Die Deutsche Hochdruckliga fordert Kinderärzte auf, bei jedem kindlichen Patienten, mindestens einmal im Jahr den Blutdruck zu messen. Foto: Fotolia/© Dominique VERNIER

Rund 700 000 Kinder und Jugendliche leiden an Bluthochdruck. Je früher diese Erkrankung auftritt und unentdeckt bleibt, desto dramatischer ist ihr Verlauf. Wieso die Erkrankung bei Eltern, Ärzten und in der Politik immer noch verkannt wird, sagt Martin Hulpke-Wette von der Deutschen Hochdruckliga.

Göttingen -
Herr Hulpke-Wette, schon die Jüngsten in der Gesellschaft leiden unter einem Bluthochdruck. Wie macht sich das bei Kindern in Ihrer Praxis bemerkbar?
Da gibt es beispielsweise Fünfjährige, die vom Augenarzt überwiesen werden, weil die Gefäße im Augenhintergrund so verändert sind, dass es sich um eine Blutdruckveränderung handeln muss. Oder Neunjährige, die aufgrund der Hypertonie, also einem Bluthochdruck, schon Nierenschäden haben und mit dem Urin sehr viel Eiweiß ausscheiden. Häufig sind auch Erstklässler dabei, deren Herzen schon eine krankhafte Veränderung aufweisen. Einen Vorteil haben die Kinder gegenüber Erwachsenen mit Bluthochdruck: Bei einer konsequenten Behandlung können sich die organischen Schäden vollständig normalisieren. Dann muss der Bluthochdruck aber auch frühzeitig erkannt werden.
Die Deutsche Hochdruckliga spricht von 700 000 Kindern und Jugendlichen, die einen grenzwertigen oder einen schon zu hohen Blutdruck haben. Wie viele davon werden tatsächlich behandelt?
Wir gehen davon aus, dass die Hypertonie nur bei 0,5 Prozent der Betroffenen erkannt wird. Man muss dazu sagen, dass die 700 000 Betroffenen lediglich eine Schätzung sind. Diese Zahlen habe ich aus der KIGGS-Studie abgeleitet (Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen des Robert-Koch-Instituts, Anm. d. Red.) – die ist allerdings schon zehn Jahre alt. Übertrieben ist die Schätzung deswegen aber nicht. Ich selbst bin in einer speziellen Praxis tätig, der Präventionspraxis für Herz- Kreislauf-Erkrankungen, und betreue mehr als 500 Patienten mit Bluthochdruck. Und ich bekomme jeden Tag Patienten mit Verdacht auf eine Hypertonie überwiesen. Es ist aber sehr schwer, an aktuelle Daten zu kommen. Unsere ganzen Bemühungen aus den Fachgesellschaften heraus, Forschungsprojekte zu starten, sind im Antragsverfahren gescheitert. Das Interesse bei Krankenkassen, aber auch in der Politik an diesem Problem ist nicht sehr groß.
Aber ist es nicht offensichtlich, dass der Bluthochdruck bei Kindern und Jugendlichen zunimmt?
Das lässt sich nicht einfach beantworten. Das Bewusstsein für diese Erkrankung nimmt zumindest im medizinischen Bereich zu: Die Kollegen achten mehr auf die Symptome und somit tauchen auch mehr Patienten auf. Aber es gibt auch einige Faktoren im Leben von Kindern und Jugendlichen, die sich in den vergangenen 20 Jahren deutlich verändert haben.
Und die wären?
Da wäre beispielsweise die deutliche Zunahme an Übergewicht, das eine Bluthochdruckerkrankung begünstigen kann. Allerdings: Nicht jeder, der übergewichtig oder schwer übergewichtig ist, hat automatisch einen zu hohen Blutdruck. Ich betreue beispielsweise 140 Kilo schwere Patienten, die haben völlig normale Werte. Ein weiterer Faktor ist der Konsum von koffeinhaltigen Getränken. Etwa 13 Prozent der Grundschüler greifen schon zu Energydrinks. Das Problem dabei ist, dass man viel über die akute Wirkung und Nebenwirkungen dieser Getränke weiß, aber es keine wissenschaftliche Untersuchung darüber gibt, was die Langzeitfolgen sind, wenn Energydrinks regelmäßig über einen längeren Zeitraum hinweg getrunken werden.
