Silke Müller ist Bestsellerautorin, Schulleiterin und Digitalbotschafterin Niedersachsens. Am 21. Januar hält sie einen Vortrag in Leinfelden. „Wir verlieren unsere Kinder“, so der Titel der Veranstaltung – mit traurigem Anlass.
Dieser Unfalltod hat viele auf den Fildern aufgerüttelt: Im Sommer 2023 ist ein Achtjähriger ums Leben gekommen, weil er sich in seinem Zimmer stranguliert hat. Mutmaßlich hat der syrische Junge die Blackout-Challenge auf Tiktok gesehen und sich daran orientiert. Wobei die Polizei einen direkten Zusammenhang mit dem Wettbewerb nicht bestätigt hatte. Der Verein Lebenswertes L.-E. hat nun Silke Müller für einen Vortrag nach Leinfelden geholt. Die Schulleiterin, Digitalbotschafterin und Autorin wird Screenshots von Dingen zeigen, die Kindern auf Social-Media-Plattformen zugemutet werden; die sie belasten und traumatisieren können. „Man wird schockiert aus dem Abend gehen, aber möglicherweise auch mit einer Hilfestellung, was man gegen diesen Schockzustand tun kann“, sagt sie. Ein Gespräch vorab.
Frau Müller, werden Sie in Leinfelden Bezug zu dem Fall auf den Fildern nehmen? Oder wird es der Vortrag werden, den Sie in jeder anderen Stadt halten könnten?
Es wird eine Mischung aus beidem sein. Es ist wichtig, nichts zu verschweigen und zu erklären, was es mit diesen Challenges auf sich hat, die auf Social-Media-Plattformen zu sehen sind, und wie man schützen kann. Der größte Schutz ist, ein Bewusstsein dafür zu haben, dass es eine Gefährdungslage im Netz gibt. Wenn es einen solch tragischen Fall gegeben hat, ist das ein Anlass zu sagen: Leute, das ist ein Kind, dem das passiert ist. Im Landkreis Kassel hat es im April im Übrigen einen bestätigten Fall gegeben. Dort hat sich ein 13-jähriges Mädchen im Kinderzimmer stranguliert und sich dabei versehentlich das Leben genommen.
Hätte man den Jungen oder das Mädchen retten können, wenn im Vorfeld irgendetwas anderes gelaufen wäre? Es beispielsweise mehr präventive Angebote gegeben hätte?
Nein, dazu würde ich auch nicht wagen, mich zu positionieren. Es ist wichtig Kinder und auch Erwachsene vorzubereiten, denn Aufklärung ist der größte Schutz. Medienkompetenz hilft. Es ist aber auch eine Bürde, wenn wir Kindern auferlegen, Selbstverantwortung für Dinge zu übernehmen, wo wir als Erwachsene verpasst haben, Verbote auszusprechen. Die Betreiber der Plattformen müssen in die Verantwortung gezwungen werden, dass solche Challenges oder Trends gar nicht mehr zur Verfügung gestellt werden. Es fängt ja damit an, dass solche Inhalte gar nicht an Kinder gelangen dürften.
Es gibt zu wenig Gesetze?
Die EU kann die Plattform-Betreiber mit finanziellen Sanktionen belegen, wenn sie sich nicht genügend um Kinderschutz bemühen. Das reicht aber nicht aus. Es braucht überall dort, wo Menschen aufeinandertreffen Gesetze – und das haben wir im Netz trefflich verpasst. Mein Herzenswunsch wäre, dass es im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag irgendwann die Festlegung gibt, kein Smartphone vor 14 Jahren.
Versagt hat also der Gesetzgeber?
Ja, aber auch die Gesellschaft an sich. Wir sollten uns alle dafür schämen, dass wir uns nicht mehr einsetzt haben, dass wir Erwachsene auch schlechte Vorbilder sind. Wir haben alle ziemlich die Kontrolle darüber verloren, wie die Welt in sozialen Netzwerken entgleitet.
