Zehntausende sind nach dem Tod von George Floyd vor gut einem Jahr auch in Deutschland auf die Straße gegangen, um gegen Rassismus zu demonstrieren. Die Hoffnungen damals waren groß. Was hat sich seither verändert – und wie sehen Schwarze Deutsche die Situation heute?
Stuttgart - Es war das erste Mal, dass Nadia Asiamah eine Demonstration organisierte, überhaupt das erste Mal, dass sie für ein politisches Anliegen auf die Straße ging. Doch das Video vom gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd durch einen weißen Polizisten in den USA hatte zu viel in ihr ausgelöst. Also tat sich die Stuttgarterin mit Perla Londole aus Mainz zusammen, die sie von Instagram kannte. Über die sozialen Medien planten die beiden einen stillen Protest, eine Silent Demo zum Gedenken an Floyd. Und immer mehr überwiegend junge Menschen schlossen sich ihnen an.
Am Ende waren es Zehntausende, die am 6. Juni 2020 in rund 20 deutschen Städten gegen Rassismus auf die Straße gingen. Sie gedachten auf Knien, reckten die Fäuste, teilten Erfahrungen mit Alltagsrassismus und hielten Pappschilder hoch, auf denen „Black Lives Matter“ stand. Und immer wieder riefen sie die letzten Worte von George Floyd: „I can’t breathe“. Auf der Bühne vor dem Stuttgarter Schauspielhaus sagte Nadia Asiamah: „Ich möchte, dass ihr diesen Tag niemals vergesst und wir mit Veränderung in die Zukunft gehen.“ Die Leute jubelten. Es schien, als sei in wenigen Tagen eine neue, große Bewegung entstanden, die die Gesellschaft nachhaltig verändern könnte.
Durch die Proteste hat sich durchaus etwas verändert
Fast ein Jahr ist das nun her. „Ich hatte damals sehr große Hoffnung“, sagt Nadia Asiamah heute. Inzwischen blickt sie ein wenig nüchterner auf die Dinge: „Wir haben gemerkt, dass es wirklich schwer ist, politisch was zu verändern.“ Nach den großen Demonstrationen Anfang Juni haben die jungen Aktivistinnen und Aktivsten um Nadia Asiamah und Perla Londole weitere Proteste geplant und die Black Community Foundation (BCF) gegründet. Doch wegen der Pandemie mussten viele Aktionen ins Internet verlagert werden. „Dadurch sind das Interesse und die Motivation runter gegangen“, sagt Asiamah.
Und dennoch habe sich durch die Proteste durchaus etwas verändert, findet die 23-Jährige, die inzwischen überwiegend in der Schweiz lebt. „Viele weiße Menschen sind sensibler geworden und achten mehr darauf, was sie sagen. Manche sind auch einfach interessiert und fragen nach, ob sie dies oder das so sagen können.“ Seit dem vergangenen Jahr bekomme die BCF Stuttgart immer wieder Anfragen von Unternehmen zu Antirassismus-Workshops. Und Schwarze in Deutschland seien näher zusammengerückt, findet Nadia Asiamah. „Früher haben viele Schwarze den Rassismus oft einfach akzeptiert und versucht, nicht so aufzufallen. Aber die jüngere Generation heute wehrt sich eher laut, wenn ihr was nicht passt.“
Die Proteste nach dem Mord an George Floyd waren größer als bisher
Dabei machen Schwarze Aktivistinnen und Aktivisten in Deutschland seit Jahrzehnten auf die Diskriminierung aufmerksam. Und auch die „Black Lives Matter“-Bewegung formierte sich hierzulande schon 2016. „Durch den Mord an George Floyd wurde das Rassismusproblem aber auf eine so drastische Art sichtbar, wie das vorher nicht der Fall war“, sagt Tahir Della von der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD). Die Proteste, die der Tod auslöste, waren größer als bisherige – und auf einmal seien Themen in den Blick genommen worden, deren Diskussion lange eher verweigert worden sei: das Erbe des deutschen Kolonialismus etwa oder Rassismus in Institutionen.
