Der Ludwigsburger OB bei einer Iran-Kundgebung im November 2022. Foto: Simon Granville

Der Ludwigsburger OB Matthias Knecht fordert Solidarität mit den Protestierenden im Iran. Warum Schweigen keine Option ist und was jeder tun kann.

Der Ludwigsburger Oberbürgermeister Matthias Knecht meldete sich vor wenigen Tagen zu einem Thema zu Wort, das weit außerhalb seines klassischen Zuständigkeitsbereichs liegt: die Lage im Iran. „Als OB einer schwäbischen Kommune ist man eigentlich nicht berufen, sich zu weltpolitischen Entwicklungen zu äußern“, schrieb er auf Instagram. Doch in diesem Fall sei Schweigen keine Option. Damit hat er recht.

 

Man könnte jetzt sagen: Die iranische Hauptstadt Teheran ist von Ludwigsburg mehr als 4500 Kilometer entfernt – was geht es uns also an, wenn dort Menschen auf die Straße gehen? Die Antwort ist: Es geht uns eine ganze Menge an.

1. Eine Frage der Solidarität

Die Menschen im Iran protestieren gegen ein Regime, das sein Volk seit Jahrzehnten unterdrückt. Sie kämpfen für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Freiheit. Ein mutiger Kampf, der jeden Einzelnen das Leben kosten kann. Der Ludwigsburger OB sagt zu Recht, dass dieser Kampf „unsere Aufmerksamkeit und volle Unterstützung“ verdient. Solidarität anderer auf dem Weg zur Demokratie ist wichtig. Auch Deutschland hat sie einst bekommen.

2. Eine Frage der Sicherheit

Was kann der einzelne Ludwigsburger tun? Wenig natürlich. Zu einer Kundgebung gehen, sich informieren, darüber sprechen. Nicht wegschauen. Kein Einzelner kann vor Ort etwas tun. Diese Aufgabe haben Staaten, die Europäische Union. Sie können nur dann nicht mehr wegschauen, wenn die Bürger laut genug die Unterstützung für Iran einfordern.

Leider kam just von dieser Seite bislang keine handfeste Reaktion außer halbherzigen Lippenbekenntnissen. Dieser europäische Weg ist für die Menschen im Iran schwer nachvollziehbar. Er ist aber auch aus hiesiger Sicht schwer nachvollziehbar. Mit einem freien, demokratischen, rechtsstaatlichen und stabilen Iran verbindet sich auch für Europa die Hoffnung auf mehr Sicherheit und weniger Konflikte in der Welt. 

3. Eine Frage der Menschlichkeit

Bei allem, was für den einen oder die andere hierzulande falsch läuft: Wir leben in Deutschland in Frieden und in Freiheit. Wer hier seine Meinung sagt, wer demonstrieren geht, wer als Frau sein Haar zeigt, wer tanzt, wer feiert – niemand wird dafür in Deutschland eingesperrt, gefoltert oder gar umgebracht. Im Iran schon. Daran sollten wir ab und zu denken, wenn wir mit unserer Lebenssituation in Deutschland unzufrieden sind.

Dieses kollektive Jammern nervt. Wirklich wütend machen Aussagen, dass wir in Deutschland in Unterdrückung oder gar einer Diktatur leben. Ein Blick in den Iran sollte reichen, um zu verstehen, wie falsch diese Ansicht ist: Dort verloren in den vergangenen knapp drei Wochen 2500, vielleicht auch 12.000 oder noch viele Menschen mehr ihr Leben, weil sie auf die Straße gegangen sind und Freiheit forderten. Den Mut dieser Menschen zu bewundern, sich von ihren Opfern anrühren zu lassen, sie zumindest in Gedanken zu begleiten – das ist ein Zeichen der Menschlichkeit.

Dennoch bleibt, was den Iran angeht, ein Gefühl von Ohnmacht. Aber auch wir als Bürger müssen darüber nachdenken, wie wir diese Ohnmacht überwinden können: mit Solidarität, Sicherheit und Menschlichkeit. Schweigen ist jedenfalls keine Option. Denn wenn Unrecht nicht mehr angemessen angeprangert, sondern still akzeptiert wird, stumpft eine Gesellschaft ab – und verliert das Gespür dafür, was sie schützen muss.