Blau ist eine warme Farbe Intimes in Großaufnahme

Von Wolfram Hannemann 

Adèle Exarchopoulos als Adèle (links) und Léa Seydoux als Emma in Blau ist eine warme Farbe. Foto: Alamode
Adèle Exarchopoulos als Adèle (links) und Léa Seydoux als Emma in "Blau ist eine warme Farbe". Foto: Alamode

Wie wird man erwachsen? Nicht nur, aber auch mit hohem Einsatz, zeigt Cannes-Gewinner Abdellatif Kechiche im Drama „Blau ist eine warme Farbe“.

Filmkritik und Trailer zum Kinofilm "Blau ist eine warme Farbe"

Stuttgart - Es passiert beim Überqueren der Straße und dauert nur einen ganz kurzen Augenblick. Und trotzdem ist ihr Blickkontakt so ­intensiv, dass Emma bei der 15-jährigen Schülerin Adèle bislang ungeahnte Sehnsüchte weckt.

Mit ihren blau gefärbten Haaren und einem Mädchen im Arm bringt die coole Kunststudentin Adèles konventionelles Weltbild gehörig durcheinander. Galt für sie bislang, dass Mädchen immer mit Jungs ausgehen, kommen ihr plötzlich erste Zweifel. Getrieben von den aufkeimenden Sehnsüchten, sucht Adèle die Nähe der schönen Fremden. Sie findet sie schließlich in einer ­Lesben-Bar, wo sich aus dem ersten flüchtigen Kontakt sehr schnell eine extrem ­leidenschaftliche Liebesbeziehung ent­wickelt.

Wie leidenschaftlich diese Beziehung ist, zeigt Regisseur Abdellatif Kechiche („Couscous mit Fisch“) in seinem neuen Film mit vielen Sex-Szenen, die ebenso intim wie ­explizit sind. Es besteht kein Zweifel daran: Diese Frauen lieben sich.

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Dass solche Szenen nicht zwangsläufig in die Pornografie ab­rutschen, liegt zum einen an der ausgesuchten Ästhetik der Bilder, die Großaufnahmen hier genauso in den Fokus rückt wie im ­gesamten Rest des Films. Zum anderen liegt es an den beiden großartigen Darstellerinnen, die mutig genug sind, ihre intimsten Momente mit dem Publikum zu teilen, und in ihren Rollen vollkommen aufgehen.

Léa Seydoux („Leb wohl, meine ­Königin!“) als die erfahrene Studentin und Newcomerin Adèle Exarchopoulos als das unbeschriebene Blatt kennen weder Scheu noch Scham in ihrem Spiel und geben emotional wie körperlich wirklich alles.

Insbesondere die junge Adèle Exarchopoulos beeindruckt hier nachhaltig. Trotz der schieren Länge von drei Stunden bleibt es unglaublich spannend mitzuerleben, wie die von ihr gespielte Adèle durch die intensive Liebesbeziehung im Lauf der Jahre vom lebensunerfahrenen Teenager zu einer selbstbestimmten jungen Frau heranreift. Das Mädchen mit dem sinnlichsten Mund, seit es Kino gibt, dürfte noch eine große ­Karriere vor sich haben.

Vordergründig handelt Kechiches Film zwar von einer rein lesbischen Liebes­beziehung, doch funktioniert diese auf allen Ebenen gleichsam als universelle Liebes­geschichte. Und das mit der gesamten Spannbreite menschlicher Gefühlsregungen mit all ihren Höhen und Tiefen, von fröhlich über traurig bis hin zu eifersüchtig.

„Blau ist eine warme Farbe“ wurde in ­diesem Jahr auf den Filmfestspielen von Cannes vollkommen zu Recht mit der Goldenen Palme nicht nur für den besten Film, sondern auch für die beiden großartigen Darstellerinnen ausgezeichnet und darf sich aktuell sogar über eine Golden-Globe-Nominierung freuen.

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