Sie mag Kinder statt Glamour und liebt die leiseren Töne. Die schillernde Bühnenwelt ihres Bruders, des Travestie-Stars Frl. Wommy Wonder, ist das Gegenteil von Ruth Wendlers Welt.
Riedlingen - Vielleicht habe ja manches in ihrem Leben damit zu tun, wie ihr Vater die Toten behandelte, sagt Ruth Wendler. Wie er sie sorgfältig wusch und kleidete. Mit welcher Ehrfurcht, aber auch Selbstverständlichkeit der Bestatter sie auf die letzte Reise vorbereitete. Ohne Socken kam Ernst Panzer zum Beispiel keiner in den Sarg. Und mit Bartstoppeln auch nicht, „Kerle, jetzt rasier I di no amal“, sagte er dann zu dem Verstorbenen.
Ein Wintermorgen in Oberschwaben. Die Äcker sind mit Schnee gepudert, an jeder zweiten Biegung leidet der Gottessohn an seinem Wegkreuz. Kalte Sonne bricht durch die kahlen Baumstämme der Wälder. Beim Vorbeifahren blitzt das wie ein Disco-Stroboskop.
Ruth Wendler, 50, sitzt in der Essecke ihrer Riedlinger Wohnung und spinnt mit leiser Stimme, einer Thermoskanne Kaffee und einem Teller mit Brödla ein freundliches Netz um den Besuch. Über der Sitzbank hängen Bilderrahmen an der Wand, die wie Puzzlestücke ineinander passen. 34 Bilder. Alles Kinderfotos von Sohn Jan und Tochter Annika, die mittlerweile junge Erwachsene sind. Daneben ein weiteres Puzzleteil, ein Bild des verstorbenen Vaters.
Nur etwa 600 Meter von hier liegt Ruth Wendlers Elternhaus. Im Erdgeschoss war die Werkstatt des gelernten Schreiners Panzer. Im zweiten Stock wohnte die Familie. Dazwischen lag die Wohnung, in der der Bestatter mit den Angehörigen Formalien erledigte, Trost spendete, sie den Sarg aussuchen ließ. Manchmal waren die Geschwister gerade im Spiel. Da hieß es leise zu sein, weil ein Trauernder an der Tür klingelte.
Früh schon mussten die drei Kinder mithelfen. Die Leichen mit dem Vater abholen und einsargen. Der Tod kennt kein Wochenende, kein Weihnachten, in ihrem ersten Schmerz standen die Menschen einfach vor der Tür. Viele Spielarten des Sterbens habe sie erlebt, sagt Ruth Wendler. Seine Friedlichkeit, wenn ein alter Mensch zu Hause sterben konnte. Aber auch seine Grausamkeit, wenn jemand sich erhängt und den Knoten falsch gesetzt hatte. „Manche Bilder bleiben im Kopf.“ Aber Ruth Wendler sagt eben auch das: „Wir hatten eine schöne, behütete Kindheit, auch, weil meine Mutter daheim war.“
Michael, der Älteste, wurde Kabarettist
Die Panzer-Kinder waren ein Dreiergespann. Die Zwillinge Ruth und Thomas und der nur 13 Monate ältere Michael. Auf den Fotos der späten sechziger Jahre tragen sie die gleichen blauen und roten Anzüge, später die gleiche Mecki-Frisur. „Wir wurden oft für drei Jungen gehalten“, sagt Ruth Wendler. Bis sie elf waren, schliefen sie in einem Zimmer. An Karten- und Brettspiele erinnert sie sich, an „Rummy Cup“, „Fang den Hut“, „Spiel des Lebens“. An viel freie Zeit draußen auf der Straße und den Feldern.
