Die Bischöfe Fürst (li.) und July beim Weihnachts-Interview. Foto: Leif Piechowski

Sie treffen sich regelmäßig – der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, und Frank Otfried July , Bischof der Evangelischen Landeskirche Württemberg. Bei jedem Arbeitsfrühstück erkennen sie, dass sie weniger trennt als verbindet. „Es gibt viel mehr Gemeinsames“, sagt der Katholik Fürst.

Stuttgart - Sie treffen sich regelmäßig - der Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Gebhard Fürst, und Frank Otfried July, Bischof der Evangelischen Landeskirche Württemberg. Bei jedem Arbeitsfrühstück erkennen sie, dass sie weniger trennt als verbindet. „Es gibt viel mehr Gemeinsames“, sagt der Katholik Fürst.

Bischof Fürst, Bischof July, was bedeutet Ihnen die Adventszeit?
July: Ich freue mich wie ein Kind auf Weihnachten und begehe gern den Advent. Es ist eine Zeit der inneren und äußeren Vorbereitung. Wir beide treffen uns einmal in dieser Zeit, um Dienstliches zu besprechen, aber auch um unser Christsein und unser ökumenisches Miteinander zu leben. Das tut gut.

Fürst: Die Adventszeit ist für mich eine ruhigere Zeit, dann beginnt eine besondere Betriebsamkeit in den Gemeinden, da brauchen sie keinen Bischof. Ich höre ab und zu Adventslieder und zünde Kerzen an. Dabei fällt mir auf, dass viele CDs nicht nur Advents-, sondern schon Weihnachtslieder enthalten. Diese Mischung spüre ich auch auf den Straßen: Die Zeit des Erwartens und die Zeit der Erfüllung verlieren ihre eigene Ausstrahlung, was mir nicht besonders gefällt.

Die Kirchen fordern, nicht schon im Oktober Nikoläuse und Weihnachtsplätzchen zu verkaufen. Warum ist Ihnen das wichtig?
July: In einigen deutschen Städten gab es in diesem Jahr Diskussionen darüber, dass der Weihnachtsmarkt schon vor dem ersten Advent begann. Mich freut, dass es ein Bewusstsein dafür gibt, dass Unterscheidungen der Zeiten nötig sind. Jedes hat seine Zeit. Das Gegenbild ist für mich die Atemlosigkeit eines 24-Stunden-Tags ohne Unterbrechungen, die viele Menschen in Asien erleben – meine Schwiegertochter kommt aus Bali. Unsere Feiertagskultur, Advents- und Weihnachtskultur dient allen, auch nicht religiösen Menschen.

Die große Unterbrechung ist Weihnachten. Die Kirchen sind überfüllt. Was könnten Sie tun, dass auch unter dem Jahr mehr Menschen in den Gottesdienst kommen?
Fürst: Ich freue mich über jeden Menschen, auch wenn er nur an Weihnachten kommt. Wenn Menschen einen Gottesdienst erleben, der sie emotional anspricht, und etwas zur Sprache bringt, was sonst untergeht, erwächst vielleicht das innere Bedürfnis, öfter in die Kirche zu gehen. Wir wollen Menschen einladen, nicht bevormunden.

July: In der Evangelischen Kirche liegt ein Jahr des Gottesdienstes hinter uns. Weil sich Lebensgewohnheiten verändern, versuchen wir, dies auch in unseren Gottesdiensten widerzuspiegeln. Die Zahl der Gottesdienste jedenfalls ist hoch. Deutlich ist, dass der Gottesdienstbesuch jeden Sonntag für viele nicht mehr gesetzt ist – auch wenn wir in Württemberg noch eine recht große Zahl von Gottesdienstbesuchern haben. Besonders ist die Kirche aber bei wichtigen Lebensumbrüchen gefragt: etwa bei der Einschulung, Taufe, Eheschließung. Viele sind sehr empfänglich, wenn man in besonderen Situationen Erfahrungen mit ihnen teilt und ihnen Lebensdeutung ermöglicht.


Die Kirchen sind vor allem in schwierigen Situationen gefragt. Ihre badischen Kollegen waren nach der Brandkatastrophe in Neustadt bei den Trauernden, Sie beide nach dem Amoklauf von Winnenden vor Ort.
Fürst: Bei dramatischen Erfahrungen versagen Worte oft. Wir haben aus unserer Tradition Symbole und eine Botschaft, die Menschen Halt oder Trost geben können. In Winnenden wurde der Name jedes Kindes genannt, eine Kerze mit seinem Namen nach vorne getragen und an der Osterkerze entzündet. Das bedeutet: Die Zerstörung hat nicht das letzte Wort, das Kind ist aufgenommen in eine größere Dimension, ist bei Gott.

