Nur einige höher gelegene Häuser haben die gigantische Schuttwalze, die im Mai das Dorf Blatten unter sich begrub, überstanden. Foto: Michael Buholzer/KEYSTONE/dpa

Mehr als vier Monate nach der Horror-Lawine im Wallis kämpfen sich die traumatisierten Menschen in ihr Leben zurück. Schon in vier Jahren sollen sie zurück in die alte Heimat.

Auf dem schlammigen Feld steht ein grauer Container. Davor harren Menschen aus. Es sind Einwohner des verschwundenen Schweizer Alpendorfs Blatten. Auf ihren Gesichtern spiegelt sich Bangen und Hoffen. Werden sie ein Stück aus ihrem untergegangenen Leben in Empfang nehmen können? Der Container dient als Fundbüro. Hier direkt am Eingang des Nachbarortes Kippel stapeln sich Fotoalben, Bücher, Ordner mit Heiratsurkunden, Zeugnissen sowie anderen Dokumenten aus guten Tagen. Blattens Bürgermeister Matthias Bellwald leitet die Verteilung.

 

Das 300-Seelendorf galt einst als eine Perle des Lötschentals im urwüchsigen Kanton Wallis, der Tourismus gab vielen Blattnerinnen und Blattnern ihr Einkommen. Zwei Frauen packen Behälter mit Unterlagen in den vorne liegenden Kofferraum ihres Elektroautos. „Der Berg meines Lebens“, ruft die Ältere im schweren Dialekt der Region und lacht. „Jetzt haben wir das Buch wieder.“ Feuerwehr, Armee und Helfer fischten den Schmöker und andere Papiere aus einem Stausee heraus. Der hatte sich nach dem gigantischen Gletschersturz von Blatten Ende Mai gebildet.

„Die Hoffnung und die Sehnsucht müssen leben“

In dem See trieben Sessel, Fernseher, Besteck, Werkzeuge und Kleider der Dorfbewohner. Der braune Brei mit den Habseligkeiten symbolisierte die Jahrhundert-Katastrophe, die über die Menschen hereingebrochen war. Mehr als vier Monate nach dem Verlust von Heimat, Hab und Gut kämpfen sich die traumatisieren Bergbewohner langsam in ihr Leben zurück, schwankend zwischen Schmerz, Resignation und Zuversicht.

In der schweren Zeit richten sich die Menschen auch an ihrem Bürgermeister auf. Bellwald will sich mit dem tragischen Schicksal von Blatten nicht abfinden. „Wir haben das Dorf verloren, aber nicht das Herz“, hatte Bellwald nach dem Untergang Blattens gesagt. Es war ein Satz, der um die Welt ging.

Er kommt nach Wiler, ein anderes Nachbardorf. Bellwald nähert sich mit federnden, raschen Schritten. Der Jurist und frühere Oberst der Schweizer Armee, hat Großes vor: Er will Blatten wiederaufbauen. Das Dorf, 1433 erstmals schriftlich erwähnt, soll in etwa dort entstehen, wo es früher stand. „Unser Fahrplan sieht vor, dass wir in vier Jahren das Dorf wieder teilweise bewohnen können“, sagt Bellwald und seine Augen blinzeln im herbstlichen Sonnenlicht.

Bellwald macht die Vorhersage im selbstsicheren Tonfall des Offiziers, der gedrillt wurde, Hindernisse zu erkennen und zu überwinden. Um ihn herum liegen und stehen Abflussrohre, Bagger, Zementhaufen. Bauarbeiter sägen, bohren, hämmern. Die mächtigen Berge des Lötschentals rahmen die Szenerie ein: Der höchste von ihnen, das Bietschhorn (3934 Meter), strahlt erhaben in der Ferne. Bellwald geht ein paar Meter nach vorne zu der strikt abgesperrten Zone, in der sein Dorf begraben ist. „Die Hoffnung und die Sehnsucht müssen leben“, sagt er.

Die Kirche wird wieder in den Walliser Himmel ragen

Zunächst geht es in kleinen Schritten zum neuen Blatten. Bellwald und seine Helfer ließen die Wasserleitungen reparieren, sie reichen nun bis an den Dorfrand. Alle vier Kraftwerke entlang des Flusses Lonza gingen wieder ans Netz. Die Gemeinde will die wenigen intakten Gebäude in Blatten schon im Oktober mit Strom versorgen. „Die Bewohner können zurück in diese Gebäude, temporär, nicht dauerhaft“, skizziert Bellwald den Plan. „Auch können sie Material aus ihren Häusern nehmen, das sie vielleicht für den Winter brauchen, warme Kleidung etwa.“

Über die nächsten Jahre will Bellwald die öffentliche Infrastruktur errichten: Gemeindekanzlei und Verwaltung, die Dorfstraße, Beleuchtung, Brunnen, Tiefgarage, ein Vereinshaus. Und wo kommt das Geld her? Die benötigten Schweizer Franken, bis zu 30 Millionen, sollen aus der Kantonskasse fließen.

