Reid Anderson (ganz re.) bei den Proben zu dem Cranko-Ballett „L’Estro Armonico“ beim „Blick hinter die Kulissen“ im Stuttgarter Kammertheater. Foto: Uli Beuttenmüller

Mit einem „Blick hinter die Kulissen XXL“ startet das Stuttgarter Ballett in Reid Andersons Abschieds-Saison. Der Intendant beweist im Kammertheater seine Entertainer-Qualitäten, die Kompanie führt vor, wie penibel sie an Timing und Details feilt, damit glanzvolle Ballett-Momente entstehen.

Stuttgart - Alles ist anders. Es ist keine Spielzeit wie jede andere, die Reid Anderson am Montagabend im Kammertheater beim „Blick hinter die Kulissen“ eröffnet. Es ist seine 22. - und seine letzte als Intendant des Stuttgarter Balletts. Es fängt schon damit an, dass der vom Publikum heiß geliebte Spielzeit-Baustein nicht wie sonst in der Mitte der Saison stattfindet, sondern zu Beginn und knapp vierzehn Tage lang dauert – eine „extended edition“ also, versehen mit dem Zusatz „XXL“. Der Grund: Zwei Wochen ist die Bühne im Kammertheater frei, und weder Schauspiel noch Oper wollte sie haben.

Ungewohnt aber auch die Präsentation: Die Zuschauer finden nicht den üblichen „Cabaret-Look“ mit Bistrotischen vor, sondern aufsteigende Sitzreihen. Denn es soll an diesen Abenden ernsthaft gearbeitet werden. Probenalltag also soll es zu sehen geben, nicht wie sonst thematisch gefasste Abende, Vorstellungen von neuen Tänzern oder transparent gemachte Choreografie-Prozesse. „Zum ersten Mal erhalten Sie also einen echten Blick hinter die Kulissen“, verspricht der 68-jährige Kompaniechef. Schulklassen können vormittags, ebenfalls im Kammertheater, öffentlichen Trainings beiwohnen, außerdem werden erstmals auch Bühnenproben im Opernhaus, zum Teil mit dem Orchester, für das Publikum geöffnet.

Und zwischendurch steppt Reid Anderson einfach ein bisschen

Proben wozu? Zu Cranko natürlich! Zunächst zu „Cranko pur“; der Ballettabend, der am 3. Oktober Premiere hat, versammelt drei kleine Preziosen aus der Cranko-Schatulle: „L’Estro Armonico“, „Brouillards“ und „Jeu de Cartes“. Cranko, der am 15. August neunzig Jahre alt geworden wäre, ist nicht nur der „Blick“ gewidmet, sondern zudem das „Leitmotiv“, das sich durch diese Saison der Extraklasse ziehen wird, vor allem in der ersten Hälfte, wenn die Kompanie etwa mit „Der Widerspenstigen Zähmung“ in Bangkok gastiert und am Eckensee ab 27. Oktober wieder „Onegin“ zeigt.

Es wird dann beim ersten „Blick“ am Montag gar nicht sooo viel geprobt. Es wird aber dennoch ein einsichtsreicher Abend, geschichtsträchtig (aber nicht gestrig), stellenweise komisch und alles in allem sehr unterhaltsam. Was zum einen an dem Conférencier Anderson liegt, der den Entertainer im Blut hat, der viele launige Anekdoten aus seiner Zeit unter Cranko zum Besten geben und die Gesetze des Balletts anschaulich erklären kann, ja, der sich zwischendrin ganz nonchalant auf einen Drehstuhl setzt, Steppschuhe anzieht und eine famose Stepp-Einlage abliefert, weil Cranko damals in „L’Estro“ eben Stepp-Elemente eingebaut hat.

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