Man könnte auch sagen: Leben und sterben, das lag im Hause Panzer nah beisammen. Und diese Dialektik hat vielleicht den Grundstein für manches gelegt. Michael, der Älteste, wurde Kabarettist und Travestiekünstler und als riesiges Frl. Wommy Wonder auf Bühnen und im Fernsehen erfolgreich. Thomas arbeitet bei der Volksbank. Ruth ist Mutter geworden und Lehrerin. Sie ist den Anfängen des Lebens zugewandt. Dass sie und Michael mal sehr unterschiedliche Wege gehen würden, sei früh absehbar gewesen, sagt sie. Michi, „der Wissenschaftler“, der mit dem Vogelbestimmungsbuch loszog, bis er alle Vögel mit lateinischem Namen kannte, und Ruth, die lieber Stelzen lief. Michi, der so einfach Sprachen lernte, während Ruth die Vokabeln pauken musste. „Ein unerreichbares Vorbild“ sei er gewesen, sagt die Schwester.
Ruth Wendler – zierliche Statur, dunkles, schulterlanges Haar, rahmenlose Brille – ist eine bescheidene Frau. Eine, die lieber über den Bruder spricht als über sich. Die nicht will, dass man schreibt, wie viele feine Brödla-Sorten sie gebacken hat (immens viele), weil sie findet, dass das ein Spleen von ihr ist. Und die wohl nie von sich aus erzählen würde, dass sie seit 15 Jahren mit ihren Schülern Päckchen für Kinder in Rumänien packt.
Die Eltern waren anfangs skeptisch
Den Weg des großen Bruders hat sie ganz selbstverständlich begleitet. In der neunten Klasse hatte Michi den ersten Auftritt in Frauenkleidern, im Schullandheim beim bunten Abend. Von da an lieh er sich regelmäßig die Klamotten der Schwester. Im Fasching oder für Feste. „Du, Jonge, kann i mir dei Dirndl ausleiha?“, hieß es dann. Einmal standen sie vor dem Kleiderschrank, als der Vater zur Tür hereinkam. „Was machat ihr do?“, fragte er.
Anfangs, sagt die Tochter, hätten die Eltern die Auftritte des Sohns skeptisch beobachtet. Die Achtziger, das war zwar die Zeit, in der das Travestieduo Mary und Gordy im öffentlich-rechtlichen Fernsehen groß werden konnte, im katholischen Riedlingen aber war ein Bub, der in Frauenkleidern auftrat, eine andere Nummer. „Meine Eltern haben sich damit beschäftigt, was er macht, und verstanden, dass es nichts Schlimmes ist“, sagt Ruth Wendler, „und dass er vielen Menschen einen tollen Abend beschert.“ Später seien Ernst und Marianne Panzer – mit einer Wurst für den Hund des Bühnentechnikers in der Tasche – oft im Publikum gesessen, wenn der Sohn als exaltierte Diva oder als Putzfrau Schäufele auf einer Bühne stand. Die bodenständige Schäufele habe übrigens am meisten mit ihrem Bruder zu tun, der ein Lehramtsstudium für katholische Theologie und Germanistik abgeschlossen hat, findet Ruth Wendler.
Klar, auch die Schwester musste sich anhören, was mit dem Michi los sei. „Isch der normal?“ Ruth sagte dann das, was sie heute noch sagt. „Er ist abseits der Bühne durch und durch Mann.“ Er lebe konsequent das Leben, dass er leben wolle, vielleicht, weil er früh erfahren habe, dass es nur dieses eine gibt. „Der Tante Michi“, nennen Jan und Annika den Onkel. Ruth Wendler bewundert den Bruder, aber sie beneidet ihn nicht. Immer im Mittelpunkt, oft unterwegs, allein im Auto, von Auftritt zu Auftritt. Dann die hohen Hacken, die Glitzerkleider, die sie ihm früher geholfen hat zu nähen, das stundenlange Make-up – das ist genau das Gegenteil ihrer Welt, durch die sie gern ungeschminkt und absatzlos geht.