Welche körperlichen Schäden kämen denn da in Frage?
Ich habe bei Patienten festgestellt, bei denen man von einem chronischen Missbrauch dieser Getränke sprechen kann, dass es zu einer Wandverdickung der linken Herzkammer gekommen ist. Sprich: Die Wand ist zwei Zentimeter dick, normal sind aber 0,7 bis 0,8 Zentimeter. Das führt unbehandelt zu einer erheblichen Funktionsstörung des Herzens. Wenn ich solche Patienten sehe, mache ich mir aber keine Sorgen, weil ich weiß, dass nach spätestens drei Jahren guter Behandlung die Herzkammer wieder normal ausgebildet ist – das wäre bei einem Erwachsenen von 35 Jahren nicht mehr möglich. Diese Herzen werden ernsthaft krank.
Wie macht sich eine Bluthochdruckerkrankung denn für Laien bemerkbar?
Grundsätzlich sollten Eltern den Blutdruck ihrer Kinder messen lassen, wenn in der Familie mehrere Fälle von Hypertonie bekannt sind. Denn es gibt dafür eine familiäre Veranlagung. Insbesondere sollte man hellhörig werden, wenn ein Kind über Kopfschmerzen klagt. Auch häufiges Nasenbluten kann ein Anzeichen sein, sowie Konzentrationsschwierigkeiten etwa in der Schule oder beim Sport. Es gibt Kinder, die werden gegen die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ADHS behandelt, haben aber in Wahrheit einen zu hohen Blutdruck.
Also wird ein Teil der ADHS-Kinder falsch behandelt?
Ja, und nicht nur das: Auch ADHS-Kinder können einen erhöhten Blutdruck entwickeln – allein durch die Gabe von Methylphenidat, auch als Ritalin bekannt. Eine Substanz, die ungefähr 450 000 Kinder in Deutschland verabreicht bekommen. In einer Untersuchung haben wir festgestellt: Dieses Medikament senkt zwar bei einigen den Blutdruck, kann aber auch zu einer bedeutsamen Blutdruckerhöhung führen. Demnach haben Kinder mit einem ADHS-Syndrom, das mit Ritalin behandelt wird, auch ein höheres Bluthochdruckrisiko.
Nun gibt es doch gerade im Kindesalter die U-Untersuchungen, die regelmäßige Arztbesuche voraussetzen. Warum wird der Bluthochdruck dennoch so selten entdeckt?
Zum einen ist es immer noch Unwissen: Ich selbst fordere bei Fortbildungen die Kollegen auf, die Eltern der Kinder, die zu ihnen in die Praxis kommen, mehr zu sensibilisieren. Sie sollten nachfragen, ob bei den Kindern und Jugendlichen schon der Blutdruck gemessen wurde. Das ist häufig nicht der Fall. Eine professionell durchgeführte Messung bei einem Dreijährigen kostet den Arzt zehn Minuten. Das ist viel Zeit, wenn man bedenkt, dass in einer Kinderarztpraxis täglich zwischen 80 bis 100 Patienten behandelt werden. Selbst in meiner Praxis wird nicht bei jedem, der kommt, der Blutdruck gemessen. Dennoch sollte bei jedem Kind ab drei Jahren mindestens einmal im Jahr eine Blutdruckmessung durchgeführt werden.
Zur Person:

Der Kinderarzt und Kinderkardiologe Martin Hulpke-Wette wurde 1962 in Bonn geboren. Er studierte 1981 bis 1987 Medizin in Göttingen. Seit 2005 ist er niedergelassener Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin, Schwerpunkt Pädiatrische Kardiologie. Er ist Mitglied in diversen Fachgesellschaften, darunter der Deutschen Hochdruckliga.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: