Der Stuhl von Bundestrainer Joachim Löw wackelt. Foto: AFP/INA FASSBENDER

Die Alarmzeichen rund um Joachim Löw, sie schrillen immer lauter. Nach der peinlichen Blamage der DFB-Elf in der WM-Qualifikation gegen Nordmazedonien nehmen die Diskussionen um den umstrittenen Bundestrainer wieder rasant an Fahrt auf, meint unser Nationalmannschafts-Reporter Marco Seliger.

Duisburg/Stuttgart - Vor dem Spiel gegen Nordmazedonien freute sich Joachim Löw noch über die neue Kompaktheit seines Teams. Der Bundestrainer sprach von Dingen, die man deutlich besser gemacht habe als noch im vergangenen Herbst. Löw sprach nach den Erfolgen in der WM-Qualifikation gegen Island (3:0) und Rumänien (1:0) auch von guten Abläufen, defensiv wie offensiv.

 

Hinterher ist man bekanntlich immer schlauer – weshalb Löw nach der Blamage gegen den Weltranglisten-65. nun eher weniger von guten Abläufen sprach. Sondern nach dem 1:2 das tat, was ihm, den Freigeist aus Schönau im Schwarzwald, so fremd und zuwider ist wie sonst nur ein sinnloser langer Ball nach vorne: Joachim Löw drosch Durchhalteparolen.

Durchhalteparolen vom Bundestrainer

„Auf keinen Fall dürfen wir jetzt völlig den Glauben verlieren an die Stärke, die die Mannschaft hat. Auf keinen Fall dürfen wir auch das Gefühl verlieren, dass wir in der Lage sind, ein sehr gutes Turnier zu spielen. Es nützt jetzt nichts, irgendwelche Alibis zu suchen.“

Ja, das alles waren Löw-Sätze vom späten Mittwochabend, die fast so klangen als sei er gerade der Trainer des FC Schalke 04. Es gab viele Alarmzeichen, aber dass Löw zwei knapp zwei Monate vor der EM nicht mehr Löw ist und irgendwie wie Peter Neururer vor 25 Jahren als Retter im Kampf gegen den Abstieg redete, das ist vielleicht das größte.

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Wenig also ist mehr stimmig rund um die DFB-Elf und ihren Coach nach diesem Offenbarungseid von Duisburg, der in seiner Peinlichkeit und seiner Wirkung ähnlich zu bewerten ist wie das historische 0:6 gegen Spanien in Sevilla im November. Und, auf anderer Ebene, auch so wie das Vorrunden-Aus bei der WM 2018 in Russland.

All diese krachenden Blamagen hat der Weltmeistertrainer Joachim Löw mitsamt den damaligen und heutigen Chefs beim DFB zu verantworten. Und die Frage ist nicht mehr nur, warum nicht schon früher der Schlussstrich unter die Ära Löw, die lange eine Erfolgsära war, gezogen wurde – von Löw selbst oder für Löw, von seinen Bossen.

Macht das Festhalten an Joachim Löw noch Sinn?

Die Frage ist jetzt, knapp zwei Monate vor der EM, ob es noch Sinn macht und verantwortungsvoll ist, mit einem derart belasteten und öffentlich angezählten Bundestrainer in sein letztes Turnier zu gehen. Und ob es nicht schon jetzt klüger wäre, Löw sofort durch den verfügbaren Ralf Rangnick oder den verfügbaren Stefan Kuntz zu ersetzen und die Nachfolge damit vorzuziehen.

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Klar gibt es Gründe dagegen. Das Risiko mit einem neuen Trainer mit dieser Kurzfristigkeit vor der EM wäre groß. Und es gab ja immerhin das zarte Pflänzchen namens Hoffnung nach den jüngsten Siegen gegen Island und Rumänien, das jetzt durch den peinlichen Auftritt vom Mittwochabend aber wieder verwelkt ist. Es gab einen Bundestrainer, der nach der Rücktrittsverkündung für den Sommer befreit und frisch motiviert wirkte in der vergangenen Länderspielwoche. Es gibt in dieser Mannschaft keinen Profi, der gegen Löw spielt oder der gegen Löw ist. Die Aussagen fast aller Spieler, ihrem Trainer bei der EM einen tollen Abschied schenken zu wollen, sind mehr als bloße Lippenbekenntnisse. Löw, dessen Verdienste immer unbestritten bleiben werden, ist zumindest intern keine ‚lame duck’.

