Die Deutschen haben viel Angst – ob vor der Inflation oder der Zukunft. Wieso sind sie trotzdem oft erschütternd sorglos und nativ?
Küssen verboten“ trällerten Die Prinzen schon in den 1990er Jahren – nicht ahnend, dass ihr Refrain eines Tages eine ganz neue Wendung nehmen könnte. Auch Omas und Opas, Tanten und Anverwandte können heute ein Lied davon singen. Denn sie müssen sich bremsen, wenn es Nachwuchs gibt, weil man oft strenge Verhaltensregeln der Eltern einhalten muss, um das Baby sehen zu dürfen: Es müssen Impfungen aufgefrischt werden, Desinfektionsspray ist genauso Pflicht wie Mundschutz. Hautkontakt ist grundsätzlich zu vermeiden, aber speziell das Gesicht des Kindes darf keinesfalls berührt werden. Und Küssen ist ohnehin tabu.
Keine Frage: Vorsichtsmaßnahmen sind sinnvoll, zumal einige Krankheiten für Neugeborene tödlich enden können. Insgesamt ist die Sterblichkeit von Säuglingen in Deutschland aber so niedrig wie nie zuvor – was so gar nicht passt zu den Horrormeldungen, die auf Social Media kursieren: toxische Babyprodukte, Schadstoffe in Matratzen, Überhitzung, Verschlucken, Duftstoffe und Rückenschäden durch Liegen im Kinderwagen. Da muss man sich nicht wundern, wenn selbst die vernünftigsten Eltern irgendwann panisch reagieren.
Man scheint sich darin einig zu sein, dass wir permanent schlimmsten Gefahren ausgesetzt sind. Deshalb wurden auch in diesem Winter diverse „Warnstufen“ ausgerufen, weil es zu „einer geschlossenen Schneedecke“ kommen könne oder gar zu „strengem Frost“. Auch sonst kann einem angst und bange werden bei all den alarmierenden Schlagzeilen: „Jugendgewalt explodiert“ und „Einbrecherbanden ziehen durch die Region“. Innenstädte werden als hochgefährliche „No-Go-Areas“ deklariert. Und natürlich die armen „Älteren“: Sie werden ständig Opfer von Betrugsmaschen und Übergriffen in der Pflege, die gefährlichen „Hitzesommer“ werden für sie „zur Lebensgefahr“. Wer von außen auf diese Stimmung blickt, staunt und wundert sich, dass Menschen in einem der sichersten Länder nach 18 Uhr nicht mehr in eine (videoüberwachte) S-Bahn steigen.
Menschen, die ernsthaften Gefahren ausgesetzt sind, müssen tatsächlich ein feines Sensorium entwickeln, um Risiken realistisch einschätzen zu können. Wer dagegen in Frieden und Sicherheit aufgewachsen ist, verliert diese Fähigkeit nicht nur, sondern scheint Ängste zu entwickeln, weil er Gefahren, die er nicht kennt, überschätzt – Terrorangriffe, Flugzeugabstürze oder Haiangriffe. Es fällt aber auch schwer, alltägliche Risiken, selbst unwahrscheinliche, realistisch zu betrachten. Deshalb gibt es immer mehr Eltern, die ihre Kinder permanent „tracken“ und jeden ihrer Schritte digital überwachen. Der eine kontrolliert ständig seinen Herzschlag, der andere schafft sich einen UV-Sterilisator für die Zahnbürste an – sicher ist sicher.
Angst ist ein Mittel der Macht
Viele dieser Ängste werden bewusst geschürt, denn Angst war von jeher ein probates Mittel, um eigene Interessen durchzusetzen. Die Kirche verbreitete Furcht vor dem Jüngsten Gericht, dem Fegefeuer und der Hölle, um ihre Schäflein gefügig zu machen. Auch zum Kerngeschäft der Politik gehört es, Gefahren und Gegner dramatisch aufzubauschen, um sich als Retter gerieren zu können. Die Ängste der Menschen sind aber auch ein lukratives Geschäft für all jene, die Sicherheit versprechen – ob durch Waschmaschinen mit Wasserschutz-Sensoren oder Bügeleisen mit Abschaltautomatik.
Allerdings: Wenn die Werbung verspricht, dass ein schnittfester Rucksack mit gesichertem Reißverschlusssystem noch besser vor Dieben schützen soll, geht das am Käufer nicht spurlos vorüber, sondern schürt unbewusst Ängste, die er zuvor nicht hatte. Wir würden vermutlich auch deutlich sorgloser leben, würden die medizinischen Diagnosemöglichkeiten uns nicht ständig daran erinnern, woran wir erkranken könnten. Allein der Hinweis auf potenzielle Gefahren manipuliert unseren Blick auf die Welt. Weshalb die beiläufige Frage, ob die neue Brille oder das Handy versichert werden sollen, keineswegs banal ist. Statt sich über die Anschaffung eines neuen Notebooks zu freuen, hat man plötzlich nur noch die Wahl zwischen Pest und Cholera: Entweder investiere ich noch in eine Versicherung, die das Herunterfallen des Geräts abdeckt, was vermutlich nie passieren wird. Oder ich muss fortan ständig bangend Gefahren ins Kalkül ziehen, schließlich will ich am Ende nicht als Dumme dastehen, die die Warnungen der Experten nicht ernst genommen hat.
Es sind viele Akteure, die die Angstspirale in die Höhe treiben. Algorithmen verbreiten lieber dramatische Inhalte, weil Angst mehr Klickzahlen verschafft, auf die längst auch seriöse Medien angewiesen sind. Politik und Wirtschaft werfen sich den Ball zu – in einem irrwitzigen Spiel aus Angst und Sicherheitsversprechen. Beispiel Auto: Ob es Reifendruckkontrollsystem, der Notbremsassistent oder der Spurhalteassistent waren, zahllose technische Innovationen, die zunächst nur neue Kaufanreize bieten sollten, wurden alsbald für Neuwagen Pflicht – zu unserer aller Sicherheit.
Wer sich gegen alles absichern will, wird unselbstständig
Der Preis, den wir für das Geschäft mit unserer Angst zahlen, ist hoch. Mit jeder Absicherung geben wir ein Stück Selbstständigkeit und Eigenverantwortung preis. Statt den Lebensstil zu hinterfragen, wird die Gesundheit an die Medizin delegiert. Man verlässt sich beim Ausflug auf die Wetter-App und beim Joghurt auf das Mindesthaltbarkeitsdatum. Man putzt die Zähne so lange, wie die elektrische Bürste vorgibt und füllt am Auto das Spritzwasser erst auf, wenn der Bordcomputer es fordert.
Dieses Delegieren von Verantwortung kann durchaus gefährlich werden. Plötzlich macht man blauäugig Urlaub in Krisengebieten, nur, weil die Versicherung einen „weltweiten Rückholdienst“ verspricht. Man bucht Vulkantrekking, Dschungel-Expeditionen und Canyoning und setzt darauf, dass „zertifizierte Guides“ und „Rundum-Sorglos-Pakete“ einem alles Schlimme vom Leib halten. Studien haben auch gezeigt, dass Skifahrer mit technischen Gadgets und „High-End“-Equipment riskantere Abfahrten abseits der Piste wählen. Und weil unsereiner durch die ausgebuffte Technik beim Autofahren immer unkonzentrierter wird, müssen als nächstes Müdigkeits- und Aufmerksamkeitswarner Schlimmeres verhindern.
Dieses Phänomen hat einen Namen: Paradoxon der Risikokompensation. Weil man die Verantwortung abgegeben hat, wähnt man sich in Sicherheit – und provoziert erst recht Gefahren. Aus Sorge vor Unfällen chauffieren Eltern die Kinder lieber selbst, was höchst fahrlässig ist. Auf dem Rücksitz lernt nicht, wie man sich verhalten muss. Unfallforscher weisen seit Jahren darauf hin, dass Kinder immer schlechter im Straßenverkehr zurechtkommen – und deshalb besonders gefährdet sind.
