Das Dorf Blatten liegt unter Schutt und Wasser. Foto: Jean-Christophe Bott/KEYSTONE/dp

Nach der Jahrhundertkatastrophe müssen sich die Menschen aus dem verschwundenen Alpendorf in ihr Leben zurückkämpfen. Sie schwanken zwischen Resignation, Trotz und leiser Hoffnung.

Rechts neben dem Tunnel donnert die Lonza durch ihr enges Flussbett. Das braune Wasser schäumt. Vor dem Tunnel baut sich ein Wachposten auf. Der Mann in Orange verlangt die Papiere und knurrt: „Wir wollen hier keinen Katastrophentouristen.“ Nur Anwohner, Sicherheitsleute, Spezialisten und Medienvertreter dürften weiter. Er beäugt die Papiere, gibt seine Einwilligung zur Weiterfahrt hinauf ins Lötschental im Kanton Wallis.

 

Die Straße führt an Felswänden, Wiesen und Bächen vorbei. Wolken drücken sich tief in das zerklüftete Gebiet. Im ersten Dorf, Ferden, sind nur wenige Einheimische unterwegs. In Hotels und Restaurants wie dem Ferdania brennt kein Licht. Auch die zweite Siedlung, Kippel, wirkt unbewohnt. Über Wiler, dem dritten Dorf, dröhnt ein Hubschrauber, er zieht einen Baumstamm durch die Luft. Der Ausgang von Wiler ist abgeriegelt. Polizisten, Soldaten und Feuerwehrleute bewachen den einzigen großen Zugang zum Sperrgebiet. Ein Uniformierter sagt streng: „Weitergehen verboten, Lebensgefahr.“

Etwa zwei Kilometer talaufwärts türmt sich eine unheimliche grau-braune Masse auf. Der gigantische Fremdkörper entstand am 28. Mai gegen 15.15 Uhr. Zuvor waren große Teile des Birchgletschers abgebrochen. Gespickt mit Geröll, Bäumen und Erde polterte die Eislawine hinunter auf Blatten, das vierte Dorf im Tal. Blatten galt als die Perle des Quartetts. Der wilde Strom zerstörte Häuser, Gehöfte und Hotels, vernichtete Straßen und Wege und ließ sogar die Kirche verschwinden. Fast alle zunächst unversehrten Gebäude versanken später im zähen Brei der aufgestauten Lonza. Blatten, das erstmals im Jahr 1433 schriftliche Erwähnung fand, wurde von einer der schlimmsten alpinen Naturkatastrophen der Neuzeit heimgesucht. Der Bürgermeister Matthias Bellwald sagte: „Wir haben das Dorf verloren, aber nicht das Herz.“ Es war ein Satz, der um die Welt ging. Mehr als eine Woche nach dem Schock sind fast alle Kameras abgebaut, die meisten Reporter abgerückt.

„Die Talbewohner werden auch diese Prüfung meistern“

Ob, wann und wie der Schuttkegel mit einem Volumen von zehn Millionen Kubikmetern abgetragen werden kann, weiß niemand. Aufräumarbeiten seien immer noch zu gefährlich, heißt es. Und die Geologen warnen vor weiteren Fels- und Schlammlawinen, die sich aus den unruhigen Höhen ins Tal bewegen. Überschattet von der Ungewissheit kämpfen sich die Menschen im Lötschental in ihr Leben zurück, schwankend zwischen Schmerz, Resignation und Hoffnung.

„Frauen, Männer und Kinder leben seit Jahrhunderten im Rhythmus der rauen Natur, sie arrangieren sich mit Lawinen, Eis und Kälte“, erzählt der Lokalhistoriker Matthias Grüninger. „In alten Zeiten war unser Tal im Winter oft wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten.“ Der knorrige Mann in seinen Sechzigern läuft an der Absperrung entlang und zeigt Richtung „Kleines Nesthorn“. Es ist der unheilvolle Berg, der langsam zerfiel und die Lawine auslöste. Grüninger, früher Pfarrer, liebt das Lötschental. Wegen seiner Schönheit. Wegen seiner Schroffheit. Dann verspricht er: „Die Talbewohner werden auch diese Prüfung meistern.“

„Man sieht es den Leuten an, die aus Blatten stammen“

Am Ortsanfang von Wiler befindet sich das Hotel „Sporting“. Der Gastraum ist rappelvoll. Ein Gemisch aus dem schweren Dialekt des Tales, dem Leetschaeru, anderen Schweizer Mundartformen und Hochdeutsch wabert durch den Saal. An einem Tisch sitzen sieben Männer, kräftig, kantig. „Ja, das Donnern und Dröhnen war das Schlimmste an dem Tag, so muss sich der Weltuntergang anhören“, sagt einer. Wortfetzen: Es geht um das Staubecken in Ferden, Abfluss, Turbinen und Bagger. Und es geht um die 300 Evakuierten von Blatten. Vor dem Lawinenabgang hatten die Behörden notgedrungen die komplette Räumung angeordnet. Menschen, auch Kühe, Schafe und Ziegen mussten das Dorf verlassen. Nur ein 64-jähriger Mann wird noch immer vermisst. Hatte er sich trotz der Gefahr nach Blatten zurück gewagt? „Der war zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagt schulterzuckend ein Mitarbeiter des Zivilschutzes.

