle. Die wilde Party ist den verstorbenen Clublegenden Big Tom, Buddy Kistner und Lupus gewidmet. „Wir feiern heute für euch“, ruft Boa-Gründer Werner „Sloggi“ Find vor 800 Gästen in der Alten Reithalle.
Um das Leben zu genießen, ist man nie zu alt. Günther Schach ist 84 Jahre alt und freut sich, bei der Party „Sloggi meets friends“ in der Alten Reithalle so viele bekannte Gesichter zu sehen. „Gine“ hat in den 60er Jahren den Young People Club in einem Keller der Neckarstraße geführt.
Dort unten, wo heftig geraucht wurde, gab es keine Fenster. Sehr stickig war’s, Notausgänge fehlten – heute würde die Ordnungsbehörde den Laden sofort schließen. Jeden Tag habe er sich darauf gefreut, Gäste an der Bar zu bedienen, die zugleich Freunde waren. „Es war die vielleicht tollste Zeit in meinem Leben“, schwärmt „Gine“.
Verjüngt besser als Botox
Rock’n’Roll im Keller eines vom Krieg zerstörten Hauses – ach, ist das lange her! In dieser Nacht treffen sich Gäste in der Alten Reithalle, die vor langer Zeit so viel erlebt haben, dass sie gar nicht mehr alles wissen, aber das rebellische Gefühl von einst noch spüren. Wer sich erinnert, war nicht dabei, lautet eine alte Weisheit. Man sieht Netzstrümpfe, Lederstiefel, Sonnenbrillen und strahlende Gesichter. Das alte Fieber wird neu entfacht. Die Hits von einst und das Glück, sich mit den Old Friends gut zu fühlen, verjüngen besser als Botox.
Vor etwa 15 Jahren hat Werner „Sloggi“ Find, der auf dem Cover seiner Biografie als „Rampensau“ gerühmt wird, damit angefangen, die Geburtstage der von ihm 1977 gegründeten Disco Boa ganz groß in der Alten Reithalle zu feiern – gern mit den Stammgästen von einst, die heute nicht mehr in Clubs gehen und die man dort vielleicht nicht mal reinlassen würde. Bis zur Pandemie war die Partyreihe „Boa meets friends“ ein Renner. Inzwischen hat Find, Ehrenpräsident der Zigeunerinsel, der auch als Stadionsprecher des VfB unvergessen ist, die Boa verkauft. Die Rechte am Namen gehören ihm nicht mehr, weshalb die Tradition nach langer Coronapause mit dem neuen Namen „Sloggi meets friends“ zurückkehrt.
Sloggi, der so heißt wie die Feinripp-Marke, die er nicht ausstehen kann, hat viele Friends. Werbung musste er nicht machen. Innerhalb von zwei Wochen, erzählt er, sei die Party ausverkauft gewesen.
Auch Hansi Müller feiert mit
Die Boa-Großfamilie feiert gern und laut. Vom Ex-VfB-Star Hansi Müller bis zur Clublegende Laura Halding-Hoppenheit, von der Wirtin Conny Weitmann bis zum Schönheitschirurgen Christian Fitz, vom „Gastrophen“ Bernd Heidelbauer bis zu Bandleader Berti Kiolbassa – kaum einer fehlt, der am Stuttgarter Nachtleben seit den 70ern beteiligt war. In dieser Nacht fallen Sätze wie „Nirgendwo sonst kann man so schön über andere Gäste lästern wie hier“. DJ-Legende Uwe Sontheimer gibt als Losung aus: „Wer noch stehen kann, muss auch tanzen.“
Viele sind um die siebzig, aber zu jung für Seniorenteller und Rheumadecke.
Sie waren Disco – und lieben’s noch heute. Unter den Gästen ist der 1954 geborene Norbert Neon (ein Künstlername), den das Magazin „Wiener“ zu den „1100 wichtigsten Leuten in Deutschland“ zählte. Fast jeden Abend war er im Auto mit Kameras unterwegs, um in Discos, wie die Vorgänger der Clubs hießen, Stoff zu sammeln für sein Magazin „Neon“ – lange bevor Party-Selfies die sozialen Medien überfluteten. Aus den Fotos und Erinnerungen hat er mit Fanta-Manager Andreas „Bär“ Läsker ein Buch gemacht.
Ob das jetzt Sloggis letzte Party in der Alten Reithalle ist? „Ach was“, winkt er ab, „solange es mir gut geht und die anderen es wollen, mach ich weiter.“ Man muss das Leben leben, so lange es möglich ist – so schnell kann alles vorbei sein, wie das Beispiel von drei Stuttgarter Partylegenden zeigt, die in dieser Nacht der Erinnerungen unsichtbar über allem schweben.
In seiner Begrüßungsrede erinnert Find an die Drei, die seit dem letzten Reithallen-Treff gestorben sind. Es sind: Club-Original Big Tom, der ein bunter Hund war, der bei kaum einer Party fehlte, der die Freiheit liebte, meist die ohne Kleider. Boa-Türsteher Buddy Kistner, der am Eingang der Disco mit Autorität und Witz wachte, sowie DJ Lupus Horlacher, der als Musikpionier seiner Zeit immer voraus war. „Big Tom, Buddy und Lupus“, ruft Sloggi, „wir feiern heute für euch.“
Es feiern auffallend viele Junge mit. Junge begreifen nie, dass sie alt werden können, hat Tucholsky mal beklagt. Wenn man beim Älterwerden ein bisschen was von seinem jugendlichen Übermut bewahren kann, lässt sich das Unvermeidliche besser ertragen.