Blumenhändler Dilaver Gök aus Stuttgart-West kämpft gegen die Herausforderungen der Branche. Warum er auf Zwischenmenschlichkeit statt auf Massenverkauf setzt.
Ein Blumengeschäft zu führen ist nicht einfach – besonders vor dem Valentinstag. Dilaver Gök ist Inhaber der Blumeninsel in Stuttgart-West, eine Woche vor dem Tag der Liebe ist gerade nicht viel los in seinem Laden. Während er einen Strauß für einen Kunden zusammenstellt, kann er sich daher Zeit lassen. „Haben Ihrer Tochter die Erdbeeren geschmeckt?“, möchte ein Kunde von Gök wissen, der häufiger vorbeikommt und auch mal etwas mitbringt. Gök kann die Frage bejahen.
Der 60-Jährige hat viele Stammkunden wie diesen. Für ihn steht die Zwischenmenschlichkeit stets an erster Stelle. Wer in seinen Laden kommt, wird zum Kaffee eingeladen und kann ein lustiges Gespräch erwarten, ganz ohne Kaufdruck. „Ich mache das nicht, damit ich Kunden gewinne oder so. Menschen müssen einfach friedlich und freundlich behandelt werden“, sagt Gök. „Davon ernährt die Seele sich, glaube ich. Meine und auch die andere.“
In Stuttgart eine türkische Theatergruppe gegründet
Dilaver Gök ist eigentlich gelernter Geophysiker. Zu den Blumen fand er erst Anfang der Neunziger – ohne Absicht. Als er Ende 1992 aus der Türkei nach Deutschland kam, brauchte er Taschengeld, deswegen begann er an einem Blumenstand zu arbeiten. „Ich habe zu der Zeit auch nicht gewusst, dass ich länger bleiben würde“, sagt Gök heute. Fast 15 Jahre arbeitete er schließlich an dem Stand und machte gleichzeitig Theater. Mit dem Theater hatte er bereits in seiner türkischen Heimat angefangen, auch in Film und Fernsehen spielte er dort kleinere Rollen. In Stuttgart gründete er später gemeinsam mit anderen Schauspielerinnen und Schauspielern eine türkische Theatergruppe.
2013 übernahmen Gök und seine Frau, die ebenfalls Künstlerin ist, die Blumeninsel am Hölderlinplatz. „Damals dachten wir beide, dass es als Künstlerpaar etwas schwierig werden könnte. Wir brauchten also etwas Stabiles“, so Gök.
Branche im Wandel: „Es geht ums Überleben“
Ganz so stabil ist der Beruf allerdings nicht mehr. „Meiner Meinung nach baut die Branche ab“, sagt Gök. Für Blumengeschäfte werde es immer schwieriger, da die wirtschaftliche Lage sich auf die Kundschaft auswirke. „Die Leute müssen einfach überlegen, wo sie ihr Geld ausgeben. Für viele von ihnen geht es ums wirtschaftliche Überleben“, sagt er. An Tagen wie Valentinstag oder Muttertag kämen Kundinnen und Kunden zwar, nur auf diese kann Gök sich aber nicht verlassen. „Ich will ja das ganze Jahr über existieren, nicht nur an diesen Tagen.“
Jetzt, in der Zeit vor dem Valentinstag zum Beispiel, habe er viel zu tun. Alle Blumen müssten vor dem Verkauf händisch gepflegt, geschnitten und ins Wasser gestellt werden. Und da Blumen vergänglich sind, kann er nicht viel vorarbeiten. Hinzu kommt, dass auch die Preise für Blumen zunehmend steigen. „Der Aufwand ist sehr groß“, erklärt Gök. An seine Kundschaft kann er das aber nicht weitergeben. „Ich kann für eine Rose nicht zehn Euro verlangen. Oder, ich könnte es verlangen, aber ich glaube, ich könnte dann keine mehr verkaufen.“
Freude überreichen statt Ware verkaufen
Für die Zukunft hofft Dilaver Gök, dass sich die wirtschaftliche Lage verbessert. Er sieht aber auch Entwicklungen, die ihm Sorgen machen. Das Zwischenmenschliche, auf das er so viel Wert legt, verliere immer mehr an Wert. „Durch die Digitalisierung werden wir immer sachlicher. Ich versuche auch immer die seelische Seite, die manchmal auch hässlich sein kann, zu bedienen“, erklärt er.
Das sieht er zum Beispiel an den immer mehr werdenden Blumenautomaten in der Stadt: „Sie bieten mehr Flexibilität, sicher. Aber es ist alles sachlicher. Hier können die Menschen kommen, Kaffee trinken, sich unterhalten, ohne ein Kunde zu sein. Ich versuche hier nicht nur Ware zu verkaufen, ich will immer eine Freude überreichen.“