Und seine Elf könnte, wenn sie in den knapp drei Wochen Vorbereitung intensiv zusammenarbeitet, zumindest konkurrenzfähig sein bei diesem Turnier im Vergleich mit den derzeit ganz Großen wie Frankreich. Löw hat es bewiesen in der Vergangenheit, dass er seine Mannschaften in den Vorbereitungen auf große Turniere auf den Punkt in Topform bringen kann.

Offenbarungseid gegen Nordmazedonien

Allerdings: Nach dem Offenbarungseid gegen Nordmazedonien ist die jüngst ausgerufene Aufbruchsstimmung schon wieder dahin. Löw, spätestens nach dem 0:6 gegen Spanien ohnehin schwer angeschlagen und angezählt, geht nun mit der größtmöglichen Hypothek in die nächsten Wochen.

Die Stimmung um ihn und seine Mannschaft könnte mieser nicht sein. Das 0:6 von Sevilla, das ist die Lehre aus dem 1:2 gegen Nordmazedonien, war wohl doch kein einmaliger Ausrutscher, wie es sich viele Beteiligten hinterher eingeredet haben. Sondern eine Folge der Entwicklung in den vergangenen drei Jahren, in denen es nur noch einen Sieg gegen eine so genannte große Fußballnation gab (3:2 gegen die Niederlande im Jahr 2019). Oder anders: Die WM 2018 war miserabel, und der von Löw ausgerufene Umbruch danach ist nun nach einigen Höhen zwischendurch an einem neuen Tiefpunkt angelangt – zur Unzeit, kurz vor der EM.

Gegen den Fußballzwerg Nordmazedonien war jedenfalls nicht nur die Leistung der Mannschaft schlecht – auch der Bundestrainer überzeugte nicht. Die neue Kraft, die er kürzlich vor dem Start ins Länderspieljahr vermitteln wollte, konnte er auf seine müde und konfus auftretende Elf nicht übertragen. Es war ein erschreckender Auftritt – von der Mannschaft UND vom Trainer.

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Die Müdigkeit seiner Spieler, die der Bundestrainer hinterher als einen Grund für die Leistung bemühte, darf dabei keine Entschuldigung sein, da Löw einige dieser müden Jungs auch hätte schonen und stattdessen frische Kräfte wie Florian Neuhaus auf den Platz hätte schicken können. Fakt ist: Löw tigerte während der sich immer stärker entwickelnden Negativdynamik und dem Momentum im Spiel gegen seine Mannschaft zwar wie eine Großkatze durch die Coaching-Zone, er gab laute Anweisungen („keine langen Bälle“, „Außen besetzen“) und fuchtelte mit den Armen – er hatte aber keine Ideen, um entscheidend einzuwirken.

Rufe nach Thomas Müller und Mats Hummels werden immer lauter

Fakt ist: Die öffentlichen Rufe nach Thomas Müller und Mats Hummels, also nach erfahrenen und widerstandsfähigen Spielern, werden nun noch lauter. Und Fakt ist auch: In dieser Verfassung scheint diese wackelige Mannschaft mit Blick auf die EM Halt zu brauchen, auch wenn eine Nominierung der beiden Weltmeister noch lange kein gutes Turnier garantiert. Löw aber sollte in dieser Lage nach jetzigem Stand wohl jeden geeigneten Stabilisator mit zur EM nehmen, den er zur Verfügung hat. Ansonsten droht ihm Sommer mehr denn je ein trauriger Abgang.

Wenn er bis dahin noch im Amt bleibt.