Bei Immatics in Tübingen arbeitet man an innovativen Krebstherapien. Foto: Immatics/Max Lautenschlaeger

Biotechnologie in Tübingen – das ist mehr als das Rennen um einen Impfstoff gegen das Coronavirus. Die Firma Immatics zeigt, dass etwa in Krebstherapien enorme, langfristige Perspektiven für den Standort liegen.

Stuttgart - Nach der Jahrtausendwende waren die Gründer der beiden Tübinger Biotechnologieunternehmen für eine Weile Nachbarn auf demselben Stockwerk. Beide nutzen sie eine ähnliche innovative Technologie, die mit Genmaterial die Abwehrkräfte des Körpers mobilisiert. Beide sind sie auf ihrem Feld erfolgreich. An beiden Unternehmen ist der im Bereich der medizinischen Biotechnologie sehr aktive SAP-Gründer als wichtiger Investor dabei. Eine Firma, der Corona-Impfstoffentwickler Curevac, ist aber inzwischen weltweit bekannt. Der Spezialist für Krebstherapie Immatics ist hingegen weiterhin nur Eingeweihten ein Begriff.

 

Mit der Prominenz von Curevac kann Immatics nicht mithalten

Aber traurig ist man bei Immatics wohl nicht, dass man im Gegensatz zu Curevac vom Interesse des US-Präsidenten Donald Trump verschont geblieben ist, der die Impfstoffentwickler aus Tübingen im Frühjahr angeblich in die USA locken wollte. Schließlich hat man im Juli einen Börsengang hingelegt, der in den USA eine Viertelmilliarde Dollar in die Kassen spülte. „Gemessen am Finanzierungsvolumen durch den Börsengang, war das bis dato einer der größten für ein europäisches Unternehmen“, sagt der Immatics-Chef Harpreet Singh.

Dass der Börsenkurs seither von gut zwölf Euro auf knapp acht Euro gesunken ist, bereitet ihm kein größeres Kopfzerbrechen: Die Medikamentenentwicklung im Biotechnologiebereich ist nichts für Spekulanten, sondern braucht Investoren mit Geduld und langem Atem. Man habe jetzt erst einmal das Kapital, um die Entwicklung voranzutreiben, sagt er.

Krebstherapie wird immer relevant bleiben

Dabei steht Immatics mindestens so sehr für die Zukunft des wachsenden Biotechnologie-Clusters in und um Tübingen wie Curevac. Immatics-Gründer Harpreet Singh hält nämlich die Krebstherapie, der man sich bei Immatics verschrieben hat, für ein Langfristthema.

„Wir haben im Frühjahr kurz überlegt, ob wir ebenfalls in das Rennen um einen Impfstoff gegen das Coronavirus einsteigen sollen“, sagt Singh. Bis zum Jahr 2010 hat man auch bei Immatics Impfstoffe im Blick gehabt, bevor man dann auf die Krebstherapie umgeschwenkt ist.

Zurzeit ist man öffentlich nicht so im Fokus – bei den Investoren schon

Die Technologie von Immatics ermöglicht es, bisher schwer behandelbare Tumore anzugreifen, indem dort Zielstrukturen, sogenannte Targets, aufgebaut werden. „Krebs wird noch lange eine Geißel der Menschheit sein“, sagt Singh. „Es kann sein, dass Unternehmen wie wir in diesen Monaten nicht so im Fokus sind. Aber institutionelle Investoren lassen sich da nicht so schnell ablenken.“ Es heißt einfach, viel Geduld mitzubringen.

Denn darüber, wann die ersten Therapien nun tatsächlich marktreif werden, kann noch nicht einmal Singh eine belastbare Schätzung abgeben. Wie bei den Impfstoffen gibt es zur Erprobung drei Phasen. Die erste Phase, die Erprobung der Sicherheit der Therapie mit wenigen Probanden, ist vom zuständigen Paul-Ehrlich-Institut inzwischen genehmigt. Ein erstes Zwischenergebnis soll es im ersten Quartal 2021 geben. Für die weiteren Phasen gibt es noch keinen genauen Zeitplan. Bei der Krebstherapie kann man mit einer kleineren Testgruppe arbeiten als bei der Entwicklung von Impfstoffen, die in der ganzen Breite der Bevölkerung und dazuhin bei Gesunden angewandt werden sollen.

Lob für den Standort Deutschland, insbesondere für Tübingen

Singh lobt die Möglichkeiten für Studien in Deutschland, wo man mit den Unikliniken in Bonn, Dresden und Würzburg kooperiert. Tübingen ist bisher nicht dabei. Dort habe man eine andere Spezialisierung, sagt Singh. Es gebe keine Konkurrenz mit der aktuellen Corona-Impfstoffentwicklung. Dort seien andere Probanden und andere Kliniken beteiligt. Deutschland hole bei der innovativen Krebstherapie mithilfe von Erbmaterial auf, sagt Singh. Die Entwicklung startete bei Immatics nämlich in den USA. „Dort ist diese Technologie etabliert, dort sind auch die Regulierer in deren Verständnis vor einigen Jahren noch weiter gewesen“, sagt er. „Deutschland hat aber mächtig aufgeholt. Wir haben die Zelltherapie jetzt wieder hierher zurückgebracht.“

Tübingen sei ein exzellenter Standort, es gebe einen sehr guten, qualifizierten Pool von Mitarbeitern von der Uni; auch Investoren aus der Region seien schon früh engagiert gewesen. „Auch der Wettbewerb um Arbeitskräfte ist gesund, denn Menschen von außerhalb der Region zieht es eher in eine Gegend, wo sie nicht nur einen potenziellen Arbeitgeber haben“, sagt Singh.

Der international agierende Stuttgarter Investor Alec Rauschenbusch, der mit seiner Risikokapitalgesellschaft Grazia Equity an Immatics beteiligt ist, pflichtet Singh bei: „Erfreulich ist auch, dass aus diesen Unternehmen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Reihe von neuen Gründern in der Region herauskommen werden.“