Cornelia Kaiser leitet seit vielen Jahren die Bismarckschule. Das Kollegium sei zu einem sehr guten Team zusammengewachsen und leiste viel für die Kinder im Stadtteil, sagt sie. Foto: Achim Zweygarth/privat

Schulleiterin Cornelia Kaiser kann es noch immer nicht fassen. Nach vielen Jahren, in denen sie sich zusammen mit ihrem Kollegium für die Bismarckschule eingesetzt hat, könnten die Werkrealschule in Stuttgart-Feuerbach und das gesamte Team nun einfach abgewickelt werden.

 

Hintergrund ist das neue Schulgesetz. Demnach bleibt die Werkrealschule zwar als Schulform bestehen, der Werkrealschulabschluss läuft aber aus. Werkrealschulen bieten künftig nur noch einen Hauptschulabschluss an. Den kann man aber nach wie vor auch an der Gemeinschafts- und an der Realschule machen. Vor diesem Hintergrund will sich die Stadt Stuttgart von der Werkrealschule verabschieden. Man geht davon aus, dass diese als eigenständige Schulform nicht mehr überlebensfähig sein wird.

Die Bismarckschule und das gesamte Kollegium stehen damit an einem Scheideweg. Anders als bei allen anderen Werkrealschulen in Stuttgart gibt es an diesem Standort keine Grundschule, an welche die Lehrkräfte wechseln könnten. Als Glücksfall erschien es dem Kollegium deshalb, dass in Stuttgart zwei neue Realschulen entstehen sollen, und zwar an den Standorten:

  • Rosensteinschule in Stuttgart-Nord und
  • Bismarckschule in Feuerbach.

„Wir wollten uns zusammen auf den Weg machen, uns fortbilden und eine richtig gute Realschule werden“, sagt Cornelia Kaiser. Das Kollegium sehe darin eine Chance – vor allem für die Kinder und Jugendlichen und den Stadtteil Feuerbach. „Das Klientel an der Schule würde weitgehend dasselbe bleiben“, sagt Cornelia Kaiser. Denn an der Realschule werde viel auf Hauptschulniveau unterrichtet. Die seit Jahren intensiv vorangetriebene Schulentwicklung könnte fortgesetzt, die über eine lange Zeit aufgebauten Kontakte in den Stadtteil hinaus könnten weiter gepflegt werden.

Wer an einer Realschule unterrichten darf

Doch daraus wird laut dem Staatlichen Schulamt nichts. Die Bismarckschule könne zwar Realschule werden – die Entscheidung darüber trifft der Gemeinderat der Stadt Stuttgart –, dann aber mit einem neuen Kollegium.

„An einer Realschule kann unterrichten, wer die Befähigung als Realschullehrkraft oder als Sekundarstufen-I-Lehrkraft erworben hat. Dasselbe gilt für die Schulleitung“, erklärt Birgit Popp-Kreckel, die stellvertretende Leiterin des Staatliche Schulamts (SSA). Die meisten Lehrkräfte an der Bismarckschule hätten jedoch nur die Lehrbefähigung für die Grund- und Werkrealschule, einschließlich der Schulleitung.

Das Staatliche Schulamt habe beim Regierungspräsidium eine hohe Anzahl an Plätzen für den Horizontalen Laufbahnwechsel beantragt, sagt Birgit Popp-Kreckel. Foto: Archiv Rüdiger Ott

Wer künftig an die Realschule wolle, müsse einen Horizontalen Laufbahnwechsel (Hola) machen, stellt das SSA klar. Dazu müsse die Lehrkraft zunächst an eine Realschule abgeordnet und zum Lehrgang zugelassen werden, um dann innerhalb von zwei Jahren und nach einer Überprüfung das höhere Amt zu bekommen. „Wir haben beim Regierungspräsidium Stuttgart bereits eine hohe Anzahl an Plätzen für Hola beantragt und gehen davon aus, dass wir aufgrund der besonderen Situation diese auch bekommen“, sagt Birgit Popp-Kreckel.

Für das Kollegium der Bismarckschule bedeutet das: „Bei der angestrebten Neueinrichtung einer Realschule am Standort kann nur ein kleiner Teil des Kollegiums, diejenigen die eine Lehrbefähigung für die Sekundarstufe 1 mitbringen, direkt übernommen werden“, so das Fazit des Amtes. Konkret sind es höchstens sechs von rund 30 Kolleginnen und Kollegen.

Die Lehrkräfte an der Schule bilden ein „super Team“

„Wir stehen alle unter Schock, die Stimmung ist im Keller“, sagt Cornelia Kaiser und ergänzt: „Wir Lehrkräfte sind gerne an dieser Schule, wir sind ein super Team.“ Das gesamte Kollegium sei hoch motiviert und unterrichte mit Herzblut. „Wir hatten gehofft, dass es eine Lösung für uns gibt.“ Die Idee sei gewesen, dass das Kollegium die Fortbildung parallel zum Auslaufen der Werkrealschule beziehungsweise Aufbau der Realschule am Standort Bismarckschule absolviere. Dass das nicht möglich sei, sei erst jetzt richtig klar geworden.

Nun seien alle wie gelähmt. „Viele fragen sich, wozu wir jetzt noch einen pädagogischen Tag machen oder weiter an unserer Schulentwicklung arbeiten sollen“, sagt Cornelia Kaiser. Mehrere Kolleginnen und Kollegen hätten bereits Versetzungsanträge gestellt.

Die Stadt Stuttgart erklärt in einer schriftlichen Stellungnahme, man sei „sehr daran interessiert, die überaus wertvolle Arbeit der Bismarckschule, das Wissen und das Können im Umgang mit heterogenen Schülergruppen sowie Netzwerke, Strukturen und Kooperationen nachhaltig zu sichern“. Dafür solle nach der Beschlussfassung des Gemeinderates eine Arbeitsgruppe gebildet werden, um möglichst viel Expertise und auch das heutige Kollegium in die Planungen einzubeziehen. Mit dem Staatlichen Schulamt sei man seit mehreren Monaten im Austausch.

Die Lehrkräfte an den Werkrealschulen seien gut qualifiziertes und hoch engagiert. Damit dieses wichtige Personal in Stuttgart gehalten werden könne, habe Bürgermeisterin Isabel Fezer sich in einem persönlichen Brief an die Ministerin Theresa Schopper gewendet und darum gebeten, im Dialog Lösungen zu erarbeiten, damit diese Lehrkräfte entsprechend eingesetzt werden können.