An diesem Freitag erscheint „Alles in Allem“, das neue Album der Einstürzenden Neubauten – ein mal wieder famoses, maßstabsetzendes Werk. Der Sänger Blixa Bargeld spricht darüber, über die Corona-Krise und die Folgen für die Band sowie die deutsche Popmusik im Allgemeinen.
Stuttgart/Berlin - Blixa Bargeld gilt für gewöhnlich nicht gerade als ausgesprochen umgänglicher Zeitgenosse. In unserem Gespräch, das vor wenigen Tagen per Skype stattfand, zeigte sich der Musiker jedoch ebenso umgänglich wie aufgeschlossen. Über ein neues Album der Einstürzenden Neubauten ist zu sprechen, das erste – zählt man streng nur die reinen Studioalben, jedenfalls – seit „The Jewels“ von 2008. „Alles in Allem“ heißt es (siehe gesonderte Besprechung), es dreht sich im weiteren Sinne um Berlin, es ist dem Berliner Quintett mal wieder hervorragend gelungen, und wenn die Misere rund um das Corona-Virus nicht wäre, hätten es die Einstürzenden Neubauten in wenigen Wochen auch hierzulande live vorgestellt. Daraus wird nun nichts, und auch darüber spricht Blixa Bargeld natürlich in unserem Interview.
Herr Bargeld, wie kommen Sie klar mit der jetzigen Situation?
Naja, ich bin sehr vorsichtig und jetzt seit sieben Wochen in Quarantäne. In der ganzen Zeit war ich nur einmal draußen, in der Apotheke.
Kam bei Ihnen zwischenzeitlich Langeweile auf, oder können Sie sich allein gut beschäftigen?
Ich bin gut beschäftigt. Vormittags gebe ich zur Zeit einige Interviews, dann habe ich noch einen eigenen Quarantäne-Videoblog, und einmal die Woche mache ich Synchronkochen mit den Neubauten-Supportern. Das läuft aber nicht so wie in einer Kochshow: die kriegen das Rezept, und dann kochen wir in Echtzeit. Das ist ganz amüsant.
Wie hat die Pandemie die Pläne der Band beeinträchtigt?
Eigentlich hatten wir zum Abschluss der Arbeiten ein Supportertreffen geplant, wir hatten das Hansa-Studio gemietet, wollten dort das Album für die Supporter vorstellen, hatten dazu auch noch zwei Konzerte in Potsdam und Berlin und eine Busrundfahrt durch das Einstürzende-Neubauten-Berlin geplant. Für die ganzen Events hatten sich schon fünfhundert Supporter angemeldet, Flüge und Hotels gebucht, und das ist jetzt eben alles ausgefallen. Das ist sehr schmerzhaft und verheerend. Die Tour, genauer: die Touren sind ausgefallen, aber die sind alle auf 2021 verschoben und werden nachgeholt. Aber diesen Abschluss: den kann man leider nicht nachholen.
Ist es deshalb so bitter für Sie, dass die Tour ausgefallen ist, weil Sie Album und Tour als zusammenhängende Bestandteile begreifen?
Das sehe nicht nur ich so, das ist der Mechanismus dieser Industrie. Ohne neues Album keine Tour, und um ein Album zu promoten, muss man auf Tour gehen. Wir wissen ja alle, dass die Musikindustrie zusammengebrochen ist, und nur aus dem Verkauf eines Albums kann man heutzutage gar nichts mehr machen.
Aber Sie sind ja nicht mehr Teil dieser Industrie; die Einstürzenden Neubauten haben sich ja bewusst aus diesen Produktionsbedingungen verabschiedet.
Der Mechanismus, dass man eine Tour spielen kann, hängt direkt mit Plattenveröffentlichungen zusammen. Deswegen verschieben derzeit ja auch viele Musiker ihre Veröffentlichungen. Weil sie wissen, dass sie nicht auf Tour gehen können. Wir haben bewusst einen anderen Weg gewählt: Wir wollten jetzt öffentlich machen, was wir getan haben. Außerdem gibt es ja für die jetzige Corona-Krise keinen wirklichen Präzedenzfall, dass eine Epidemie diesen Zyklus zerbricht. Vielleicht ist es eine gute Idee, jetzt eine Platte zu veröffentlichen, vielleicht ist es auch das Gegenteil.
Welche Lieder des neuen Albums hätten Sie auf der Tour auf jeden Fall gespielt?
Alle. Wir haben, ähnlich wie bei „Lament“ (der letzten Neubauten-Veröffentlichung, d. Red.), das Album so geplant, dass wir alles, was auf das Album kommt, auch live spielen können. Natürlich werden wir live auch andere Stücke spielen. Aber so weit sind wir ja gar nicht gekommen. Kurz vor dem Lockdown wollten wir eigentlich noch proben. Alle Termine waren schon festgelegt.
