Die Zeiten, in denen Bitcoins nur von Technikfreaks gekauft wurden, sind vorbei. Ein Grund für ihre wachsende Beliebtheit ist das Krisenmanagement der Notenbanken: die niedrigen Zinsen und die Furcht vor Inflation.
Frankfurt - Nach einem Anstieg auf über 40 000 Dollar (33 000 Euro) hat der Kurs der Kryptowährung Bitcoin einen Rückschlag erlitten. Trotz aller Schwankungen erfreuen sich die virtuellen Münzen wachsender Beliebtheit bei Investoren. Die Hintergründe.
Was ist Bitcoin?
Ins Leben gerufen wurde die Kryptowährung Ende 2008. Unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto wurde damals ein Konzept für ein Online-Zahlungsnetzwerk veröffentlicht, das ohne Banken auskommt. Der Name Bitcoin bezeichnet sowohl das Netzwerk als auch die einzelnen Recheneinheiten, mit denen in dem System gezahlt wird.
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Warum sind Bitcoins überhaupt etwas wert?
Anders als bei Euro oder Dollar gibt es keine Zentralbank, die einen stabilen Geldwert gewährleistet. Die Bereitschaft, für Bitcoins in echten Währungen zu zahlen, beschränkte sich deshalb zunächst auf Technik-Fans, die auf die Entstehung eines neuen Geldsystems hofften. Tatsächlich taugen Bitcoins bis heute nur eingeschränkt als Zahlungsmittel, weil die meisten Geschäfte die virtuellen Münzen nicht akzeptieren. Als Geldanlage sind sie dagegen schon seit Jahren gefragt. Das liegt vor allem daran, dass ihre Menge begrenzt ist: Das System wurde so konzipiert, dass maximal 21 Millionen Bitcoins erschaffen werden können.
Wie kam es zur jüngsten Kursexplosion?
Die Rallye begann im Oktober, als bekannt wurde, dass der Online-Bezahldienst Paypal seinen Kontoinhabern den Kauf und Verkauf von Bitcoin anbieten will. Der neue Service ist zunächst nur in den USA verfügbar. Ein weiterer Kurstreiber seien „Zweifel an der Politik der Notenbanken“, meint LBBW-Analyst Guido Zimmermann. Im Kampf gegen die Corona-Krise haben diese die Märkte erneut mit billigem Geld geflutet. Einige Anleger befürchten, dass dies die Inflation in die Höhe treiben könnte. Und viele sind angesichts der niedrigen Zinsen schlicht auf der Suche nach einer lukrativen Geldanlage. Der Anstieg des Bitcoin-Preises sei gewissermaßen „ein Verzweiflungsschrei, weil es sonst nirgendwo Rendite gibt“, meint Zimmermann.
Wer kauft Bitcoin?
Anders als in den Anfangsjahren sind auf dem Markt mittlerweile auch Großinvestoren aktiv. Der auf Bitcoin und andere Kryptowährungen spezialisierte Vermögensverwalter Grayscale Investments sammelte 2020 über zwei Milliarden Dollar an Kundengeldern ein, größtenteils von institutionellen Investoren. Auch das Interesse von Kleinanlegern ist gestiegen. So wurden über die Krypto-App der Börse Stuttgart, Bison, Kryptowährungen im Wert von 1,3 Milliarden Euro gehandelt. Die Zahl der Nutzer stieg auf 216000. Angebote wie die Bison-App oder spezielle Krypto-Fonds wie bei Grayscale nehmen ihren Nutzern die Mühe ab, eine elektronische Geldbörse für Bitcoin (Wallet) zu installieren und das dazugehörige Passwort zu verwalten. Diebstahl oder Verlust von Passwörtern haben schon zahlreichen Bitcoin-Anlegern enorme Verluste eingebrockt. Diese Gefahren können durch den Umweg über professionelle Finanzdienstleister gemindert werden – nicht allerdings die Kursrisiken. „Kryptowährungen haben sich als Asset-Klasse etabliert. Anleger sollten sich aber der gewaltigen Kursschwankungen bewusst sein“, sagt LBBW-Analyst Zimmermann. „Sie sollten allenfalls einen kleinen Prozentsatz ihres Geldes in Kryptowährungen stecken.“
Ist Bitcoin mit Gold vergleichbar?
Wegen des begrenzten Angebots gebe es Parallelen, meint Manuel Andersch, Analyst bei der BayernLB. Er erregte im Herbst 2019 Aufsehen mit einem Rechenmodell, das einen Anstieg des Bitcoin-Kurses auf 90 000 Dollar nahelegte. Inzwischen kursieren deutlich höhere Prognosen – die US-Bank JP Morgan veröffentlichte unlängst eine Analyse, nach der ein Bitcoin in einigen Jahren 146 000 Dollar wert sein könnte. Auch hier wurde die Kryptowährung als mögliche Alternative zu Gold bezeichnet. LBBW-Analyst Zimmermann ist skeptisch: „Die Menschheit hat sich schon vor 5000 Jahren darauf geeinigt, dass Gold etwas Wertvolles ist. Bitcoin ist trotz allem nur ein Eintrag in ein Register.“ Nach seiner Ansicht ist eine Preisprognose praktisch unmöglich, „zwischen 0 und 100 000 Euro ist alles denkbar“.
Bekommt der Bitcoin Konkurrenz?
Zimmermann verweist darauf, dass der Bitcoin durch andere Kryptowährungen abgelöst werden könnte: „Was, wenn sich zum Beispiel die von Facebook geplante Digitalwährung durchsetzt?“ Bei dem Facebook-Projekt, das kürzlich von „Libra“ in „Diem“ umbenannt wurde, ist allerdings keine Mengenbegrenzung vorgesehen. Zudem soll der Kurs dieser virtuellen Münzen an den Wert existierender Währungen gekoppelt und damit stabilisiert werden. Diem wäre damit als Zahlungsmittel interessanter als Bitcoin, aber gerade kein Spekulationsobjekt. Zwar gibt es auch Variationen wie Bitcoin Cash, die ebenfalls eine Mengenbegrenzung aufweisen. Bislang kommt der Kurs dieser durch eine Abspaltung vom Bitcoin-Netz entstandenen Kryptowährung an das Original aber nicht heran.
Kann das Netz zerschlagen werden?
Die Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, forderte am Mittwoch eine Regulierung von Bitcoin. Zur Begründung verwies sie darauf, dass die virtuellen Münzen für Geldwäsche und fragwürdige Geschäfte genutzt werden. Da das Bitcoin-Netzwerk über die ganze Welt verteilt ist, bedürfte es für eine Regulierung einer globalen Allianz – wie sie beispielsweise im Kampf gegen Steuerhinterziehung bislang nie zustande gekommen ist. Allerdings gibt es innerhalb des Bitcoin-Netzwerks durchaus Standorte, die eine besondere Bedeutung haben: So stehen viele große Rechenzentren in China. Während LBBW-Analyst Zimmermann ein mögliches Einschreiten Pekings durchaus als Risiko für Bitcoin sieht, erwartet sein Kollege Andersch von der BayernLB, dass in einem solchen Fall die Rechenzentren in anderen Ländern ausgebaut würden.