Licht und Schatten: Was die Buchautoren Christian Serrer und David Nelles vom bisherigen Verlauf der Klimakonferenz in Glasgow halten.
Stuttgart - Herr Nelles, Herr Serrer, ein Grund für Sie, Bücher über den Klimawandel zu schreiben, war, dass Ihnen die Diskussionen zum Thema oft zu wenig zielgerichtet waren. Sehen Sie auf der COP26 einen klaren Fokus?
Christian Serrer: Wir gehen total nüchtern an die Konferenz heran. Es geht hier darum, die Ziele des Pariser Klimaabkommens abzuarbeiten, und es ist von vornherein klar, dass nicht auf jeder Konferenz ein riesiger Durchbruch passiert – das sollte man auch den Bürgerinnen und Bürgern kommunizieren.
David Nelles: Bei der COP darf man nicht vergessen, dass 200 Staaten verhandeln, die alle unterschiedliche Interessen haben. Da kann man keine großen Sprünge erwarten, weil es darauf hinausläuft, dass man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen muss. Jeder, der mal einen Urlaub mit mehreren Freunden geplant hat, kennt das.
Trotzdem: Viele sind unzufrieden mit den Zusagen, die es bisher gab. Welche großen Themen wurden bisher ausgelassen?
David Nelles: Wir hoffen natürlich trotzdem immer, dass doch starke Signale von der Konferenz kommen. Aber wenn Angela Merkel verkündet, den Kohleausstieg nicht vorzuziehen, fehlt mir die Fantasie, wie man andere Staaten dazu bringen will, sich schärfere Klimaziele zu setzen. Ein anderes Thema, um das es in Glasgow geht, ist das Ziel, jährlich 100 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen, um in ärmeren Ländern den Klimaschutz zu finanzieren. Der Betrag ist ohnehin zu niedrig. Und dass nicht einmal dieser eingehalten wurde, ist eine Enttäuschung.
Christian Serrer: Ob die Summe in Zukunft zustande kommt, zeigt, wie motiviert die Industrieländer sind, Klimaschutz weltweit umzusetzen. Es geht ja nicht darum, wie Deutschland es schafft, selbst klimaneutral zu werden, sondern wie Deutschland zu einer klimaneutralen Welt beiträgt. Klar ist: Ohne finanzielle und technische Hilfe von Industrieländern werden ärmere Länder keinen guten Klimaschutz betreiben können.
Zumindest die 30-Prozent-Reduktion des Methanausstoßes bis 2030 ist besiegelt.
Christian Serrer: Die Methanreduktion ist ein wichtiger Punkt. Ein großer Teil der Methanemissionen kommt aus der Landwirtschaft – und Klimaschutz in der Landwirtschaft ist ein Punkt, den ich in Deutschland im Sondierungspapier gerade weitgehend vermisse. Das Unbequeme am Thema Landwirtschaft und Methan ist ja, dass die Erzeuger nur wenige Möglichkeiten haben, Emissionen zu reduzieren – Kühe produzieren beim Verdauen nun mal Methan. Das heißt, jede Bürgerin und jeder Bürger muss sich auf mehr pflanzliche Ernährung umstellen. Wenn ich einen Diesel durch ein E-Auto ersetze, mein Haus mit einer Wärmepumpe heize, merke ich kaum einen Unterschied. Aber die Umstellung in der Ernährung spüre ich direkt am Gaumen. Das macht das Thema so emotional. Und gerade deswegen halte ich es für ein wichtiges Signal aus Glasgow, dass man den Methanausstoß reduzieren möchte.
Wenn Sie den Politikerinnen und Politikern auf der Weltklimakonferenz eine Maßnahme ins Heft diktieren dürften, was wäre das?
David Nelles: Ein internationaler CO2-Preis, mit dem zugleich Klimaschutz in ärmeren Ländern finanziert wird. Das wäre eine sehr wirksame Maßnahme.
Sie gehören zu einer Generation, die den Klimawandel und seine Auswirkungen sehr intensiv erleben wird. Welches Gefühl hinterlässt die COP26 bei Ihnen?
Christian Serrer: Uns stimmt positiv, dass die Lösungen für das Klimaproblem eigentlich auf dem Tisch liegen, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind sich im Wesentlichen einig, was zu tun ist. Und jede der Zusagen auf der Konferenz ist wichtig.
David Nelles: Wir haben durch die Recherchen für unsere Bücher gesehen, dass etwas geht, wenn Länder Bock haben, etwas umzusetzen. In Norwegen sind etwa die Hälfte der Autos E-Fahrzeuge, Schweden hat seit 30 Jahren einen CO2-Preis und Ölheizungen schon vor zehn Jahren verdrängt. Dort wurden Maßnahmen gesetzt, als anderswo noch lange diskutiert wurde. Und wir haben mit vielen Politikern und Unternehmern gesprochen. Man spürt, dass richtig Druck für Veränderungen im Kessel ist, das stimmt uns positiv.
Die Klimaerklärer
Autoren
David Nelles und Christian Serrer (25) wollen in ihren Büchern Klimawandel verständlich erklären. Ihr Erstling „Kleine Gase – große Wirkung“ wurde ein Spiegel-Bestseller. Am Montag erscheint ihr neues Buch „Die Klimalösung“. Mit 250 Wissenschaftlern haben sie darin zusammengefasst, mit welchen Maßnahmen wir den Klimawandel stoppen können. Nelles und Serrer studieren an der Zeppelin-Uni in Friedrichshafen.