Ingmar Hoerr, Curevac-Geschäftsführer und Mitgründer Foto: Curevac GmbH

Der Einstieg von Microsoft-Gründer Bill Gates bei dem Tübinger Biotech-Unternehmen Curevac könnte für Höhenflüge sorgen. Für Curevac-Geschäftsführer und Mitgründer Ingmar Hoerr ist der prominente Investor aber kein Grund, die Bodenhaftung zu verlieren.

Tübingen - An das persönliche Treffen mit Bill Gates erinnert sich Curevac-Chef Ingmar Hoerr noch genau. Das Hotelzimmer in Paris sah aus wie ein Heizungskeller, mit gewaltigen gemalten Rohren an den Wänden. Da saß Gates mit seinen Beratern, und die Tübinger Forscher hatten Audienz. „Der hat uns gelöchert und wusste bestens Bescheid“, sagt Hoerr. Er und sein Partner hatten eine elektronische Präsentation vorbereitet, doch Gates wollte nur den Ausdruck und hat geblättert. „Ich war auf Seite 2 und der schon auf Seite 18. Der war extrem fit“, erinnert sich Hoerr. „Das war fast schon wie in einer Prüfung – Gates gegenüberzusitzen und ins Schwitzen zu geraten.“

Die Tübinger Forscher überzeugten. Nach dem Treffen stand fest, das Gates über seine Stiftung 46 Millionen Euro in die schwäbische Biotech-Firma investieren wird. Curevac wird damit in Tübingen eine Produktion für Impfstoffe aufbauen – 25 Prozent der Produktion hat sich die Gates-Stiftung für ihre Projekte in der Dritten Welt reserviert. Bislang betreibt Curevac lediglich eine Anlage für die Herstellung von sogenannter Messenger-RNA (mRNA) für Forschungszwecke. Diese mRNA ist das Erfolgsrezept des Unternehmens, „so etwas wie ein Kochrezept, weil der Körper damit seine eigene Medizin herstellen kann“, sagt Hoerr.

Die Nachricht, dass ein Amerikaner und dazu noch der reichste Mann der Welt in eine kleine Biotech-Firma in Tübingen investiert, löste nicht nur rund um Curevac Jubel aus. Curevac-Investor und SAP-Gründer Dietmar Hopp, der schon vor Jahren bei der Tübinger Firma eingestiegen ist, wertet Gates’ Engagement als Auszeichnung und Bestätigung seines Biotech-Engagements und denkt mittelfristig sogar an einen Börsengang von Curevac.

Curevac wurde vor 14 Jahren in Tübingen gegründet

Klar freut sich auch Hoerr über Gates’ Engagement, der nun über seine Stiftung rund vier Prozent an Curevac hält. „Es geht um große Namen. Wenn ein Herr Dudelhofer investiert hätte, wäre das Interesse nicht so groß“, sagt Hoerr. Ihm geht es um Inhalte – Medikamente gegen Krankheiten zu entwickeln und herzustellen. „Für mich war das eine Hammer-Woche, die Woche meines Lebens, die ich nie vergessen werde“, sagt er rückblickend, schüttelt den Kopf, als ob er es selbst nicht glauben kann, was da alles passiert ist. Dann muss er doch lächeln. In der ersten März-Woche wurde Gates’ Engagement publik, zudem wurden Hoerrs Zwillinge geboren. Da saß der frisch gebackene Vater dann mit Baby und Milchflasche am Telefon.

„Schon interessant, wie das Schicksal verläuft“, meint Hoerr. „Jetzt habe ich zwei kleine Jungs, und mein bisheriges Kind, die Curevac, ist erwachsen geworden, und ich muss sie nicht mehr so behüten. Das erfüllt einen schon mit Stolz“, sagt er. Mittlerweile hat das Unternehmen 160 Mitarbeiter, weitere werden dazukommen. „Wir müssen nur aufpassen, dass wir nicht zu schnell wachsen“, sagt Hoerr.

