Leonarda Saravanja und Matthias Paluszek leiten den Ganztag an der Bismarckschule. Simone Brand ist dort Sozialarbeiterin. Foto: Achim Zweygarth

Die Bismarckschule soll Realschule und das Kollegium abgewickelt werden. Die Schulsozialarbeiterin und die Leiterin des Ganztags sagen, warum sie für die Lehrkräfte kämpfen.

Der Schock sitzt immer noch tief. „Wir weinen und hoffen, dass es doch noch eine Lösung gibt“, sagt Leonarda Saravanja, die zusammen mit Matthias Paluszek, den Ganztag an der Bismarckschule leitet. Die Werkrealschule in Stuttgart-Feuerbach soll eine Realschule werden – allerdings mit neuem Kollegium. Denn die meisten der Lehrkräfte haben keine Lehrbefähigung für die Realschule und müssten diese erst im Rahmen einer Fortbildung erwerben. Das gehe aber nicht parallel zum Aufbau der Realschule am Standort Bismarckschule. Das hatte das Staatliche Schulamt vor Kurzem klargestellt.

 

Leonarda Saravanja und ihr Team sind davon nicht direkt betroffen. Aber sie wollen die Lehrerinnen und Lehrer unterstützen, für sie kämpfen. „Nicht überall gibt es eine so enge Zusammenarbeit zwischen den Lehrkräften und den Kolleginnen und Kollegen im Ganztag“, sagt Saravanja. Es sei wie in einer großen Familie, man vertraue und helfe sich. „Wir sind eine tolle Gemeinschaft. Das kommt vor allem den Kindern zugute. Für sie ist das ein echter Mehrwert.“ Eine solche Gemeinschaft aufzubauen, das brauche viel Zeit. Darum dürfe sie jetzt nicht einfach zerschlagen werden, indem das Lehrerkollegium abgewickelt wird, findet Saravenja.

Arbeiterwohlfahrt ist Träger des Ganztags an der Bismarckschule

Träger des Ganztags an der Bismarckschule ist die Arbeiterwohlfahrt (Awo). Saravanja ist bereits seit zwölf Jahren dabei und alle in ihrem Team seit mindestens sieben Jahren. Sie unterstützen vormittags im Unterricht, gestalten die Mittagspause und bieten jede Woche 24 Projekte für die Schülerinnen und Schüler an. Es gibt sportliche und künstlerische Kurse, aber auch welche mit einem sozialen Schwerpunkt wie zum Beispiel School-Life-Balance.

„Die Kinder sind von 7.45 Uhr bis 15.45 Uhr in der Schule“, sagt Saravanja. So ein Tag bringe viele Höhen und auch einige Tiefen mit sich. Manche Mädchen und Jungen hätten Schicksale, die alles andere als leicht seien. Aber gemeinsam habe man es geschafft, einen schönen Ort für die Kinder zu gestalten. „Wir haben ein richtiges Nest für sie gebaut. Wenn Besonderes entstehe, dann nur durch die Menschen, die es schaffen.“

Professionalität würde verloren gehen

Das sieht Simone Brand genauso. Sie ist seit 25 Jahren bei der Caritas angestellt und arbeitet als Schulsozialarbeiterin in der Bismarckschule und in der Mobilen Jugendarbeit in Feuerbach. „Wenn man so ein erfahrenes Lehrerkollegium einfach austauscht, geht auch ganz viel Professionalität verloren“, prophezeit sie. Sie sei wütend und enttäuscht und finde das alles „unmöglich“. „Wie kann man so eine Expertise nicht mehr nutzen wollen?“

Die Bismarckschule habe über Jahre hinweg ein Netzwerk für die Mädchen und Jungen aufgebaut, sagt die Schulsozialarbeiterin Simone Brand. Foto: privat

Viele Menschen im Stadtteil würden mit dem Kopf schütteln – vor allem die, denen die Kinder am Herzen liegen. Die Bismarckschule habe über Jahre hinweg ein Netzwerk für die Mädchen und Jungen aufgebaut. Das werde verloren gehen, wenn Lehrerinnen und Lehrer nicht bleiben dürfen. „Eine neue Schulleitung kennt sich ja erst einmal überhaupt nicht aus“, gibt Brand zu bedenken. Vertrauen brauche viel Zeit. Es sei nicht selbstverständlich, dass die verschiedenen an einer Schule beteiligten Träger so gut, wertschätzend und respektvoll zusammenarbeiten wie bisher an der Bismarckschule. Auf die Weise habe viel Gutes entstehen können, das nun einfach kaputt gemacht werde.

„Uns allen blutet das Herz, Kolleginnen haben geweint“, sagt Brand. Man versuche, das Beste aus der Situation zu machen. Aber sie können auch jede Lehrkraft verstehen, die sich nun vorsorglich nach einer anderen Stelle umschaue.

„Die Arbeit der Bismarckschule wird im gesamten Stadtteil sehr geschätzt und ist wichtig für Feuerbach“, sagt der Bezirksvorsteher Nick Gumenick. Dies sei die einhellige Meinung im Bezirksbeirat. „Die gute Kooperation der verschiedenen Akteure wird sehr positiv gesehen.“ Dem Gremium sei es wichtig, dass die über Jahre aufgebaute Expertise, die Erfahrung und das Netzwerk auch in Zukunft Bestand haben.

Stuttgart will sich von der Werkrealschule verabschieden

Neues Schulgesetz
Die Bismarckschule soll von einer Werkreal- zu einer Realschule werden. Der Grund ist das neue Schulgesetz. Demnach bleibt die Werkrealschule zwar bestehen, der Werkrealschulabschluss läuft aber aus, künftig kann man dort nur noch den Hauptschulabschluss machen. Darum will sich die Stuttgarter Verwaltungsspitze komplett von der Werkrealschule verabschieden. Sie geht davon aus, dass diese als eigenständige Schulform nicht mehr überlebensfähig sein wird.

Neue Realschulen
Anders als an anderen Werkrealschulen in Stuttgart gibt es am Standort Bismarckschule keine Grundschule, an welche das Kollegium wechseln könnte. Vor diesem Hintergrund erschien es der Schulgemeinschaft zunächst als Glücksfall, dass zwei Werkrealschulen in Stuttgart zu Realschulen werden sollen: nämlich die Rosensteinschule und die Bismarckschule. Dann erfuhr das Kollegium jedoch, dass die meisten von ihnen den Weg zur Realschule nicht mitgehen können, weil eine parallele Weiterbildung zur Realschullehrkraft nicht möglich sei.