Doch während sich in der Zivilgesellschaft etwas getan habe, ist das aus Dellas Sicht in vielen Unternehmen, Medien oder Behörden bislang noch zu wenig der Fall. Als Beispiel nennt er rassistische Polizeigewalt, die wie Racial Profiling oder rassistische Einstellungen bei der Polizei nicht systematisch untersucht und adressiert würden. Seit dem Jahr 1990 habe es laut der Kampagne „Death in Custody“ hierzulande 183 Todesfälle Schwarzer Menschen oder People of Color durch Polizeigewalt oder in Gewahrsam gegeben. Häufig werde bei rassistischen Vorkommnissen schlicht von Einzelfällen gesprochen, sagt Tahir Della: „Wenn dagegen Strukturen in den Blick genommen werden, bedeutet das natürlich für die, die bisher von genau diesen Strukturen profitiert haben, dass es damit dann vorbei ist.“
Rassismus ist ein strukturelles Problem, sagt Natasha A. Kelly
Auch die Kommunikationswissenschaftlerin und Soziologin Natasha A. Kelly beobachtet, dass Rassismus häufig auf eine individuelle Ebene reduziert wird. „Er äußert sich aber nicht unbedingt durch bewusstes Handeln einzelner Leute, sondern ist tief in die Strukturen der Gesellschaft eingeschrieben“, sagt Kelly.
In ihrem jüngst erschienen Buch „Rassismus. Strukturelle Probleme brauchen strukturelle Lösungen!“ fordert sie, den Blick auf zentrale Institutionen wie Schule, Universitäten und Polizei zu richten. Rassismus schaffe Machtstrukturen – und die wiederum schaffen Zugänge oder eben Ausschlüsse, sagt Kelly: Wer erreicht etwas, wer kann sprechen, wer wird gehört? „Es braucht in Deutschland eine Institutionalisierung von Black Studies, um Schwarze Deutsche Geschichte zu erzählen. Es braucht eine eigenständige Antirassismusforschung, und die Themen müssen im Bildungsbereich Eingang finden.“
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Immerhin, findet auch Kelly, bewege sich etwas. So sei die Kehrseite von Rassismus – weiße Vorherrschaft – lange nicht reflektiert worden. Erst seit den Protesten im vergangenen Sommer würden sich mehr weiße Menschen mit ihrer Position, ihren Privilegien befassen. „Ich würde mir aber wünschen, dass weiße Menschen ihre Befindlichkeit ablegen, wenn wir Kritik üben.“
Das Bundeskabinett hat eine Liste von Maßnahmen gegen Rassismus beschlossen
Ende vergangenen Jahres hat das Bundeskabinett einen 89-Punkte-Plan gegen Rechtsextremismus und Rassismus beschlossen. Darin geht es etwa um die Förderung eines stärkeren Bewusstseins für Rassismus, um mehr Prävention, mehr Forschung und mehr Unterstützung jener, die von Diskriminierung betroffen sind. Aber auch ein Lagebild zu Rechtsextremismus in den Sicherheitsbehörden steht auf der Liste, zudem soll rassistische Hetze künftig strafbar werden. Für die Umsetzung des Pakets seien vor allem die jeweiligen Ministerien zuständig, hieß es damals vom Bundesinnenministerium. Beschlossen sind bisher allerdings nur Eckpunkte für das sogenannte „Wehrhafte-Demokratie-Gesetz“, mit dem Prävention und Forschung gestärkt werden sollen. Wann tatsächlich ein konkretes Gesetz kommt, ist offen.
Auch wenn die Antirassismusbewegung zuletzt weniger laut war: Aufgeben will Nadia Asiamah nicht. Dass es noch viel zu tun gibt, findet auch sie – was die Verwendung von beleidigenden Begriffen angeht zum Beispiel, die Chancengleichheit oder den fairen Handel mit afrikanischen Ländern. Aber auch Alltagsrassismus sei nach wie vor durchaus präsent. „Wir hoffen darauf, dass wir im Sommer auch wieder größere Veranstaltungen vor Ort machen können“, sagt die 23-Jährige. „Ich würde mir wünschen, dass dann auch die Politik das Thema endlich richtig angeht.“