Gerade in schwierigen Zeiten wie diesen brauche es das Christentreffen, um Antworten auf aktuelle Fragen zu finden, sagt der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst. Er verteidigt die Lieferung geeigneter Waffen an die Ukraine als Hilfe zur Notwehr.

Seit dem Jahr 2000 leitet Bischof Gebhard Fürst die Diözese Rottenburg-Stuttgart. Viele Katholiken hadern momentan mit ihrer Kirche, sagt er im Interview.

 

Herr Bischof Fürst, Sie sind wohl der einzige unter den Ortsbischöfen in Deutschland, der seinen zweiten Katholikentag mit ausrichtet – nach 2004 in Ulm jetzt in Stuttgart. Warum ist das Treffen Ihnen so wichtig?

Das ist ein großes Zusammentreffen der Katholiken, auf dem wir zeigen können, welchen inhaltlichen Beitrag die Kirche leisten kann zu den wichtigen Fragen unserer Zeit. Man sieht: Kirche findet nicht nur im Ort statt, sondern sie ist eine starke, die Gesellschaft prägende Kraft. Das zeigen zu können ist großartig.

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Bei welchen Themen hört denn die Gesellschaft noch auf die Kirche trotz des Imageverlustes?

Wir haben überall dort große Aufmerksamkeit, wo wir kompetent handeln. Ich werde zum Beispiel regelmäßig eingeladen, wenn Fachleute aus Wirtschaft und Industrie darum ringen, die Digitalisierung human zu gestalten. Ebenso wird unser großes Engagement für die Bewahrung der Schöpfung anerkannt. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart etwa hat viele Projekte für einen besseren Klimaschutz.

Passt denn ein Event wie der Katholikentag in die jetzige Krisen- und Kriegszeit?

Das sind natürlich schwierige Bedingungen. Bei vielen ist womöglich die Freude am Zusammensein und Feiern gedämpft worden. Auch die Pandemie ist eine Belastung. Aber gerade deshalb brauchen wir Begegnung, brauchen wir Gespräche, brauchen wir ein Miteinander. Wir müssen gemeinsam erleben, dass der Glaube uns trägt und dass er uns hilft, Antworten auf aktuelle Fragen zu finden.

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Apropos, aktuelle Fragen: Wie stehen Sie als Christ zu Waffenlieferungen in die Ukraine?

Es wird am Freitag auf dem Katholikentag eine große Kundgebung geben. Christen setzen sich mit allen Mitteln für den Frieden und gegen Gewalt ein. Dass der russische Patriarch diesen Krieg unterstützt, erschüttert mich. Kriegstreiberei hat keinen Platz im Christentum. Wenn ein Land wie die Ukraine in einen derartig brutalen Krieg hineingezogen wird, wenn Dörfer und Städte zerstört werden und zahllose Opfer zu beklagen sind, dann müssen wir auch bereit sein, den Menschen zu helfen, sich in Notwehr zu verteidigen – auch mit geeigneten Waffen. So schrecklich das ist.

Zum Katholikentag kommen nun weniger Gäste als ursprünglich erwartet. Hat das Treffen seine Strahlkraft verloren?

Viele Katholiken hadern momentan mit ihrer Kirche. Die Missbrauchsskandale und ihre manchmal verunglückte Aufarbeitung dämpfen ebenso die Begeisterung wie die Tatsache, dass manche Reformen nicht so schnell kommen wie von vielen erhofft. Doch bei den Fragen des Glaubens geht es immer um die eigene Identität. Es gibt auch Kräfte in der Kirche, die an den Traditionen festhalten. Auch auf die müssen wir Rücksicht nehmen, um die Einheit zu wahren. Zuweilen werden aber auch die Fortschritte nicht genügend gewürdigt. So hat zum Beispiel die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre 1999 einen zentralen Streitpunkt der Reformation ausgeräumt.

Warum debattieren die konservativen Bischöfe wie Kardinal Woelki in Stuttgart nicht mit?

Ich habe in der Bischofskonferenz zweimal auch mit Materialien für einen Besuch geworben, am Katholikentag teilzunehmen. Alle Bischöfe sind eingeladen. Dass manche Stimmen auf dem Katholikentag im Gespräch fehlen, bedauere ich.