Lehrerin für Französisch, Religion und Hauswirtschaft
Ruth Wendler studierte nach dem Abitur in Weingarten, ging ein paar Jahre als Lehrerin für Französisch, Religion und Hauswirtschaft nach Schwäbisch Gmünd, heiratete, bekam 1997 und 2000 ihre Kinder, ging mit ihrem Mann nach Köln. Bald darauf trennte sich das Paar.
Als sie vor 17 Jahren als Alleinerziehende nach Riedlingen zurückkam, waren die Eltern eine Hilfe, aber auch der große Bruder, bereits Star des Stuttgarter Renitenztheaters, bei dem sie sich am Telefon ausheulen konnte. Sicherlich habe ihr der Glaube geholfen, sagt Ruth Wendler. Fast jeden Sonntag geht sie zur Messe. Die Rückkehr nach Riedlingen war keine Rückkehr in die Enge, im Gegenteil, nach einer schwierigen Trennung vielleicht eine Befreiung. Ohnehin waren Tradition und Familie für die 1968 Geborene nichts, gegen das sie rebellieren wollte, vielmehr etwas, das zum Leben gehört. Neben ihrem Sofa steht die Drehorgel des Vaters, mit der er auf Hochzeiten und Märkten aufgetreten ist, „Ave-Maria“, „Hallelujah“ oder „Biene Maja“ im Programm. Die Noten zu Leonard Cohens „Hallelujah“ liegen heute auf dem Notenständer, wenn die Tochter Querflöte spielt.
Mittlerweile ist es Nachmittag geworden. Ruth Wendler bietet noch Pizzatoasts an, dann spaziert sie mit dem Besuch zur fünf Minuten entfernten Geschwister-Scholl-Realschule, ihrem Arbeitsplatz. Sie seien eine „bodenständige, gesunde Realschule“, sagt sie. Die rund 600 Schüler kämen großteils aus intakten Familien, in denen noch gekocht und gemeinsam gegessen werde. In der die Schüler nicht in der Galeria Kaufhof abhingen statt in der Schule – vielleicht auch, weil es keine Galeria Kaufhof gibt.
„Mädle, lern kocha und näha“
Aber auch Riedlingen liegt nicht außerhalb der Zeitläufte. Seit die Empfehlung des Grundschullehrers, auf welche Schule ein Kind gehen sollte, nicht mehr verbindlich ist, sei das Leistungsniveau der Schüler sehr unterschiedlich. Und natürlich habe sich auch der Lehrplan verändert, sagt Ruth Wendler. Längst geht es in „Alltag, Ernährung, Soziales“, das früher Hauswirtschaft hieß, nicht nur um Herd und Nähmaschine, auch wenn Eltern ihre Töchter immer noch mit dem Spruch „Mädle, lern kocha und näha“ in das Wahlfach schickten. Themen wie Privatinsolvenz und Stressbewältigung sind Unterrichtsstoff, die Geschichte des Tätowierens oder die Frage, wie die T-Shirts produziert wurden, die die Jugendlichen tragen. Manchmal kommt auch ein Schüler zu ihr und fragt sie nach einem „Angeberrezept“, mit dem er ein Mädchen beeindrucken kann. Gefüllte Ofenpfannkuchen empfiehlt die Lehrerin dann.
Man kann Ruth Wendler, dieser so zurückhaltenden Frau, in ihrer Schule beim Aufblühen zusehen. Von Raum zu Raum führt sie den Besuch, zeigt stolz die Beamer und Whiteboards und die Panton-Freischwinger in leuchtendem Grün. Erzählt engagiert von den vielen AGs, vom netten, jungen Kollegium, von der Partnerschule in Sri Lanka. Ruth Wendler ist gern Lehrerin, und sie ist es gern an diesem Ort. Vielleicht ist es ja so, dass sie in diesem Betonbau mit dem Flachdach und den roten Fenstern ihre eigene, kleine Bühne gefunden hat.
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