Ich frage deshalb, weil das Album sehr strukturiert und wie aus einem Guss klingt.
Das sehe ich nicht viel anders. Das hängt ebenfalls mit der Arbeit an „Lament“ zusammen, das war eine Auftragsarbeit und bewusst als Bühnenstück und Performance komponiert. Immer unter dem Gesichtspunkt, dass man das auch auf die Bühne bringen kann. Und genauso sind wir diesmal auch an die Arbeit gegangen. Es war bei jedem Stück die Frage: können wir das auch live spielen. Daraus ergibt sich dann dieser „Guss“. Zudem spielen wir auf unserem bewährten Instrumentarium, da kommt auch nicht viel Neues dazu. Auch, weil uns der Besuch auf Schrottplätzen inzwischen versicherungstechnisch verwehrt ist.
Sie sind gebürtiger Berliner. Wie kommen Sie jetzt mit 61 Jahren darauf, den Topos Berlin auf einem Album zu bearbeiten?
Zunächst war das eine halbherzige Idee, dann haben wir sie aber sehr ernst genommen. Das Stück, was ursprünglich „Pantheon“ hieß, wurde zum Beispiel in „Tempelhof“ umbenannt, ein Stück ohne Titel wurde zu „Wedding“. Aber es ist kein Berlin-Konzeptalbum. Es gibt Referenzen an Berlin. Denn was im Wedding passiert, hätte auch in Stuttgart passieren können. Nur „Grazer Damm“ ist sehr persönlich gefärbt. Da komme ich her, da sind wir am Tag meiner Geburt eingezogen, meine Schwester wohnt noch immer da.
Wie groß ist – auch bei diesem Album - der Anteil der Supporter, die ja die Band seit Jahren nicht nur finanziell unterstützen?
Der größte Anteil ist, ist, dass sie uns Aufmerksamkeit schenken. Wir arbeiteten ja schon mit den Supportern zusammen, als es den Begriff Crowdfunding noch gar nicht gab. Erst haben wir ja die Arbeit aus dem Studio übertragen. Schon der Umstand zu wissen, heute um 16 Uhr ist Webcast, erzeugt bei uns Konzentration. Das ist ein guter Zwang für uns. Man kann dann schon an den Kommentaren der Supporter erkennen, ob das, was wir machen, für die interessant ist. Wenn die über etwas ganz anderes anfangen zu reden, wissen wir, dass wir auf dem Holzweg sind. Und übrigens: als wir das Anfangs der Nullerjahre angefangen haben, wurde oft kolportiert, dass die Supporter mitreden oder sogar Entscheidungen treffen. Ich bin glücklich über die Kommentare und auch über die Kritik, aber es ist nicht so, dass da irgendjemand entscheidet, was wir spielen oder wie wir irgendwas machen. Das ist schon weiterhin Neubauten.
Schauen Sie auch darauf, was andere deutsche Künstler in Zeiten wie diesen so machen?
Ich glaube, ich kenne so gut wie gar keine anderen deutschen Künstler. Außer meine Kollegen. Selbst als Casper mich jüngst gebeten hat, auf seinem Album mitzuwirken, wusste ich ja nicht, wer das ist. Dazu bin ich – schon vor Corona – viel zu viel Einsiedler, als dass ich darüber etwas sagen könnte. Ab und zu werde ich nach etwas gefragt, meistens sage ich dann „kenn ich nicht“. Aber das wäre auch der Fall, wenn sie mich nach Kanye West fragen. Billie Eilish kenne ich, das hört nämlich meine Tochter immer. Das hab ich mir angehört, das finde ich gut. Aber wenn meine Tochter das nicht hören würde, würde ich es auch nicht kennen. Meine Hauptquelle, was Musik angeht, ist BBC 3, und da insbesondere die Sendung „Late Junction, eine genreübergreifende Sendung. Aber selbst da passiert es nur alle halbe Jahre mal, dass ich etwas höre, das mich begeistert.
Zur Person: Blixa Bargeld wurde 1959 als Christian Emmerich in West-Berlin geboren, wo er noch heute mit seiner Ehefrau lebt, einer chinesischen Mathematikerin.Bargeld ist Sänger und Gründer der seit 1980 bestehenden Einstürzenden Neubauten. Er war Gründungsmitglied von Nick Caves Band The Bad Seeds, wo er bis 2003 Gitarre spielte, was ihm auch zu einem Auftritt in Wim Wenders’ Film „Der Himmel über Berlin“ einbrachte. Er war an Theaterprojekten von Heiner Müller, Werner Schwab und Peter Zadek beteiligt und inszenierte 2005 bei den Salzburger Festspielen J.M. Coetzees „Warten auf die Barbaren.