Welche Ratschläge geben Sie?
Beispielsweise, dass ein Smartphone zur Schlafenszeit nichts im Kinderzimmer zu suchen hat. Denn in der dunklen Zeit sind die dunklen Inhalte immer am Schlimmsten. Und die Kinder schlafen einfach zu wenig, weil sie noch viel zu lange an dem Gerät hängen. Es können zuhause auch gemeinsame Mediennutzungsverträge abgeschlossen werden. Ich werde auch Hinweise für Schulen geben. So könnten Schulleitungen beispielsweise Elternbriefe zum Thema gefährliche Challenges schreiben.
Die Umsetzung der Tipps wird nicht einfach sein, Kinder lieben ihr Handy, verteidigen die Videos, die sie auf Tiktok oder Youtube gerne anschauen.
Kinder suchen im Netz nicht nach gefährlichen oder brutalen Inhalten. Sie werden damit aber förmlich überschwemmt. Das ist die Problematik. Schwierige Videos landen in der Timeline, also der persönlichen Angebotsleiste einer Plattform. Bildschirmaufnahmen landen in der Klassengruppe und sind damit dann doch für alle zu sehen. Total vernachlässigt wird auch der passive Medienkonsum, ich sitze also neben jemandem, starre mit auf dem Bildschirm und sehe so Dinge, die ich gar nicht sehen will . . .
Warum ist es dennoch keine gute Lösung, Kindern das Handy wegzunehmen oder die Mediennutzungszeit stark einzuschränken?
Wenn wir nur mit Verboten arbeiten, das Handy ständig entziehen, werden Kinder schnell zu Außenseitern. Zumal man auch in fünf Minuten auf der Datenautobahn trefflich unter die Räder kommen kann. Wir Erwachsene haben zugelassen, dass das Handy zum Bestandteil unserer Kommunikation geworden ist. Auch für Kinder ist dieses Gerät wichtig zur Freundschaftspflege. Das Medium gehört leider heute zur Kinder- und Jugendkultur dazu. Solange die meisten Kinder spätestens zum Beginn der fünften Klasse ein Handy bekommen, müssen wir sie auf diesem Weg begleiten, ihnen immer ein guter Ansprechpartner sein.
Die Vita
Silke Müller ist Rektorin einer Oberschule im Landkreis Oldenburg. Sie wurde 2021 als erste Digitalbotschafterin Niedersachsens ausgezeichnet und schreibt Bücher. 2023 ist ihr Buch mit dem Titel „Wir verlieren unsere Kinder“ erschienen. Demnach ist nicht die Dauer der digitalen Medien-Nutzung das Problem, sondern die Inhalte, welche die Kinder konsumieren. 2024 hat sie mit dem Buch „Wer schützt unsere Kinder“ nachgelegt. Darin warnt Silke Müller davor, Kinder mit künstlichen Intelligenzen allein zu lassen.
Der Vortrag
Am Dienstag, 21. Januar, von 19 Uhr an, spricht Silke Müller in der Filderhalle darüber, welche Schattenseiten es in der Online-Welt gibt und wie Schule und Eltern die Kinder dafür sensibilisieren können. Veranstalter ist der Verein Lebenswertes L.-E. Er wird von anderen Vereinen, der VHS und der Stadt unterstützt. „Ausschlaggebend für die Veranstaltung war der tragische Unfalltod des Jungen im vergangenem Jahr“, erklärt Vereinsvorsitzende Monika Heilmann. Das Thema Social Media, der Umgang mit dem Handy gewinne in allen Schulen und Familien an Bedeutung. Der Vortrag kostet acht Euro im Vorverkauf, an der Abendkasse 15 Euro. Karten gibt es in der Buchhandlung Ebert in Echterdingen, bei Optik Blickpunkt in Leinfelden. Online können Tickets unter: www.eventfrog.de/lebenswertes gebucht werden.