Angst vor schlechten Zeiten ist sinnlos
Lehrer müssen immer wieder feststellen, dass Schüler in völlig ungeeignetem Schuhwerk und zu leichten Jacken zum Schulausflug kommen. Woher sollen sie und die Eltern es aber wissen? Wahrscheinlich bräuchten wir ein Gesetz, das angemessenes Schuhwerk vorschreibt. Eine „situative Winterreifenpflicht“ wurde ja bereits in die Straßenverkehrsordnung aufgenommen, weil zu viele Fahrer nicht von selbst darauf kamen, dass Sommerreifen bei Schnee nicht taugen.
In Bergregionen käme es zu deutlich weniger Unfällen, wenn Urlauber nicht mit schicken Sneakers wandern und mit dem E-Bike ohne Helm über die Wege brettern würden. Und jene, die in diesem Winter auf halbzugefrorenen Seen eingebrochen sind, schieben vermutlich insgeheim die Schuld der Gemeinde zu: Hätte die nicht ein Schild „Betreten verboten“ aufhängen müssen? Die Kluft scheint immer größer zu werden zwischen einer erschütternden Naivität und Bedenkenlosigkeit auf der einen Seite – und umso stärkeren Ängsten andererseits. Man hat Angst vor Krieg und Arbeitsplatzverlust, Inflation und Armut, vor Donald Trump und steigenden Mieten, höheren Kosten, Klimawandel und politischer Instabilität. Die zahllosen Studien, die solche Sorgen und Nöte ständig abfragen, sind freilich auch manipulativ. Da sie nur mit griffigen Ergebnissen öffentlich wahrgenommen werden, verzichten sie auf allzu differenzierte Fragestellungen. Und Schlagzeilen wie „Sorge der Deutschen um Wirtschaft wächst rasant“ oder „Angst vor großem Krieg in Europa“ schüren wiederum Ängste.
Aber welchen Nutzen hat es, Angst vor Inflation oder Jobverlust zu haben? Angst ist ein wichtiger Instinkt, der das Überleben sichern kann. Dort, wo sie diffus bleibt und lähmt, ist sie völlig nutzlos, kontraproduktiv – und für die Demokratie sogar Gift. Denn wenn Menschen sich radikalisieren, Hass verbreiten und zu Ausgrenzung aufrufen, ist das häufig das Ergebnis der diffusen Angst, abgehängt zu werden, weniger als andere zu bekommen oder permanent in Gefahr zu sein – selbst wenn diese Angst jeder faktischen Grundlage entbehrt. Die wachsende Kritik am Sozialstaat ist in Wahrheit ein Ergebnis der kollektiven Angstspirale: Der Staat soll sich weniger um die Sicherheit und das Wohlergehen anderer kümmern, aber nur, damit die eigene Sicherheit und das eigene Wohlergehen garantieren kann.
Was tun? Die große weltpolitische Lage lässt sich nicht ändern. Umso wichtiger wäre es, sich wenigstens im Alltag wieder mehr Autonomie und Eigenverantwortung zurückzuerobern. Denn je stärker man den eigenen Fähigkeiten vertraut, seinen Händen, Sinnen und seinem kreativen Potenzial, desto besser ist man gewappnet für Krisen. Selbstwirksamkeit ist deutlich verlässlicher als die Erwartung, dass Staat oder Schule, Arzt, Arbeitgeber oder Technik doch bitte unser Wohlergehen garantieren sollen.
Vielleicht aktiviert man zum Start wieder stärker die eigenen Sinne, statt nur der Wetter-App zu vertrauen, kostet vom abgelaufenen Bier, statt es gleich wegzuschütten. Und geht mit dem eigenen Kind häufiger durch die Stadt, um selbst realistischer einschätzen zu können, welche Gefahren dort lauern – um dann zu sehen, dass das Kind sie ganz gut selbst erkennt.