Diejenigen Blattner, die an dem wagemutigen Projekt mitwirken, können ihre Häuser neu bauen. Selbst die Kirche wird wieder in den Walliser Himmel ragen. Ihre Glocken sollen von der Auferstehung des jahrhundertalten Dorfes künden. Doch noch ist das alles Zukunftsmusik. Das weiß auch der energische Bürgermeister. „Das, was Sie hier sehen, ist nicht das Dorf“, erläutert Bellwald und zeigt in Richtung Blatten. „Das ist der Ausläufer der 2,5 Kilometer langen Schutthalde.“

Die Mitschuld des Klimawandels kann nicht ausgeschlossen werden

Die kolossale Halde entstand am 28. Mai. Nachmittags waren große Teile des Birchgletschers abgebrochen, auf den zuvor Gesteinsmassen gefallen waren. Eine Lawine aus Millionen Kubikmetern Geröll, gespickt mit Bäumen, Erde und Eis polterte auf Blatten hinunter. Der wilde Strom zerstörte Häuser, Gehöfte und Hotels, riss Straßen und Wege hinweg und zermalmte das Gotteshaus. Fast alle zunächst unversehrten Gebäude versanken im Schlamm der aufgestauten Lonza. Der Schutt türmte sich an einigen Stellen bis zu 200 Meter hoch. Die Blattner büßten so gut wie alles ein, was sie hatten.

Fachleute betonten nach dem Desaster: Die Mitschuld des Klimawandels kann nicht ausgeschlossen werden. Die Zürcher Gletscherexpertin Mylène Jacquemart stellte auch klar: „Das ganze Ausmaß eines Naturereignisses wie im Lötschental ist nicht langfristig vorhersehbar.“ Immerhin hatten die Behörden rechtzeitig die Evakuierung der Bevölkerung abgeschlossen. Fast alle hatten somit Glück im Unglück. Nur Toni, der Schafhirt, befand sich während des Infernos mutmaßlich im Stall bei seinen Tieren. Der 64-jährige war das einzige Todesopfer von Blatten.

Im Nachbardorf Wiler harren nun die meisten der evakuierten Blattner aus, in Ferienwohnungen, bei Verwandten und Freunden. Einer von ihnen, ein Mann, Mitte 40, steht an diesem Oktobertag unschlüssig auf der Dorfstraße, kurz hinter der Käserei Lötschen. Auf die Frage, ob er aus Blatten stammt, reagiert er gereizt. „Ja. Aber ich will nicht darüber sprechen, schon gar nicht mit der Presse“, knurrt er. Zornig verschwindet er in einer Seitengasse. Evakuiert wurde auch Esther Bellwald, ihr Ehemann und ihre beiden Buben, 9 und 12 Jahre alt. Sie sitzt in dem Restaurant Sporting in Wiler. Viele Menschen aus Blatten treffen sich in der urigen Schankstube zum Erinnern. „Die Leute aus Blatten gehören zu unseren Stammgästen“, sagt die junge Kellnerin.

„Wir lieben die Berge noch immer“

Esther Bellwald betrieb bis zu dem unheilvollen Tag im Mai das traditionsreiche Hotel Nest- und Bietschhorn. Mit dem Bürgermeister ist sie entfernt verwandt. „Der Bergsturz hat unser Haus komplett zerstört und tief unter Geröll begraben“, sagt sie. Die Endvierzigerin spricht vom „Lebenswerk mehrerer Generationen“. Bevor sie und ihre Familie ihr Hotel für immer verließen, schloss sie noch die Fenster. Sie dachte, sie würden schnell wiederkommen. Esther zeigt zunächst keine Emotionen, doch dann wackelt ihre Stimme: „Ich glaube noch immer, das ist unmöglich.“

Doch die Frau aus den Bergen will die Prüfung meistern. Sie und Lukas Kalbermatten, ein anderer Ex-Hotelier aus Blatten, bauen eine neue Herberge. Das Hotel soll noch vor Weihnachten seine Pforten öffnen. Es entsteht in „Holzmodulbauweise“, rund 100 Meter neben der Skistation Lauchernalp. „Wir können das Land in den ersten fünf Jahren umsonst nutzen“, berichtet Lukas Kalbermatten. Sein Blick gleitet an der Talstation in Wiler hoch. Dort oben, auf der Lauchernalp, soll bald also seine Zukunft beginnen.

Kalbermatten verlor in Blatten sein Hotel Edelweiss. Das Video, das er von dem Sturz des Gletschers machte, ging im Netz viral. Der frühere und künftige Hotelier verabschiedet sich und sagt im Weggehen: „Wir können das neue Hotel nach einiger Zeit abbauen und, wer weiß, vielleicht in dem neuen Blatten noch einmal hochziehen.“

Wird ein blühendes Neu-Blatten jemals entstehen? Das dürfte auch vom Verhältnis der Menschen zur Natur abhängen. Nur wenn die Blattner mit der riskanten Umwelt im Reinen sind, werden sie zurückkehren. So sehen das viele im Lötschental.

„Wir haben schon immer mit dieser Natur gelebt, mit diesen Naturgewalten“, erzählt Bürgermeister Bellwald. „Unsere Einstellung hat sich nicht geändert. Wir lieben die Berge noch immer.“