July: Mir ging es in diesem Gottesdienst sehr nach, als die Kerzen entzündet wurden. Einer meiner liebsten Sätze im Neuen Testament ist: Freut euch, dass eure Namen im Himmel aufgeschrieben sind. Jeder Mensch hat seine Würde und seinen Namen und ragt vor Gott aus der Anonymität heraus. Das wurde in dieser Situation besonders ­deutlich.

„Wir haben Symbole neu entdeckt, etwa die Osterkerze oder die Taufkerze“

Können Protestanten in puncto Symbole von den Katholiken lernen? Und was haben Katholiken von den Protestanten gelernt?
July: In einer Welt voller Kurzbotschaften und Bilder besinnen auch wir uns wieder auf die symbolische Sprache. Wir haben Symbole neu entdeckt, etwa die Osterkerze oder die Taufkerze. Insofern haben wir aus dem Schatz der gemeinsamen Tradition manches wiederaufgenommen. Das wird auch durch die ökumenische Nähe erleichtert. Fürst: Den evangelischen Christen ist das Wort, die Bibel sehr wichtig. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Liturgiereform gebracht und die Bedeutung des Wortes Gottes gestärkt. Seitdem gibt es drei große Lesungen – nicht in Latein, sondern in der Landessprache. Es ist nicht mehr so, dass die Evangelische Kirche eine Kirche des Wortes und die Katholische eine Kirche des Sakraments sind, es gibt viel mehr Gemeinsames.

2017 wird das 500-Jahr-Jubiläum der Reformation gefeiert, die zur Spaltung führte. Was bedeutet dieses Jahr für Katholiken, was für Protestanten?
Fürst: Wir sollten gut überlegen, wie wir damit umgehen, was wir gemeinsam tun können. Es gibt viel Licht und Schatten. Keine Seite kann nur feiern. Die Geschichte der Reformation ist auch eine Schuldgeschichte. Hätte Rom ein Jahrhundert zuvor Reformvorschläge aus Deutschland ernstgenommen, dann wäre es vielleicht nicht zur Kirchenspaltung gekommen. Auch die Evangelische Kirche tut sich nicht nur leicht mit ihrem Gründer. Zum Triumphieren haben wir beide keinen Anlass. Damals sind ja nicht zwei unterschiedliche Bewegungen vollkommen anderer Art auseinandergebrochen, sondern eine Einheit ist zerbrochen. Diesen Bruch gilt es zu überwinden.

Ist es denkbar, dass die Katholische Kirche den Bann gegen Martin Luther aufhebt?
Fürst: Ich glaube nicht, dass der Papst den Bann zurücknimmt. Er hat allerdings gesagt, was er an Luther schätzt: dass dieser die Gottesfrage wieder ins Zentrum gestellt hat. Wenn wir – Katholiken und Protestanten – respektvoll miteinander umgehen und die Gemeinsamkeiten betonen und stärken, tun wir uns und der Gesellschaft einen Dienst. July: Es geht, so meine ich, nicht um Geschenke. Es geht um einen sichtbaren Ausdruck gemeinsamen theologischen Lernens. Da hilft ein Bann wenig. Wir Evangelischen in Deutschland verstehen das Reformationsjahr 2017 nicht als selbstgefälliges Jubeljahr. Die Kirche ist immer zu reformieren. Für uns geht es in den nächsten Jahren um eine Neubesinnung: Vor welchen Herausforderungen stehen wir, welche Rolle spielen wir als Christen in Politik und Gesellschaft? Mir ist die Ökumene sehr wichtig. Wir machen in Württemberg gute Erfahrungen, auf der Ebene der Landeskirche wie in den Gemeinden. Ich sehe mit Schmerzen die theologischen Differenzen und wünsche mir, dass wir bis 2017 Zeichen der Gemeinschaft und des gemeinsamen Nachdenkens setzen.

Lutherbotschafterin Margot Käßmann hat bei einer Veranstaltung in Stuttgart kürzlich über 1000 Personen angezogen. Brauchen die Kirchen solche charismatische Persönlichkeiten?
Fürst: Ja, wir brauchen und haben charismatische Persönlichkeiten. Es macht aber einen Unterschied, ob es um eine einmalige Veranstaltung geht oder den regelmäßigen Sonntagsgottesdienst. Da kommt auch einfach Schwarzbrot und nicht immer Torte auf den Tisch. Bei Jugendtreffen, etwa in Untermarchtal, oder beim Taizégebet sind die Kirchen auch immer voller als sonst. July: Margot Käßmann hat eine besondere Gabe. Mit ihrer Ausstrahlung und Sprache erreicht sie auch Menschen, die mit Kirche weniger zu tun haben. Weil sie die Brüche in ihrem Leben nicht ausklammert, gibt sie vielen Hoffnung.