Vor 14 Jahren hat Biologe Hoerr mit zwei anderen Doktoranden die Firma Curevac in Tübingen gegründet. „Nicht weil wir unser eigenes Ding machen oder Unternehmer werden wollten“, sagt er. Die Forscher waren gezwungen, weil keiner auf ihren Ansatz einen Pfifferling gewettet hätte. Hoerr sprüht noch immer vor Enthusiasmus. „Krebs ist noch so dominant. In jeder Familie gibt es Krebskranke, und man weiß, wie schlimm das ist“, sagt er. Wenn man ein Mittel dagegen finde, müsse man es auf den Markt bringen. Auf das Mittel ist er während seiner Doktorarbeit gestoßen. Wie Wissenschaftler in aller Welt hat auch Hoerr zunächst mit DNA experimentiert – Chromosomenmaterial, das von Generation zu Generation vererbt wird. Dabei entdeckte er, dass RNA das „schlauere System ist“. Bei Wissenschaftlern ist die RNA aber als instabil und untauglich verschrien. Hoerr gelang es, das Molekül zu stabilisieren, was es mit einem Schlag vielfältig und unkompliziert nutzbar macht. Das ist sein eigentlicher Erfolg, denn damit stehen dem Unternehmen verschiedene Milliardenmärkte offen. Zudem lassen sich Medikamente damit relativ schnell und kostengünstig produzieren, auch müssen die Impfstoffe beim Transport nicht gekühlt werden. Gerade das dürfte auch Bill Gates mit seiner Stiftung interessiert haben, die Medikamente für Menschen in der Dritten Welt zur Verfügung stellt.

Impfstoff gegen Prostatakrebs

Noch hat Curevac kein Produkt am Markt, doch ist das Unternehmen durch das Engagement von Hopp und Gates bereits mit einer Milliarde Euro bewertet. Am weitesten ist Curevac beim Impfstoff gegen Prostatakrebs. Derzeit läuft die zweite klinische Testphase. Geht alles gut, gibt es nach Phase drei die Zulassung. Im Erfolgsfall könnte Krebs generell eine chronische Krankheit werden, die man in Schach halten kann, sagt Hoerr.

Doch der Curevac-Chef ist keiner, der große Töne spukt. „Wir sind schwäbisch und faktenorientiert“, sagt er und lässt sich von der eigenen Begeisterung nicht blenden. Auch Biotech unterliege den gleichen Regeln wie allgemeine Arzneimittelforschung. Die kostet Zeit und Geld. Mit allen Fehlschlägen koste die Entwicklung eines Medikaments etwa eine Milliarde Euro, sagt Hoerr mit Blick auf die Pharmabranche.

Als Jungunternehmer hat er schon viele Nackenschläge einstecken müssen. „Wenn Sie immer am Boden sind, heben Sie nicht ab“, sagt der 46-Jährige. Jetzt sei es wichtig, noch mehr aufs Tempo zu drücken. Bis spätestens 2019 soll in Tübingen eine Produktionsanlage für rund 30 Millionen Impfdosen aufgebaut werden. „Denn wenn ein Mittel die Zulassung bekommt, müssen Sie es auch produzieren können“, sagt Hoerr. Sein Herzblut steckt im Unternehmen, das mit der Entwicklung von Impfstoffen gegen Krebs und Infektionskrankheiten wie etwa HIV oder Rota-Viren bei Kindern daran arbeitet, Krankheiten zu lindern und Menschenleben zu retten. Ein Gedanke, der ihn seit seiner Doktorarbeit nicht mehr losgelassen hat.

Doch die Konkurrenz schläft nicht. In den USA ist vor vier Jahren ein Unternehmen an den Start gegangen, das ebenfalls auf mRNA setzt und bereits 900 Millionen Dollar von Investoren eingesammelt hat. Die seien noch nicht in der klinischen Testphase, besetzten aber alle Felder. „Wir waren unterfinanziert, sind Stück für Stück gründlich die Sachen angegangen“, sagt Hoerr. Das Rennen sei offen, ob deren Ansatz oder der eigene funktioniere. Curevac, Marktführer bei mRNA, werde aber als Erster ein Medikament auf den Markt bringen.

Dass es so lange dauern würde, damit hat Hoerr bei der Unternehmensgründung im Jahr 2000 nicht gerechnet. Doch anfangs hat keiner an die Tübinger Nachwuchsforscher und deren Daten geglaubt – egal ob McKinsey-Berater, Wagniskapitalgeber oder die Forscher auf weltweiten Konferenzen. Hilfe gab es vor allem von der Stadt Tübingen, die Räume und Labore zur Verfügung stellte. „Auch die Unterstützung vom Doktorvater und das Netzwerk in Tübingen hat uns geholfen“, sagt Hoerr. Man bemühte sich um Fördermittel etwa vom Programm für Junge Innovatoren des Landes Baden-Württemberg, kratzte Gelder für Patente zusammen und hielt sich parallel zur Forschung mit Auftragsarbeiten für Pharmakonzerne über Wasser, darunter beispielsweise Boehringer Ingelheim, mit denen Curevac nun auch bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen Lungenkrebs zusammenarbeitet. 2006 konnte Curevac SAP-Gründer Dietmar Hopp als Investor gewinnen. Ihm gehören jetzt 90 Prozent vom Unternehmen. Über die Jahre hat Hopp 145 Millionen in Curevac investiert und gerade erst weitere 20 Millionen Euro zugesagt. In Forscherkreisen ist Curevac längst kein No- Name mehr.

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