Pierre-Enric Steiger leitet die Stiftung als Präsident Foto: Gottfried Stoppel

Die Björn-Steiger-Stiftung ist vor 50 Jahren nach einer Tragödie entstanden. Sie wollte sich mit ihrer Arbeit irgendwann selbst überflüssig machen. Ob das jemals gelingt?

Winnenden - Es ist der 3. Mai 1969: In Winnenden hat es angefangen zu regnen, der achtjährige Björn Steiger macht sich vom Schwimmbad aus auf den Heimweg. Ein Auto, das sich auf der Straße nähert, bremst kurz ab. Der Autofahrer setzt den Scheibenwischer in Gang, fährt dann aber weiter. In diesem Moment springt der Junge auf die Straße und wird von dem Wagen erfasst. Der Junge stirbt – nicht an den Folgen seiner Verletzungen, sondern während des Transports in eine Klinik an einem Schock. Hätte es nicht fast eine Stunde bis zum Eintreffen eines Krankenwagens gedauert, wäre er möglicherweise noch am Leben.

 

Der tragische Schicksalsschlag vor 50 Jahren hat nicht nur das Leben der Eltern Ute und Siegfried Steiger komplett umgekrempelt, es hat auch das Rettungssystem in Deutschland grundlegend reformiert. Denn das haben sich die Steigers schon kurz nach dem Tod ihres Sohnes zu ihrer Lebensaufgabe gemacht.

„Ihr Dickschädel hat sich durchgesetzt“

Jenen Anruf am 20. September 1973 wird Siegfried Steiger nie vergessen. Es ist 23 Uhr, am Apparat ist der damalige Bundespostminister Kurt Ehmke: „Herr Steiger, entschuldigen Sie die späte Störung. Ich bin noch beim Kanzler.“ Ehmke berichtet, dass man zuvor mit den Ministerpräsidenten der Länder zusammengesessen habe. Das Thema: die bundesweite Einführung einer einheitlichen Notrufnummer. „Ich darf Ihnen sagen – Sie werden sich freuen –, Ihr Dickschädel hat sich durchgesetzt.“ Vier Jahre lang hatten Siegfried Steiger und seine Frau Ute zuvor unermüdlich für die flächendeckende Einrichtung der Kurzwahlen 110 und 112 gekämpft. Später wurden weitere Dinge umgesetzt, die heute als selbstverständlich erscheinen: die Ausstattung der Straßen mit Notrufsäulen, Funkgeräte in Krankenwagen, die Luftrettung, ein Notarztwagen speziell für Babys.

Inzwischen leitet Björns jüngerer Bruder Pierre-Enric die Stiftung, sein Vater hat ihm das Präsidentenamt 2010 kurz nach seinem 80. Geburtstag übergeben. Auch den heute 47-Jährigen verfolgt das Schicksal seines Bruders, den er nie kennengelernt hat, zeit seines Lebens. „Er hat die Stiftung mit der Muttermilch aufgesogen“, sagt sein Vater. Bei wichtigen Verhandlungen im Hause Steiger war Pierre-Enric schon dabei – mit einem Spielzeug unter dem Tisch. Sein Beruf sei Berufung, sagt der gelernte Bankkaufmann, verhehlt auf Nachfrage aber nicht, dass er zwischenzeitlich auch mal versucht habe, sich dem riesigen Schatten, den sein Bruder bis heute wirft, zu entziehen.

Keine einheitlichen Qualitätsstandards

Er sei eingestiegen, weil er das Lebenswerk seiner Eltern noch nicht erfüllt sieht. Weil es trotz aller Errungenschaften nach wie vor – oder wieder – erhebliche Missstände im deutschen Rettungswesen gebe. Das fange bei den Leitstellen an, deren Zahl seiner Ansicht nach durch standardisierte Abfrageverfahren von zurzeit 178 auf bundesweit vier reduziert werden könne, und reiche bis zur Auflösung von Monopolstrukturen beim Patiententransport vor Ort. „Meine Eltern haben vor 50 Jahren eine Revolution angefangen. Es gab keine Gesetze, Regelungen oder Strukturen.“ Die seien geschaffen worden. Jetzt bedürfe es dringend einer Reform dieser Strukturen, „die einfach nicht mehr zeitgemäß sind“.

Vieles ist seiner Meinung nach systembedingt. Der Rettungsdienst liegt in der Verantwortung des jeweiligen Bundeslandes, es gebe keinen einheitlichen bundesweiten Qualitätsstandard. „Es kann nicht sein, dass man in Konstanz anders gerettet wird als in Bochum oder Buxtehude.“

Die Liste der Punkte, die dringend verbessert werden müssten, sei lang. Diese haben rund 30 Fachleute, Praktiker aus den Bereichen von Krankenkassen, Hilfsorganisationen und Behörden erst vor wenigen Tagen auf einem von der Steiger-Stiftung organisierten Fachkongress in Berlin thematisiert und am Ende einen gemeinsamen Forderungskatalog verabschiedet. Referenten aus unterschiedlichen Bereichen haben zudem Lösungsansätze vorgestellt und Best-Practice-Beispiele gezeigt.

Ein Trainingszentrum soll entstehen

Ein solches wollte man unlängst auch selbst geben. Die Stiftung hatte beim Land einen Antrag auf Anerkennung als Hilfsorganisation gestellt. Die Idee war, in einem beliebigen Landkreis den kompletten Rettungsdienst zu organisieren. „Wir wollten beweisen, dass wir nicht nur kritisieren, sondern es auch gut machen können“, sagt Pierre-Enric Steiger. Doch der Antrag sei abgelehnt worden. Die Begründung knapp zusammengefasst: kein Bedarf.

Die konkrete Arbeit geht der Stiftung deswegen nicht aus. Aktuell konzentriert man sich etwa darauf, ein Smartphone-basiertes Ersthelfer-Alarmierungssystem auszubauen oder Ausbildungskurse für Ersthelfer an Schulen bundesweit auszurollen. Ein Projekt für die nahe Zukunft ist ein Ausbildungsparcours, in dem die komplette Rettungskette – von der Notrufalarmierung über alle denkbaren Arten der Bergung bis hin zur Notaufnahme – realistisch geübt werden könne. Das Trainingszentrum soll binnen fünf Jahren in der Nähe des Berliner Flughafens entstehen.

Außerdem sind da noch die Auslandsaktivitäten. Die Steiger-Stiftung soll in China ein Rettungssystem nach deutschen Vorbild planen, aufbauen und betreiben. Auch wenn die konkrete Umsetzung etwas ins Stocken geraten sei, wie Steiger einräumt, ist er zuversichtlich, dort noch voranzukommen. Ähnliches gelte für Sri Lanka, zudem gebe es für den Bereich des Katastrophenschutzes entsprechende Anfragen einer Dachorganisation der Karibikstaaten.

Eigentlich, räumt Steiger ein, sei die Stiftung mit dem Satzungsziel angetreten, sich einmal selbst überflüssig zu machen – weil das Ziel, eine funktionierende Notfallhilfe in Deutschland, erreicht ist. Das ist auch sein Ziel, doch mittlerweile glaubt er, dass daran immer neu gearbeitet werden müsse – „weil wir auch in 20 Jahren vor Herausforderungen stehen werden, an die wir heute noch nicht denken“. Das Lebenswerk wird wohl ein ewiges bleiben.