Black-Jackets-Prozess Die meisten Prügler kommen auf freien Fuß

Von George Stavrakis 

Ende eines Mammutverfahrens: Am Montag wurden 21 Mitglieder der Jugendbande Black Jackets verurteilt – 18 Angeklagte sind jetzt auf freiem Fuß. Foto: dpa
Ende eines Mammutverfahrens: Am Montag wurden 21 Mitglieder der Jugendbande Black Jackets verurteilt – 18 Angeklagte sind jetzt auf freiem Fuß. Foto: dpa

Mammutverfahren gegen 21 Mitglieder der Jugendbande Black Jackets geht nach zweieinhalb Jahren mit Schuldsprüchen zu Ende.

Stuttgart - Eine Frau weint bittere Tränen. Als ihr Sohn im Gefangenentransporter vor der Justizvollzugsanstalt Stammheim an ihr vorübergefahren wird, bricht sie endgültig zusammen. Wenige Meter davon entfernt herrscht dagegen ausgelassene Stimmung. Mehrere junge Männer fallen sich um den Hals, Schultern werden geklopft, es wird gelacht, manche üben sich schon wieder in Macho-Gesten. Es ist das Ende des Prozesses gegen Mitglieder der Jugendgang Black Jackets, und die Gefühlslagen könnten nicht unterschiedlicher sein.

Die 2. Strafkammer des Landgerichts Stuttgart hat elf der Angeklagten wegen versuchten Totschlags und wegen schwerer sowie gefährlicher Körperverletzung, zehn Männer lediglich wegen schwerer Körperverletzung verurteilt. Die Gefängnisstrafen reichen von zwei Jahren und elf Monaten bis zu knapp acht Jahren. Just der 22-Jährige, dessen Mutter vor den Gefängnistoren zusammenbricht, hat mit sieben Jahren und neun Monaten die höchste Strafe kassiert.

Die meisten der verurteilten Prügler kommen sofort auf freien Fuß, weil sie zum Teil schon über drei Jahre in U-Haft gesessen haben. Nur drei Burschen bleiben in Haft. Deshalb feiern die einen ihre Freiheit, deshalb weint die Mutter des 22-Jährigen aus Ebersbach. „Das ist ein Urteil, das auch den Opfern gerecht wird“, sagt Oberstaatsanwalt Gernot Blessing. Der erfahrene Ankläger verkennt nicht, dass es für den am schlimmsten verletzten Mann keine wirkliche Wiedergutmachung geben kann. Der 29 Jahre alte Mann wird nie wieder gesund werden. Die Schläger hatten seinen Schädel zertrümmert, das Studium an der Fachhochschule musste er abbrechen, der ehemalige Bosch-Facharbeiter ist ein Pflegefall.

Beschluss, einen massiven Schlag gegen die Widersacher zu führen

Es ist der späte Abend des 26. Juni 2009. Im Fellbacher Clubhaus des Stuttgart-Chapters der multinationalen Black Jackets ist eine Sitzung im Gange. Mehrere Schwarzjacken beraten, wie man die konkurrierende Esslinger Jugendgruppe La Fraternidad (spanisch für Die Bruderschaft) in die Schranken weisen könne. Vorausgegangen waren mehrere Prügeleien und darauf folgende Vergeltungsaktionen.

Die Black Jackets wissen, dass sich just an diesem Abend eine Gruppe von Fraternidad-Leuten auf dem Hof der Waisenhofschule in Esslingen aufhält. Man schickt einen Späher los und beschließt, einen massiven Schlag gegen die Widersacher zu führen. Das Rollkommando wird auf verschiedene Autos verteilt, Schlagwerkzeuge werden eingeladen. „Spätestens jetzt war allen klar, dass ein massiver Angriff bevorsteht“, so Vorsitzende Richterin Sina Rieberg. Und es sei auch jedem klar gewesen, dass Schläge auf den Kopf, mit Baseball- und Totschlägern ausgeführt, potenziell tödlich sein können.

Auf dem Schulhof stehen zwei Gruppen: eine Abteilung der Konkurrenzbande und einige junge Leute, die sich vor dem Regen unter das Dach geflüchtet hatten. Darunter auch die späteren Opfer.

Der Angriff kommt schnell und mit Wucht. Schwarz gekleidete, vermummte und bewaffnete Gestalten stürzen brüllend auf die Gruppen zu und fangen an zu prügeln. Am Ende liegt der damals 26-Jährige röchelnd in seinem Blut. Hirnmasse tritt aus. Der Mann war völlig unbeteiligt, sein Leben ist ruiniert. Drei weitere Männer tragen tiefe Platzwunden davon, sie leiden bis heute unter Angstzuständen.

Eines der aufwendigsten Verfahren in der Stuttgarter Justizgeschichte

Das Gericht spricht dem am schlimmsten verletzten Opfer 90.000 Euro Schmerzensgeld und 120 Euro Monatsrente zu. An die anderen Opfer müssen die Angeklagten je 9200 Euro zahlen.

In wenigen Minuten ist der Spuk vorbei. Noch in derselben Nacht werden zwei Schwarzjacken festgenommen. Ein Zeuge hatte sich ein Autokennzeichen gemerkt.

In der Folge entwickelte sich eines der aufwendigsten Verfahren in der Stuttgarter Justizgeschichte: 21 Angeklagte, 42 Verteidiger, mehrere Nebenkläger, etliche Sicherheitskräfte bei jedem der 196 Prozesstage, die sich im Mehrzweckgebäude in Stammheim über zweieinhalb Jahre hinzogen. 76 Zeugen und acht Gutachter wurden gehört. Die Strafkammer musste sich mit rund hundert Beweisanträgen und mit zwei Dutzend Befangenheitsanträgen befassen.

„Ein ausgewogenes Urteil“, sagt Verteidiger Martin Stirnweiß. Allein er hatte rund 30 Beweisanträge gestellt. „Die waren notwendig. Schuldzuweisungen, wer für das lange Verfahren verantwortlich ist, sind nicht angebracht“, so Stirnweiß. Er habe im Sinne seines Mandanten gehandelt. Auch Verteidiger Bernd Kiefer lobt: „Juristisch eine sehr saubere Urteilsbegründung.“ Einige Verteidiger wie beispielsweise Boris Müller wollen indes Rechtsmittel einlegen. Sein Mandant sei mit sechs Jahren und drei Monaten zu hart bestraft.

Froh sind die Sicherheitskräfte. „Gut, dass es vorbei ist. Ich habe schon befürchtet, ich verbringe jetzt auch noch das dritte Weihnachten mit den Black Jackets in Stammheim“, so ein Justizwachtmeister.

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