Papst Franziskus Foto: dpa

In Rom debattieren Bischöfe aus aller Welt über Ehe, Familie und Sexualmoral. Trotz gravierender Meinungsunterschiede sind die Oberhirten um Einheit bemüht.

Rom/Osnabrück - Wie stark muss sich die traditionelle römisch-katholische Lehre an die heutige Lebenswirklichkeit anpassen? Darüber streiten zurzeit die Bischöfe im Vatikan. Dabei geht es vor allem um den Umgang der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen. „Ist für Menschen, die unumkehrbare Brüche in ihrem Leben erlebt und erlitten haben, kein Platz am Tisch des Herrn?“ Das ist für den Berliner Erzbischof Heiner Koch eine zentrale Frage bei der zurzeit im Vatikan tagenden Bischofssynode. Nicht wenige Menschen zögen sich aufgrund der erlebten Zurückweisung mit ihren Kindern von der Kirche zurück, sagt er mit Blick auf wiederverheiratete Geschiedene.

„Eine gewisse Freiheit ist in die Kirche eingezogen“

Sie erwarte nicht allzu viel von dem dreiwöchigen Treffen im Vatikan, erklärt die Theologin Martina Blasberg-Kuhnke, die an der an der Universität Osnabrück lehrt. Aber zumindest hoffe sie, dass in anderer Weise als bisher ernst genommen werde, was sich an Realität im Bereich von Ehe und Familie weltweit zeigt. „Dafür steht Papst Franziskus. Unter ihm ist eine gewisse Freiheit in die Kirche eingezogen ist, vor Ort den Bedingungen gerecht werden zu wollen.“

Es gehe vor allem um einen anderen Blickwinkel, der nicht zuallererst dogmatisch und moralisch von der Lehre der Kirche geprägt, sondern praktisch-theologisch orientiert sei. „Die Kirche kann nicht an der Wirklichkeit, wie Katholiken Glaube und Familie leben vorbeigehen. Sie kann nicht die Paare und Familien zu den Problemfällen erklären, die nicht so ticken und leben, wie es die Kirche das gerne hätte. Es gibt auch etwas, was diese Glaubenden der Kirche zu sagen haben“, betont die Pastoraltheologin, die mit mehr als 200 anderen Theologieprofessoren das Memorandum „Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch“ unterzeichnete.

Ein neues „Vatileaks“?

Viele der Synodenteilnehmer – 270 Bischöfe, Experten und Ehepaare – betonen die gute Stimmung im Vatikan. Heikle Themen wie die Kommunion für wiederverheiratet Geschiedene und der Umgang mit Homosexuellen sind bisher nur am Rande erwähnt worden. Die Debatte wird auch öffentlich geführt. Den Synodenvätern steht es frei, ihre Reden zu veröffentlichen.

Ein italienischer Journalist verbreitete über seinen Blog einen privaten Protestbrief von 13 konservativen Kardinälen gegen die Arbeitsweise der Synode, die sie für manipuliert halten. Ein neues „Vatileaks“, befindet der Präfekt der Glaubenskongregation, Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller.

„Größere Autonomie für die Ortskirchen“

Über Ehe und Familie in Bezug auf Afrika, Europa, Amerika und Lateinamerika etwas aussagen zu wollen, sei fast unmöglich, meint Martina Blasberg-Kuhnke. Was sich unter diesem Label in den Ortskirchen verberge, sei so unterschiedlich und vielfältig, dass es ganz schwierig sei Ausssagen zu treffen, die nicht die einen enttäuschen und die anderen begeistern. „Die Herausforderung ist, dass die Aussagen wenigstens von allen verstanden werden. Wenn es gelingt, den nationalen Kirchen und ihren Gläubigen eine größere Autonomie zu gewähren, wäre das ein großer Fortschritt.“

Wie eine Lösung der Gegensätze zwischen konservativen und reformorientierten Bischöfen bei der bis zum 25. Oktober im Vatikan tagenden Versammlung aussehen könnte, deutet Kardinal Müller an. Er gilt als Wortführer der Gegner der von Papst Franziskus offensichtlich befürworteten Veränderungen. Bei der Frage nach der Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion räumt Müller jedoch ein: „Man kann über die Bedingungen der einzelnen Fälle diskutieren, aber eine allgemeingültige Regelung ist nicht möglich.“

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