In Großstädten wie Stuttgart ist der Anteil an Privatschülern besonders hoch. Sozialforscher sprechen von einer „zunehmenden Spaltung“. Die Gründe dafür sind jedoch nicht eindeutig.
Die kleinen Klassen. Betreuung auch außerhalb des Unterrichts. Das Gemeinschaftsgefühl. Wer sich bei Stuttgarter Eltern umhört, warum sie sich bei ihren Kindern für eine Privatschule entschieden haben, stößt auf viele Gründe.
Wissenschaftlich lässt sich allerdings kaum beantworten, wie häufig diese Faktoren tatsächlich den Ausschlag geben, wenn es um die Wahl des Schulträgers geht. „Für dieses Feld gibt es sehr wenig belastbare Daten“, sagt Rafael Frick von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. „Das ist eine einzige Black Box.“
Fast ein Fünftel ist in Stuttgart an Privatschulen
Fest steht jedenfalls, dass Privatschulen in der deutschen Bildungslandschaft eine gewichtige Rolle einnehmen. Stuttgart stellt dabei keine Ausnahme dar. Im Schuljahr 2023/24 besuchten in der baden-württembergischen Landeshaupstadt 58 431 Kinder und Jugendliche eine allgemeinbildende Schule. Davon gingen 10 865 Schülerinnen und Schüler – also fast ein Fünftel – auf eine Einrichtung in privater Trägerschaft.
In diese Kategorie fallen Waldorfschulen ebenso wie religiöse Bildungsinstitutionen und internationale Internate. „Es gibt ganz unterschiedliche Privatschulen“, sagt Frick. Er selbst kennt sich vor allem mit den konfessionellen Einrichtungen aus. So befragte er vor rund 15 Jahren mit seiner Kollegin Rosemarie Godel-Gaßner Eltern an zehn katholischen Mädchen-Realschulen in Baden-Württemberg zur Schulwahl.
Am häufigsten genannt wurde damals ein Faktor, den Frick als „das Atmosphärische“ bezeichnet. Bedeutet: „Die Schule macht einen heimeligen Eindruck, man fühlt sich wohl. Das kann zum Beispiel daher kommen, dass man an der Pforte gleich begrüßt wird.“ Als weitere Entscheidungsgründe ermittelten Frick und Godel-Gaßner das jeweilige Erziehungskonzept der Einrichtung – Reformpädagogisch? Werteorientiert? Musikalisch-künstlerisch? – sowie ihren Ruf in der Region.
Höheres Einkommen, weniger Migrationshintergrund
Pauschale Aussagen über Privatschulen ließen sich daraus aber nicht ableiten, sagt Frick. Sein Forscherkollege Marcel Helbig merkt an: „Die Frage ist bei so etwas auch immer, wie ehrlich die Antworten sind.“ Schließlich werde kaum jemand erzählen, das eigene Kind auf eine Privatschule geschickt zu haben, weil es dort besonders wenige Kinder aus sozial schwierigen Lagen gebe. „Dabei deutet sehr viel darauf hin, dass das einer der Hauptgründe ist“, sagt Helbig, der sich in Bamberg am Leibniz Institut für Bildungsverläufe (LIfBi) mit gesellschaftlichen Ungleichheiten beschäftigt.
Ein klares Indiz dafür ist seiner Einschätzung nach die soziale Zusammensetzung an Privatschulen. Das durchschnittliche Familieneinkommen und die elterlichen Bildungsabschlüsse sind dort Studien zufolge bundesweit höher, der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund dafür aber geringer als an staatlichen Schulen.
Besonders viele Privatschüler in Großstädten wie Stuttgart
In der Regel sei die Privatschul-Dichte in Großstädten besonders hoch, sagt Helbig. Dafür sprechen auch die Zahlen aus der Region Stuttgart. Insgesamt besuchen dort 7,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen an allgemeinbildenden Schulen eine private Einrichtung. Auf den Stadtkreis Stuttgart bezogen liegt der Anteil dagegen bei 18,6 Prozent, wie Daten des Statistischen Landesamtes zeigen. Für Helbig hängt dies unter anderem damit zusammen, dass im urbanen Raum der Wunsch nach sozialer Abgrenzung größer sei als im Ländlichen. Das betreffe auch die Schulwahl.
Der Ungleichheitsforscher macht keinen Hehl daraus, dass er solche Motive für problematisch hält. „Das führt zu einer zunehmenden Spaltung innerhalb der Schülerschaft, wo die einen mit den anderen nichts mehr zu tun haben.“ Zumal Privatschulen mit Kosten verbunden sind. 2024/25 lagen die durchschnittlichen Gebühren in Deutschland dem Statistischen Bundesamt zufolge bei jährlich 2042 Euro pro Kind. So könne leicht der Eindruck entstehen, dass sich finanziell besser gestellte Familien „aus dem öffentlichen Schulsystem ein Stück weit rauskaufen“, sagt Helbig.
Privatschulen mit offenem Herz
Zwar sind die Schulkosten meist – wie gesetzlich vorgesehen – nach dem Einkommen der Eltern gestaffelt. Rafael Frick von der PH Ludwigsburg erwähnt neben dem Finanziellen aber noch einen weiteren sozialen Trennfaktor. Einen, der im soziologischen Diskurs als Habitus geläufig ist. Was er damit meint, veranschaulicht Frick an einem anekdotischen Beispiel. So hätten ihn auf der Webseite einer namentlich nicht genannten Privatschule einmal „drei herzallerliebste Drittklässlerinnen“ angelächelt – „eine blonder als die andere und alle angezogen wie aus dem Katalog“. Frick fügt hinzu: „Als Arbeitsloser oder als frisch Migrierter traue ich mich da vielleicht gar nicht, überhaupt anzuklopfen.“
Gleichzeitig kennt der Forscher auch die Gegenbeispiele. Gerade über sein Fachgebiet, die Schulen in kirchlicher Trägerschaft, sagt er: „Die haben teilweise ein sehr offenes Herz für diejenigen, die aus sozial schwierigen Verhältnissen kommen.“ In Stuttgart erhält das Lessing-Gymnasium sogar Mittel aus dem Startchancen-Projekt des Kultusministeriums, das bedürftige Kinder und Jugendliche fördern soll. Allerdings: Dass die Privatschule in das Programm aufgenommen wurde, ist durchaus umstritten. Das zeigt einmal mehr: Das Thema Privatschulen polarisiert, in der Politik ebenso wie in der Wissenschaft.