Der Wirt zapft Bier. Er beugt sich herüber und sagt leise: „Man sieht es den Leuten an, die aus Blatten stammen.“ An einem Tisch am Fenster sitzen zwei Männer und eine Frau. „Ja, wir drei sind in Blatten geboren und haben dort gelebt, von der Wiege auf“, erzählt der 78-jährige Albert Bellwald. Sein Vetter Konstantin Lehner, 85 Jahre, nickt. Gemma Lehner, 82, faltet die Hände. Die Senioren aus dem untergegangenen Ort wirken gefasst. Der pensionierte Beamte Bellwald berichtet von der Evakuierung: Die drei hatten 15 Minuten Zeit, um ihre Sachen zu packen. Sie konnten fast nur die Kleider am Leib mitnehmen. Bellwald ließ sein Haus aus dem Jahr 1676 hinter sich – und nahezu alles, was ihm lieb und teuer war: Fotos, Schriften, Briefe, Dokumente über Hochzeit und Geburt. Die Erinnerungen. Die Heimat. Vor zehn Jahren starb Bellwalds Frau, während eines Urlaubs in Österreich. „Und jetzt das“, sagt er stockend und wendet den Kopf zum Fenster. Bellwald ist bei seinem Sohn in Visp, im großen Tal der Rhone, untergekommen. Das Ehepaar Lehner wurde vom Krisenstab vorübergehend in einer Ferienwohnung in Wiler einquartiert. Welche Gefühle überkommen einen Menschen, wenn er in einer späten Lebensphase ein derartiges Unglück erlebt? Gemma Lehner schaut auf. „Man zweifelt schon, auch am Glauben.“

So wie Gemma empfinden viele im Tal, besonders die alt Eingesessenen. Selbst dem Pfarrer des Gebiets, Thomas Pfammater, fällt es schwer, das Unbegreifliche zu erklären. „Es passieren schlimme Sachen, wir wissen nicht, warum“, sagte er kurz nach dem apokalyptischen Schlag gegen Blatten.

Der gesamte materielle Schaden in dem zermalmten Dorf lässt sich nur schätzen. Der Schweizerische Versicherungsverband geht von mehreren Hundert Millionen Euro aus.

„Dazu kommen natürlich die Folgekosten“, sagt Lukas Kalbermatten. Ihm gehörte das Hotel Edelweiss in Blatten, eine der ersten Adressen im Tal. Das Edelweiss geht auf Kalbermattens Großeltern zurück. Er und seine Frau investierten viel Geld und Herzblut in das Haus: „Natürlich sehen wir das Edelweiss nie mehr wieder, das ist weg.“ Der Hotelier steht vor dem Nichts. Immerhin hat er für die nächste Zeit eine sichere Bleibe für sich und seine Familie gefunden. Er rückt seine Brille zurecht. „In den kommenden Wochen muss ich noch einen Job finden.“

„Bislang sind da nur viele Versprechungen gemacht worden“

Am siebten Tag nach dem Desaster vom Lötschental macht die Regierung des Wallis zehn Millionen Franken Soforthilfe für die Opfer von Blatten frei; andere Kantone und der Schweizer Bund sagen ebenso Gelder für die Blatten-Hilfe zu. Selbst das winzige Fürstentum Liechtenstein östlich der Schweiz will 100 000 Franken überweisen. „Wenn eine Katastrophe passiert, stehen wir zusammen“, gibt die Walliser Finanzministerin Franziska Biner die Parole aus. Ist die angekündigte Geldhilfe bei den Betroffenen schon angekommen? Die Eheleute Lehner schweigen. Der frühere Staatsdiener Bellwald schüttelt den Kopf. „Geflossen ist noch nichts“, brummt er. „Bislang sind da nur viele Versprechungen gemacht worden.“

Seit Tagen machen entlang der Lonza die Gerüchte die Runde, ein „Neu-Blatten“ würde errichtet. Gebaut nach den neusten Öko- und Sicherheitsstandards. Doch wie lange es bis zum ersten Spatenstich dauern wird, wo etwas Neues wachsen könnte, das weiß niemand. Gerade die Dorfältesten reagieren skeptisch. Albert Bellwald sagt: „Auf Schutt kann man nichts Neues bauen.“