„Im Südwesten ist die Bindung an die Kirchen entgegen dem öffentlichen Eindruck noch sehr stark“

Die Kirchen erreichen heute nur noch einen Teil der Gesellschaft, vor allem bürgerliche Milieus. Müssen sie sich neu orientieren?
July: Eine aktuelle Studie hat uns in manchem überrascht: Im Südwesten ist die Bindung an die Kirchen entgegen dem öffentlichen Eindruck noch sehr stark. Wir sehen aber auch, dass wir manche Milieus zwar durch unsere diakonische Arbeit erreichen, aber nicht durch unsere Verkündigung. Deshalb müssen wir überlegen, wie wir eine Atmosphäre schaffen können, dass wir auch als Kirche anziehend sind. Das ist schwerer getan als gesagt. Fürst: Wir müssen sehen, wie wir den unterschiedlichen Milieus unterschiedliche Zugänge eröffnen. Die Eberhardskirche in Stuttgart haben wir zur City-Kirche gemacht, Passanten können jederzeit eintreten, auch mit jemandem sprechen. Eine weitere Möglichkeit sind Kinder- und Jugendgottesdienste. Es gibt aber auch Bereiche, in denen wir noch alle erreichen, etwa im Religionsunterricht, in den Kindergärten. Diese Chancen müssen wir noch besser nutzen.

Vernachlässigen Sie nicht die Gemeinden? Viele vermissen einen eigenen Pfarrer.
Fürst: Wenn wir die Nähe zu den Menschen verlieren, ist der Glaube nicht mehr traditionsfähig. Wir halten an den Kirchengemeinden fest. In einer globalisierten Welt wollen Menschen überschaubare Orte, in denen sie leben, beten, Gottesdienst feiern und tätige Nächstenliebe üben können. Auch in den Seelsorgeeinheiten bestehen die Gemeinden weiter fort, allerdings teilen sie sich einen Pfarrer. Es gibt aber in jeder Gemeinde eine Ansprechperson. Ich wünsche mir, dass die Gemeinden die Diakone, die Frauen und Männer in den pastoralen Diensten stärker anerkennen. Seit 15 bis 20 Jahren haben die Hauptamtlichen in der Pastoral nicht abgenommen, obwohl die Zahl der Katholiken gesunken ist. Wir werden auch nicht einfach Kirchen schließen oder verkaufen – sie sind keine Büros, sondern heilige, geweihte Orte.

Müssen Sie den Stuttgarter Stadtdekan Hermes bremsen, der eine neue Struktur für Stuttgart plant?
Fürst: Ich unterstütze das Projekt „Aufbrechen“ und habe dazu in einem Begleitbrief geschrieben, dass man zwischen Kirchen und Immobilien unterscheiden soll. Gemeinden sollen verwaltungsmäßig mehr zusammenarbeiten, denkbar ist etwa ein gemeinsamer Haushalt. Dies darf die Seelsorge in den Gemeinden vor Ort nicht schwächen, sondern wird sie vielmehr stärken. Es wird keine Zentralpfarrei geben. July: Auch bei uns wird es weniger Pfarrerinnen und Pfarrer geben, weil die Zahl der Gemeindeglieder durch den Geburtenrückgang sinkt. Bei uns entscheiden die Bezirkssynoden vor Ort. Aber der Prozess ist schwierig, und vielen fällt es schwer, den Pfarrer oder die Pfarrerin mit anderen Gemeinden zu teilen. Dabei ist klar: Wir sind auch künftig nah bei den Menschen, niemand muss auf Gottesdienst und seelsorgerliche Begleitung verzichten, die Gemeinden bilden weiterhin die Grundeinheit.

Stellen Sie sich einmal vor: Sie dürfen einen Wunsch an Gott formulieren. Wer soll dafür beten?
July: Ich wünsche mir, dass ich eine versöhnte Verschiedenheit der christlichen Kirchen noch erleben darf, und ich wünsche mir, dass Bischof Fürst dafür betet. Fürst: Das sage ich Ihnen zu. Ich wünsche mir hoffnungsfrohe Christen, damit das Christentum wieder einladend wirkt. Dieses Anliegen sollte in jeder Fürbitte in den Gottesdiensten vorkommen.

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